Würzburg

Meinungen bitte nicht löschen

In einem offenen Brief verteidigen 153 weltbekannte Intellektuelle die Meinungsfreiheit und warnen vor neuen gesellschaftlichen Tendenzen der Zensur. Wie sieht es in Deutschland aus? Gibt es auch hier Gründe, sich Sorgen zu machen? Droht eine "Cancel Culture"?

Cancel-Culture
Breitet sich auch in Deutschland schon eine intellektuelle "Löschkultur" aus? 153 internationale Persönlichkeiten haben in einem offenen Brief eine zunehmende "Intoleranz in Bezug auf abweichende Meinungen" und Zensur öffentlicher Äußerungen angeprangert. Foto: Adobe Stock

Es gibt Briefe, zumal diejenigen von Otto oder Ottilie Normalschreiber, deren Inhalte zugegebenermaßen oftmals nur über eine äußerst geringe Halbwertzeit verfügen. Und dann wiederum gibt es Briefe, über deren Inhalte es sich lohnt, auch noch nach längerer Zeit zu diskutieren. Briefwechsel historischer Persönlichkeiten fallen einem hierbei ein, wie etwa derjenige zwischen Sigmund Freud und Albert Einstein über das Wesen und Übel des Krieges, der für kunstgeschichtlich Interessierte hochinteressante persönliche und intime Austausch zwischen Vincent van Gogh und seinem Bruder Theo oder der philosophisch und literarisch äußerst hochwertige Briefwechsel zwischen Voltaire und Friedrich dem Großen. Doch auch jener Offene Brief, der am 7. Juli dieses Jahres im US-amerikanischen Monatsmagazin "Harper's" veröffentlicht sowie von 153 weltbekannten Intellektuellen unterschrieben wurde, dürfte auch in den folgenden Monaten und Jahren für Gesprächsstoff sorgen.

Die Unterzeichner des vielbeachteten Briefs, zu denen vor allem renommierte Autoren und politisch als eher linksliberal einzuschätzende Denker wie Margaret Atwood, Noam Chomsky, Mark Lilla, Steven Pinker, J.K. Rowling oder Salman Rushdie gehören, sprechen sich angesichts immer aggressiver in Politik, Publizistik und Sozialen Netzwerken auftretender Vertreter illiberaler Denkströmungen inklusive dazugehörender Ausgrenzungstendenzen gegenüber den eigenen Ansichten konträren Meinungsäußerungen für eine Stärkung der Meinungsfreiheit aus und bringen ihre Opposition gegenüber "einer neuen Reihe von moralischen Grundhaltungen und politischen Bekenntnissen" zum Ausdruck, "die darauf abzielen, unsere Normen in Bezug auf eine offene Auseinandersetzung zu schwächen". Zudem prangern die Verfasser eine ihrer Ansicht nach zunehmende "Intoleranz in Bezug auf abweichende Meinungen" an. Dies habe zur Folge, dass "der freie Austausch von Informationen und Ideen, der ja gerade der Lebenssaft der liberalen Gesellschaften ist, ( ) jeden Tag immer mehr eingeschränkt" werde, so die Autoren und Intellektuellen.

"Die Zensur, die man eher von Seiten der radikalen
Rechten erwartet, breitet sich in hohem
Maße auch in unserer Kultur aus"

Weiter heißt es in dem Brief: "Die Zensur, die man eher von Seiten der radikalen Rechten erwartet, breitet sich in hohem Maße auch in unserer Kultur aus: die Intoleranz im Hinblick auf abweichende Meinungen, eine Vorliebe für öffentliche Erniedrigung sowie die Neigung, komplexe politische Themen mit einer verblendeten moralischen Gewissheit zu lösen. Wir verteidigen das Prinzip einer standfesten Gegenposition." Aufrufe, all das "rasch und unnachsichtig zu sanktionieren, was als sprachlicher und ideologischer Verstoß wahrgenommen wird", seien bereits gang und gäbe. Als Beispiel dafür wird genannt, dass Redakteure, "wegen kontroverser Texte entlassen werden, Journalisten verwehrt wird, über bestimmte Themen zu schreiben, Professoren überprüft werden, weil sie Werke der Literatur zitierten und dass ein Wissenschaftler gefeuert wurde, weil er eine von Experten begutachtete akademische Studie in Umlauf brachte".

Steven Pinker, sicherlich einer der prominentesten Unterzeichner des Briefs, sieht durch diese in jenem Brief kritisierte illiberale "Cancel Culture" gar die Ideale der Aufklärung gefährdet und nannte in der "Welt am Sonntag" für seine Unterstützung mehrere Gründe: Zum einen werde durch die sogenannte "Cancel Culture" das Leben unschuldiger Menschen ruiniert. Zum anderen werde eine jüngere Generation von Intellektuellen, Wissenschaftlern und Künstlern eingeschüchtert und traue sich laut Pinker nicht mehr, eine andere Meinung zu äußern. Außerdem lähme der Trend, Menschen mit anderen Überzeugungen zu verleumden oder zu feuern, die Fähigkeit, kollektiv Probleme zu lösen. Der Harvard-Professor und Kognitionswissenschaftler betonte, dass aus seiner Sicht niemand allwissend sei. Deshalb bleibe man unwissend, wenn nur bestimmte Ideen diskutiert werden dürften.

Cancel Culture auch in Deutschland?

"Der Brief entstammt einem amerikanischen Kontext und trifft nur bedingt auf Europa zu, wo die Debatten weiterhin viel ausgewogener ablaufen", sagt zumindest der deutsche Schriftsteller Daniel Kehlmann gegenüber dem "Spiegel", der ebenfalls zu den prominenten Unterzeichnern des Briefes gehört und dessen Roman "Die Vermessung der Welt" als international erfolgreichster Bestseller made in Germany seit "Das Parfum" von Patrick Süskind gilt. "In letzter Zeit wurden von großen amerikanischen Institutionen immer wieder Menschen gekündigt beziehungsweise Artikel oder Bücher zurückgezogen, nur weil sie Ärger in Sozialen Medien verursacht hatten. Wenn man von diesen Fällen nichts weiß, kann man den Brief nicht verstehen", so Kehlmann weiter.

Dass die "Cancel Culture" im Journalismus jedoch eher als eine inneramerikanische Angelegenheit zu betrachten sei und in Europa beziehungsweise Deutschland eine ganz andere Debattenkultur herrsche, wird jedoch bezweifelt. Zum Beispiel von Simon Strauß, Schriftsteller ("Sieben Nächte") sowie Feuilletonredakteur in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". In dem Artikel "Lebensader in Gefahr" für das Feuilleton der FAZ nennt er beispielsweise den Fall des Journalisten Birk Meinhardt, der viele Jahre für die berühmte Seite drei der "Süddeutschen Zeitung" schrieb. Meinhardt, gebürtiger Ost-Berliner und seit 1996 Redakteur bei der SZ, verließ seinen langjährigen Arbeitgeber, nachdem dieser sich weigerte, zum wiederholten Mal einen von ihm erstellen Text zu veröffentlichen. In diesem Text ging es um zwei zu Unrecht verurteilte Rechtsradikale, von denen einer vier Jahre in Haft saß, bevor sich seine Unschuld herausstellte. Als die Chefredaktion der "Süddeutschen" seine Reportage nicht drucken will, weil Neonazis sie als Beweis für ihre Unschuld werten und für ihre Zwecke ausnutzen könnten, muss er sich laut Strauß "an Zeiten erinnert gefühlt haben, in denen unbequeme Wahrheiten unterdrückt wurden, weil sie dem  Klassenfeind  nützen könnten." 2017 verließ Meinhardt schließlich seine Zeitung und veröffentlichte ein Buch über seine Erfahrungen ("Wie ich meine Zeitung verlor").

"Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe
mein Leben dafür, dass Sie sie äußern dürfen"

Außerdem erwähnt Strauß den Fall der Philosophin Svenja Flaßpöhler, die als Geisteswissenschafts-Redakteurin bei Deutschlandfunk Kultur den Sender bereits nach einem Jahr wieder verließ, nachdem ein von ihr erstellter Bericht über politisch linksgerichtete Störer am Stand rechter Verlage bei der Frankfurter Buchmesse diese als "linksextrem" charakterisierte. Die Folgen waren heftige Attacken im Internet - sowie in ihrer eigenen Redaktion. Der Fall Svenja Flaßpöhler erinnere laut Strauß an den aufsehenerregenden Fall Bari Weiss: Die 36-jährige Meinungsjournalistin der "New York Times" gab bekanntermaßen ihre Kündigung bekannt, weil sie die "illiberale Atmosphäre" einer Redaktion, in der "Selbstzensur die Norm" geworden sei, nicht mehr ausgehalten habe.

Der freie Austausch von Ideen sei die "Lebensader einer liberalen Gesellschaft", heißt es in dem Brief der 153 Intellektuellen. Für Simon Strauß ein Satz, der ihn an den berühmten, wohl fälschlicherweise Voltaire zugeschriebenen Grundsatz erinnert: "Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie äußern dürfen."

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