Salzburg

In der Protesgeneration steckt die Ahnung des verlorenen Paradieses

Die Protestgeneration misstraut der Geschichte des unaufhaltsamen Fortschritts. Sind ihre Demonstrationen Ausdruck ihrer Sehnsucht nach einer schöneren Welt?

Wo ist das Paradies?
"No to Racism" (Nein zu Rassismus): Weltweit demonstrieren zornige junge Leute gegen Gewalt, Ausbeutung und Intoleranz. Doch wo ist das Paradies? Foto: dpa

There is a crack in everything.“ Es gibt in allem einen Riss. Diese Erkenntnis aus der Feder Leonard Cohens, die seinem Song „Anthem“ entnommen ist, wurde 1992 veröffentlicht. Der Weltfrieden schien durch das Ende des Kalten Krieges zum Greifen nahe, die Berliner Mauer war gefallen und Demokratie breitete sich endlich auch über den Osten aus. Cohen blieb skeptisch. Sein frisches Album „The Future“ durchzog ein düsterer Ton. In einem Interview äußerte er: „Ich denke, dass der Zusammenbruch der Mauer viel Leid mit sich bringen wird.“ Kann es sein, dass sich ein „crack“, ein Riss, durch das zieht, was wir für gewöhnlich als gut bezeichneten?

Cohens Skeptizismus bewahrheitete sich. Das Narrativ, dass sich die Menschheit mit zunehmendem Fortschritt in Wissenschaft, Technik und Medizin zu einer immer besseren, friedlicheren, glücklicheren und vernünftigeren entwickelt, verliert an Strahlkraft. Galt beispielsweise Plastik noch bis vor kurzem als modern, praktisch und sauber, kann man heute nicht mehr ohne schlechtes Gewissen eine Plastikflasche kaufen, wo doch jeder weiß, dass der kaum zersetzbare Kunststoff die Meere verschmutzt und Tiere qualvoll zugrunde gehen lässt. Das Vertrauen in Politik, in Parteien und Demokratie wankt. Politiker enttäuschen durch Verwicklung in verschiedenste Affären und die parteilichen Fronten verhärten sich in linke und rechte Lager. Viele Wahlkämpfe gleichen ideologischen Schlachtfeldern, ein kontroverser Twitter-Eintrag, ja schon ein „Like“ an falscher Stelle wird als Mittel benutzt, um den politischen Gegner zu denunzieren. Die alte Geschichte des Westens, der der restlichen Welt Frieden, Sicherheit und Wohlstand bringt, gerät ins Wanken. Sie wird überschattet durch ein verstärktes Bewusstsein ihrer Kehrseiten: Versklavung und Vertreibung indigener Völker, Kolonialisierung, deren Folgen bis heute reichen, Antisemitismus und vieles mehr. Diese Sensibilisierung ist unter anderen ein Grund für die aktuellen Denkmalstürze. Dunkelheit und Licht liegen eben nah beieinander. Ihr Zwielicht gebiert die großen Umwelt- und Antirassismusbewegungen unserer Zeit. An ihnen scheiden sich die Geister.

Radikalität, Hysterie, Schwarz-Weiß-Denken

Die Klimaaktivisten argumentieren damit, dass, wenn es uns nicht gelingt, bis zum Jahr XY die CO2-Emissionen um XY Prozent zu verringern, um dadurch die fortschreitende Erderwärmung zu stoppen, es kein Zurück mehr geben wird. Untergangsszenarien gibt es vielfältige: Die Erde wird sich gegen uns richten in Form von großen Umweltkatastrophen, es wird Kriege ums Wasser geben und so fort. Die Überzeugungen nehmen teils radikale Auswüchse an. Die Sprache wird hysterisch, Ängste werden geschürt und Menschen in Gut und Böse eingeteilt, je nachdem, ob sie auf Seiten der Klimaschützer oder der Klimawandelleugner stehen. Alles soll dem Ziel, möglichst rasch Klimaneutralität erreicht zu haben, untergeordnet werden. Kinder sollen am besten keine mehr geboren werden, da das eine Kohlendioxid-Einsparung von 58,6 Tonnen pro Kind und pro Jahr bedeuten würde.

„Ökophile scheinen nicht
unbedingt Philanthropen zu sein“

Die 2018 gegründete Gruppe „Extinction Rebellion“, auf Deutsch „Rebellion gegen das Aussterben“, organisiert Störaktionen an wichtigen Knotenverkehrspunkten von Städten, um den Verkehr lahmzulegen. Manch einer wird sich fragen, ob die Demonstrierenden an die Rettungswägen gedacht haben, die auf dem Weg sind, Verletzte schnellstmöglich ins Krankenhaus zu befördern oder an die Menschen, die auf Auto und öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, um zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen. Ökophile scheinen nicht unbedingt Philanthropen zu sein. Ähnliche Muster lassen sich bei den Antirassismus-Demonstrationen erkennen. Die einst guten Intentionen – das Zeigen von Solidarität mit der schwarzen Bevölkerung, die Forderung nach umfassender Gerechtigkeit und Transparenz in der Exekutive – steigern sich in Wut, die zu Aggression führt. Der Sündenbock ist die Polizei, gegen die in den Medien und auf Sozialen Netzwerken Stimmung gemacht wird. Die Welle der Entrüstung schwappte auf den alten Kontinent über und bildet den Hintergrund für die jüngsten Angriffe auf die Polizei in Städten wie Stuttgart, Düsseldorf oder Frankfurt. Wenn sich der Hass auf eine angeblich rassistische Polizei darin äußert, dass zu Hilfe eilende Beamte mit Glasflaschen beworfen werden und ein zusehender Mob den Tätern Beifall klatscht, wie die „NZZ“ berichtet, ist das ein Beweis dafür, dass die ursprünglichen Absichten grob verfehlt sind. Was ist der Grund dafür, dass es scheinbar einen sich wiederholenden Kreislauf gibt?

Unser Herz weiß um eine schönere Welt

Der Philosoph und Mathematiker Charles Eisenstein hat eine Erklärung. Seine These lautet, dass wir uns in der „Geschichte der Separation“ befinden, in ihr leben, handeln und denken. Es ist die Geschichte vom Menschen als Roboter aus Fleisch, der durch seine Gene darauf determiniert ist, sein Eigeninteresse zu maximieren. Abgetrennt von den anderen Seelen und von der Welt, inmitten eines gleichgültigen Universums, können wir dank Wissenschaft und Technologie die Natur, in Zukunft selbst den Tod, hinter uns lassen. Nach Eisenstein gehört zu dieser Weltsicht, dass es immer eines Feindes bedarf, der für das Böse verantwortlich ist. Dieses „Böse“ drückt sich heute unter anderem aus in Konzernen, Politikern, den Rechten, den Klimawandelleugnern und Rassisten. Diese Einteilung in Gut und Böse bezeichnet der Kulturphilosoph als die bequemste (Schein)lösung einer Krise. Er warnt die Klimaaktivisten davor, nicht in die „Herrschaftsdenkweise, die der zivilisatorischen Umweltzerstörung zugrunde liegt“, zu tappen.

Eisenstein analysiert die Proteste unserer Zeit und zieht den Schluss, dass sie, obwohl sie verschiedene Anliegen haben, auf denselben Grund zurückzuführen sind: Die Weigerung, in dem lebensfeindlichen System, in dem die Menschheit verstrickt ist, weiterzumachen. Die Demonstrierenden ahnen, wenn auch unbewusst, dass die Dinge fundamental anders laufen sollten. Unser Herz weiß um eine schönere Welt, so seine These, nach der wir uns insgeheim sehnen. Doch diese lässt sich nicht durch Drohungen und Forderungen oder durch eine „Wir gegen die anderen“-Mentalität umsetzen, sondern nur durch eine „Revolution der Liebe“.

„... erkennen, dass die Heilung aus der
Wertschätzung der Entwerteten kommt“

Es ist eine neue Geschichte abseits von Funktionalismus und Utilitarismus, die geschrieben werden kann. Hier werden CO2-Reduktionismus und Störaktionen auf Kosten anderer eingetauscht gegen eine Liebesgeschichte zwischen den Geschöpfen und der Schöpfung. Dem Kleinen, Unbedeutsamen wird Aufmerksamkeit geschenkt: „Dies ist keine Revolution, bei der wir einige Wesen für die Weltrettung opfern, sondern eine, bei der wir erkennen, dass die Heilung aus der Wertschätzung der Entwerteten kommt.“ Klingen diese Worte nicht ganz nach einem Mann, der vor 2000 Jahren das Evangelium der Seligpreisungen predigte?

Womöglich ist der Grund, warum unser Herz eine schönere Welt kennt, der Hauch einer Ahnung des verlorenen Paradieses. Die schmerzliche Vertreibung aus dem Garten bezeichnet Leonhard Cohen als den „zentralen Mythos unserer Kultur“.

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