Voerde

Kirche gegen den Strom?

Widerstand gegen den Zeitgeist – für viele Katholiken das Nonplusultra. Dabei kann es manchmal auch vernünftig und ein Zeichen von Vitalität sein, wenn man mitschwimmt.

Gegen den Strom?
Gegen den Strom zu schwimmen, muss nicht immer richtig sein, meint Markus Gehling: "Ich lebe am Rhein. Wir wissen, dass man nach einem Sturz hinein nicht gegen den Strom kämpfen darf. Man muss die Macht des Stroms nutzen, um ans rettende Ufer zu kommen." Foto: Adobe Stock

Der Lektüre der neuen Benedikt- Biografie von Peter Seewald verdanke ich echte geistliche Lichtblicke. Überhaupt verbinde ich mit Joseph Ratzinger manches innere Licht, das noch kein Kirchenskandal seither auslöschen konnte.

Dennoch stimmt mich der letzte Teil des Buches traurig. In der Beschreibung seines Wirkens als Papst klingt ein melancholischer Ton an, der auch in Wortmeldungen aus seinem Umfeld zu hören ist. Ich hoffe, dass sich hier nicht die Herzenshaltung Benedikts spiegelt, als eines Papstes, der im Trommelfeuer der Medien stand, dessen Erbe von Gegnern innerhalb und außerhalb der Kirche marginalisiert wird. Eines Mannes, der letztlich als „gescheitert“ gestempelt werden soll.

Inzwischen empfinden es doch viele Katholiken so, dass wir als Kirche schräg zur Welt stehen, im Widerspruch gegen eine zunehmend säkulare, ja atheistische Gesellschaft. Sind wir Kirche im Gegenwind? Oder schon bald Kirche im Widerstand? Die ehemalige CDU-Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht beklagt ein Versagen der Kirchen in der Corona-Pandemie, das sie darin begründet sieht, dass man Politik und Behörden nicht stärker widerstanden habe.

„Auch wer gegen den Zeitgeist
schwimmt, kann irren“

Als Jugendlicher mochte ich den Spruch: „Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“. Heute zweifle ich an der Parole, auch wenn mir die Lust auf Widerspruch und Diskussion nicht vergangen ist. Auch wer gegen den Zeitgeist schwimmt, kann irren. Peter Seewald zitiert in seiner Benedikt-Biografie (S. 813) den Historiker Philip Jenkins. Dieser widerspricht der Deutung Johannes Pauls II. als jemanden, der „sich gegen den überwältigenden Strom der Geschichte stemmte, gegen Modernisierung, Säkularismus und Feminismus“. Betrachte man seine Amtszeit in einem größeren Kontext, sehe man „eine Gestalt, die nicht gegen, sondern mit dem Strom der Geschichte schwimmt“. Er verkörpere einen „Vorgeschmack auf das 21. Jahrhundert“. Entscheidend ist, dass man nicht als matter Fisch mit dem Strom schwimmt, sondern quicklebendig bleibt und kraftvoll schwimmt. Ich lebe am Rhein. Wir wissen, dass man nach einem Sturz hinein nicht gegen den Strom kämpfen darf. Man muss die Macht des Stroms nutzen, um ans rettende Ufer zu kommen.

Kirche im Gegenwind! Es erstaunt, welche Ablehnung, welcher Hass uns entgegengebracht wird. Meist bekommt man auf Nachfrage historische Storys aufgetischt, Narrative über Hexenverfolgung und Kreuzzüge, das angebliche Versagen der Kirche im Nationalsozialismus oder aktueller: der Missbrauch an Kindern und Jugendlichen.

Natürlich gibt es Widerspruch, wenn jemand sagt: „Mach es dir im Leben nicht zu leicht, lege deinen Leidenschaften Zügel an, gibt nicht allen Lüsten nach, genieße nicht das Leben – übernimm Verantwortung.“ Es braucht oft ein geduldiges Gespräch, manchmal erst einen Kairos, der einen Blick ins Herz und in die Erfahrungen mancher Zeitgenossen möglich macht. Manch einer sieht im Kirchenmenschen den moralischen Zeigefinger allzu strenger Eltern, gegen die kein Aufstand möglich war. Der pubertäre Widerstand trifft die Kirche. In solchen Erfahrungen wurzeln kirchenkritische Haltungen vieler Journalisten und gesellschaftlicher Influencer. Schwieriger wird es, wenn es persönlicher ist. Nicht Wenige haben in ihrem Lebenslauf eine Kirche erlebt, die sich selbst zelebrierte, die im Namen Gottes nach Macht und Einfluss strebte, manchmal nach Besitz, manchmal auch nach Herrschaft über das Handeln und die Seele eines Menschen... Menschen brechen mit der Kirche, die sie als machtvoll und unbeweglich erfahren, einer Kirche, die ihrem eigenen Leben fern bleibt. Wir sollten nie vergessen, dass all das Unvollkommene, all das Böse, all das Gescheiterte, all der Schmutz in der Geschichte der Kirche sich unendlich viel tiefer ins Herz legt, als noch so viel Gutes. Die Verbrechen eines Missbrauchstäters zerstören das Werk vieler guter Priester.

„Wir brauchen in der Kirche wenig Apologie,
wohl aber die Bereitschaft, sich zu prüfen, ob es um
Gottes Willen geht oder um eigene Überzeugungen“

Wir erleben eine Kirche, die mehr denn je in unserer Generation zerrissen ist. Die zunehmenden Auseinandersetzungen bringen keine Verbesserungen, sie beschädigen unsere Glaubwürdigkeit. Es wird immer unterschiedliche Sichten geben – aber weit mehr als Unterschiede beschädigt Streit und Theologengezänk unsere Verkündigung. Wenn wir auf die Kirche als geistliche, ja göttliche Wirklichkeit schauen, dann dürfen wir die Kirche auf Erden nicht einfach mit der Kirche Gottes identifizieren. Das öffnet Türen zum geistlichen und am Ende auch zum sexuellen Missbrauch. Die Kirche ist allenfalls ein dunkles Spiegelbild der göttlichen Wirklichkeit. Immerhin scheint in ihr der göttliche Glanz durch: im Nachdenken über Gottes Wort, in der Liturgie, in der Schönheit der Kunst, aber auch in der Größe der Schöpfung, in der Liebe...

Wir brauchen in der Kirche wenig Apologie, wohl aber die Bereitschaft, sich zu prüfen, ob es um Gottes Willen geht oder um eigene Überzeugungen. Verteidigen wir mit allen Mitteln das von Menschen gestaltete (oder verunstaltete) Abbild oder versuchen wir, es dem himmlischen Urbild anzunähern? Sein wollen wie Gott, das ist die Ur- und Wurzelsünde der Kirche, die Quelle für religiösen Fanatismus. Wir sollten immer für möglich halten, dass Gott der ganz Andere ist und ganz Anderes von mir will. „Nichts Menschliches ist mir fremd!“ und „Mit mir kannste reden wie mit einem ganz normalen Menschen“, pflegte mein alter Pastor zu sagen. Das vergesse ich nie. Es war ehrliche Demut. „Ich bin nicht besser als Du!“ Das löste Blockaden und öffnete Herzen für Jesu Wort. Diese Grundhaltung finde ich auch im „Nec laudibus, nec timore“ Kardinal von Galens und in Papst Franziskus' Antwort auf die Frage, wer er sei: „Ein Sünder, den Gott angeschaut hat.“

„Der Platz der Kirche ist mitten in
der Welt – und nicht in religiösen Schutzräumen“

Kirche braucht Distanz zur Macht und sollte auch deren Mittel nicht für sich nutzen. Was ja nicht ausschließt, dass sie Reichen und Mächtigen zur Seite steht.
Um glaubwürdig zu bleiben, darf sie auch nicht jenen Mächtigen die Stange halten, die sich mit Blick auf traditionelle Familienbilder und Lebensschutz wohlfeil zu „christlichen Werten“ bekennen. Der Platz der Kirche ist mitten in der Welt – und nicht in religiösen Schutzräumen, wo die Welt noch in Ordnung scheint. Wir müssen da sein, wo der Mensch lebt, leidet, kämpft und betet. Selbst dann noch, wenn er glaubt, die Gottesmutter Maria brauche ein Update. Ja, die Welt ist schlecht, aber es ist nicht unsere Berufung, uns den Staub der Welt von den Schuhen zu streifen.

Wir sind alle Sünder, die Gott angeschaut hat. Unser Leben ist begleitet von Gebrochenheiten. Das Böse ist ebenso gegenwärtig wie das Gute und Göttliche. In ein und demselben Leben, das dunkle Seiten kennt. Nirgendwo enthüllt sich diese Wahrheit so wie im Priester, der sich als großartiger Menschenhirt zeigt und sich beinahe zeitgleich im Hinterzimmer sich einen Menschen zu Willen macht.

Es gibt nur einen glaubwürdigen Ausweg aus der Kirchenkrise, demütig unten anfangen, da bleiben und selbst die ungerechte Wut der Opfer aushalten. Das gelingt nur im grenzenlosen Vertrauen auf IHN, der das tiefe Tal selbst durchschritten hat.

Der Autor ist Pastoralreferent und Blogger (https://kreuzzeichen.blogspot.com).

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