Posen

Inflationäre Nutzung der Begriffe entleert sie ihrer Bedeutung

Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit – sie wirken heute wie hohle Phrasen. Die dahinterstehenden Überzeugungen haben ihre Glaubwürdigkeit verloren. Wie konnte es dazu kommen?

Sinnentleerte Begriffe
Viele Begriffe werden derzeit so inflationär, unpräzise und so sinnentstellt verwendet, dass ihre eigentliche Bedeutung verloren geht. Sprache wird so sinnlos. Foto: Jens Kalaene (dpa-Zentralbild)

Vor 2 500 Jahren schrieb Konfuzius (Lunyü 13,3): „Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeiht Moral und Kunst nicht; gedeiht Moral und Kunst nicht, so treffen die Strafen nicht; treffen die Strafen nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Darum sorge der Edle, dass er seine Begriffe unter allen Umständen zu Worte bringen kann und seine Worte unter allen Umständen zu Taten machen kann. Der Edle duldet nicht, dass in seinen Worten irgendetwas in Unordnung ist. Das ist es, worauf alles ankommt.“

Der Bogen wird überspannt

Und in der Tat scheint gerade die Gegenwart ein guter Beleg für die Allgemeingültigkeit dieser Aussage zu sein, sieht sich doch der heutige Westen einer weitgehenden Sinnentleerung seiner sprachlichen Mittel gegenüber. Überall bezichtigen sich die verschiedensten Parteien, in die unsere Gesellschaft zerfällt, gegenseitig der diktatorischen Anmaßung, wittern hinter allen Versicherungen nur geschickten Betrug und überspannen den Bogen der Polemik so sehr, dass mittlerweile selbst ernstzunehmende Vorwürfe vor lauter begrifflicher Inflation kaum noch geglaubt werden. Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit, Vielfalt, Toleranz – alle diese Begriffe sind mittlerweile so sehr in ihrer Bedeutung überdehnt worden, dass auch die ursprünglich dahinterstehenden Überzeugungen zunehmend ihre Glaubwürdigkeit verloren haben und jeglicher Form von Gesetzesbeugung allmählich Tür und Tor geöffnet wird.

Wie konnte es nur dazu kommen? Die Erklärung ist einfach, im antiken China wie im modernen Europa: Nur, wenn Begriffe ein ultimatives transzendentes Fundament haben und gleichzeitig in einer zur Tradition gewordenen Handlungspraxis verankert sind, können sie dauerhaft im echten und eigentlichen Sinne gebraucht werden. Wo eine Gesellschaft sich aber allmählich vom Glauben löst oder dieser zu einem mehr oder weniger sinnentleerten Formalismus erstarrt,während zugleich auch die Tradition durch inneren oder äußeren Druck ihre verpflichtende Kraft verliert, bleibt vom Wort nur noch eine Leerstelle im Netzwerk eines weder von oben, noch von innen gestützten semantischen Koordinatensystems. Denn wer ein Wort lediglich durch ein anderes definiert, gelangt früher oder später an den Ausgangspunkt zurück und sieht sich zu willkürlichen oder rein positivistischen Deutungen gezwungen, welche allen Arten bewusster Manipulierung und Instrumentalisierung Vorschub leisten.

Jahrhundertelang Frieden gegen Verlust individueller Freiheit

„Die Worte wieder in Ordnung bringen“ war daher auch für Konfuzius das Gebot der Stunde, doch scheiterte bereits er selbst an dieser Forderung: Zu groß war der gesellschaftliche wie spirituelle Wandel, der sich im China seiner Zeit vollzogen hatte, als dass ein kollektives Umdenken noch irgendeine Chance hatte. Erst die Reichseinigung unter den Qin und den Han brachte erneut stabile Verhältnisse, in denen es der vom Kaiser gestützten konfuzianischen Beamtenschaft möglich war, erneut die Worte zu „ordnen“ und somit eine jahrhundertelange Friedenszeit zu schaffen – freilich um den Preis der regionalen Autonomie und oft genug auch der individuellen Freiheiten.

Ob es im modernen Westen anders verlaufen wird? Dann müsste zuallererst eine allgemeine verbale Mäßigung eintreten und die Bereitschaft, sich objektiv auf die Argumente des anderen einzulassen. Dies geht freilich nur dann, wenn keine der streitenden Parteien einen allzugroßen Machtüberhang besitzt ...

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