Würzburg

Kein Personenkult

Medienberichte über die Verfehlungen in der Kirche reißen nicht ab. Viele Katholiken befinden sich deshalb im Kampfmodus. Man darf sich aber nicht blenden lassen.

Missbrauch
Oft täuscht der fromme Schein. Katholiken tun gut daran, charismatische Persönlichkeiten nicht anzuhimmeln. Foto: Boris Roessler (dpa)

Das „Das ist ein Heiliger, ein Heiliger!“ – Immer wieder sagte er diesen Satz, ich weiß es noch wie gestern. Wir Jungs saßen in einem Halbkreis um Pater Matthäus* herum, der ergriffen auf die Leinwand zeigte. „Das ist ein Heiliger!“

Der Film, den uns Pater Matthäus während einer Jugendfreizeit vor mehr als zehn Jahren vorführte, zeigte einen Herrn mittleren Alters, der umringt von einer Handvoll junger Männer die Heilige Messe zelebrierte. Die Aufnahme war offensichtlich schon etwas älter, nichtsdestotrotz versetzte sie den Pater in eine feierliche Stimmung. Als der Clip zu Ende war, sprach er mehrere Minuten lang über diesen Priester. Die Begeisterung, die er hegte, war echt. „Ich bin mir sicher“, sagte Pater Matthäus, „dieser Mann wird eines Tages heiliggesprochen.

Der Mann, dessen Heiligsprechung uns damals prophezeit wurde, heißt Pater Marcial Maciel. Er war Gründer der Priesterkongregation der „Legionäre Christi“ und der Laienbewegung des „Regnum Christi“. Nur wenige Jahre später sollte Papst Benedikt XVI. in einer Erklärung des Heiligen Stuhls feststellen: „Das sehr schwerwiegende und objektiv unmoralische Verhalten von Pater Maciel, das durch unbestreitbare Zeugenaussagen belegt ist, äußert sich bisweilen in Gestalt von wirklichen Straftaten und offenbart ein gewissenloses Leben ohne echte religiöse Gesinnung.“ Nach den Untersuchungen herrschte auch bei den Repräsentanten der Legionäre und des Regnum Christi schreckliche Gewissheit: Ihr Gründer war ein Verbrecher.

"Sind sie alle getäuscht worden? Oder wollte man sich täuschen lassen?
Im Nachhinein ist es leicht, den Stab über jene treuen Gefolgsleute zu brechen ... ."

Sind sie alle getäuscht worden? Oder wollte man sich täuschen lassen? Im Nachhinein ist es leicht, den Stab über jene treuen Gefolgsleute zu brechen, die selbst dann noch von einer „Medienkampagne gegen die Kirche“ sprachen, als ein Großteil der Missbrauchsvorwürfe längst erwiesen war. Wer was wann wie wusste, lässt sich hinterher schwer rekonstruieren. Die Visitatoren, die die Legionäre Christi eingehend untersuchten, sind sich sicher, dass zumindest ein Großteil der Mitglieder nichts vom verbrecherischen Doppelleben des Gründers wusste.

Wie konnte ein derartiger Personenkult entstehen, der zu einer solch fatalen Betriebsblindheit führte? Auch das ist schwer zu beantworten. Schließlich hatte es schon früh Zweifel gegeben an Pater Maciels Integrität. Warum hat man nicht auf die kritischen Stimmen gehört? In der Erklärung des Heiligen Stuhls zur Apostolischen Visitation der Legionäre Christi heißt es dazu: „Nicht selten hatten ein beklagenswertes Diskreditieren und Entfernen derer, die an seinem [Pater Maciels] korrekten Lebenswandel zweifelten, und auch die irrige Auffassung, dem Guten nicht schaden zu wollen, das die Legionäre vollbrachten, um ihn herum einen Verteidigungsmechanismus geschaffen, der ihn über lange Zeit unangreifbar machte und folglich das Wissen um sein wahres Leben äußerst erschwerte.“

Jeder Missbrauch ist Verbrechen und Verrat

Auch heute reißen die Medienberichte über die Verfehlungen der Kirche nicht ab. Mancher Artikel ist reißerisch und unfair. In der Welt „da draußen“ bekommt die Kirche nichts geschenkt, weshalb sich leicht das Gefühl einstellen kann, alle hätten es auf uns abgesehen.

Wenn schließlich doch ein weiterer Missbrauchsfall ans Licht kommt, gibt es oft diesen Reflex, dass „wenigstens wir Katholiken doch zusammenhalten müssen“. Man will es den Feinden der Kirche doch nicht noch einfacher machen, indem man ihnen bereitwillig Material liefert, und streitet in diesen Fällen erst einmal alles ab. Wenn es dann noch eine Persönlichkeit betrifft, deren Spiritualität unser Leben geprägt hat, ist die Versuchung, es nicht wahrhaben zu wollen, umso größer. Oft heißt es: „Aber die guten Früchte! Wäre doch schade, wenn man sie mit der faulen Wurzel herausreißt!“ Aus menschlicher Sicht kann ich diese Reaktionen nachvollziehen. Jeder Missbrauchsfall ist ein Verbrechen dem Opfer gegenüber und ein Verrat an der Kirche. Jeder von uns versucht ein Leben nach der Lehre Christi zu leben und im Alltag Zeugnis zu geben. Und doch hören wir oft: „Du bist ja vielleicht ganz nett, aber die Kirche allgemein… Schließlich gab es da doch wieder diesen Fall!“

"Vertuschung, Verharmlosung und falsche Kumpanei darf niemals die Lösung sein!
Unsere subjektive Wahrnehmung („er ist ein Heiliger“) darf dabei nie
der objektiven Wahrheitsfindung im Wege stehen."

Ich habe die Nase voll davon, dass einzelne Missbrauchstäter das Ansehen unserer Kirche so beschädigen und dabei auch mein persönliches Zeugnis nivellieren. Und dennoch: Vertuschung, Verharmlosung und falsche Kumpanei darf niemals die Lösung sein! Unsere subjektive Wahrnehmung („er ist ein Heiliger“) darf dabei nie der objektiven Wahrheitsfindung im Wege stehen. Gerade in der heutigen Zeit, in der wir Christen so oft die Sittenlosigkeit und den Relativismus beklagen, sollte es uns noch mehr als allen anderen darauf ankommen, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Letztlich ist es die Wahrheit, die uns frei macht.

Es ist menschlich gesehen durchaus verständlich, dass manche im Verteidigungsmodus verbleiben und – möglicherweise unbewusst – sogar bereit sind, Verbrechen zu relativieren, um dem Ruf der Kirche nicht noch mehr Schaden zuzufügen. Aber ist das gerecht den Opfern gegenüber, die unvorstellbares Leid erfahren mussten durch jene Diener der Kirche, die das Evangelium so schändlich verraten haben? Mehr noch: Wird das den Ansprüchen Jesu Christi gerecht, der davor warnte, die Schutzverantwortung gegenüber den „Kleinen“ zu missbrauchen? Für einen solchen Menschen wäre es besser, „wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde“, prophezeit er ganz drastisch (Mt 18, 6). Wenn wir ehrlich sind, brauchen wir menschliche Vorbilder im Glauben. Als junger Schüler fühlte ich mich als Einzelkämpfer oft auf verlorenem Posten, wenn ich bei meinen Mitschülern versuchte die Kirche zu verteidigen. Neben diversen Heiligen war für mich zur damaligen Zeit daher auch der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner ein Vorbild. Köln war von Serwichhausen aus gesehen weit weg, doch über Zeitschriften und Nachrichten informierte ich mich regelmäßig über diesen kämpferischen Kardinal. 

"Meisner machte es mir leicht,
nicht dem ungesunden Personenkult zu verfallen
oder gar ein überzeichnetes Bild von ihm zu verehren."

Schließlich durfte ich ihn sogar in Köln besuchen, wo er sich über eine Stunde lang Zeit für mich nahm und mir Mut machte, nie den Glauben zu verlieren. Und dennoch: Meisner machte es mir leicht, nicht dem ungesunden Personenkult zu verfallen oder gar ein überzeichnetes Bild von ihm zu verehren. Zum einen lag es daran, dass der Kardinal geradezu penetrant daran erinnerte, wem in wessen Auftrag er diente. Kompromisslos stellte er sich in den Dienst Gottes und stieß notfalls auch mal seine glühendsten Verehrer vor den Kopf, wenn er merkte, dass diese Christus aus den Augen verloren.

Zum anderen gab sich Meisner kaum Mühe, den Menschen zu verbergen, der er eigentlich war: Tieffromm und leidenschaftlich. Aber auch schroff, wahnsinnig ungeduldig und immer ein wenig launisch. Diese Lektion war sehr wichtig für mich. Auch Vorbilder haben menschliche Schwächen, an denen sie ein Leben lang zu arbeiten haben. Es waren ein paar bestimmte, ausgewählte Eigenschaften, die ich an Meisner bewunderte und die ich versuchte nachzuahmen. Eigenschaften, in denen Meisner wiederum Christus nacheiferte, der für uns alle das eigentliche Vorbild ist. „Besser, sich zu bergen beim Herrn, als auf Fürsten zu bauen“, heißt es im Psalm 118.

Wir brauchen menschliche Vorbilder

Warum brauchen wir dennoch menschliche Vorbilder, wenn wir doch Christus haben? Warum eifern wir Kopien nach und nicht direkt dem Original? Ich denke, das liegt daran, dass sie uns zeigen, wie wir trotz unserer Unzulänglichkeiten Christus ähnlich werden können. Genau deshalb sollten wir diese Vorbilder nicht verklären. Es gibt viele Blender, aber auch jene, die sich gerne blenden lassen.

Dadurch, dass wir Christen im Sohn Gottes das größtmögliche Vorbild haben, sollten wir von Natur aus unempfindlich gegenüber den Verlockungen des falschen Personenkultes sein. Nicht nur während der Kaiserzeit im römischen Reich, sondern auch während der Nazi-Herrschaft warnten deshalb viele Christen schon früh vor den katastrophalen Folgen solcher menschenfeindlichen Ideologien.

Diese gesunde Skepsis gegen jede Art von ungesundem Personenkult sollten wir uns bewahren, vor allem auch in den eigenen Reihen. Schon allein der Kirche zuliebe.
                                       * Name geändert

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