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In den USA herrscht eine neue „Löschkultur“ statt offener Auseinandersetzung

Ein von 150 bekannten Persönlichkeiten signierter Offener Brief setzt sich für freie Meinungsäußerung ein und kritisiert freiheitsbedrohende Tendenzen in der Gesellschaft.

Coronavirus - USA
Der New York Times-Kolumnist Charles M. Blow twitterte im Gegenzug: „Eine Cancel-Culture gibt es nicht. Es herrscht Redefreiheit. Man kann sagen und tun, was man will“. Foto: Wang Ying (XinHua)

Das berühmte Monatsmagazin „Harper’s“ für Literatur, Politik und Kultur hat kürzlich einen von 150 - zumeist einer linken Einstellung zuzurechnenden – Prominenten aus Kultur und Medien sowie aus dem universitären Bereich unterzeichneten Offenen Brief veröffentlicht, in dem diese sich für die Meinungsfreiheit aussprechen und ihre Opposition gegenüber „einer neuen Reihe von moralischen Grundhaltungen und politischen Bekenntnissen“ zum Ausdruck bringen, „die darauf abzielen, unsere Normen in Bezug auf eine offene Auseinandersetzung zu schwächen“.

Widerspruch von linken Kommentatoren

Während man auf konservativer Seite wegen der in diesem Schreiben kritisierte „Cancel Culture“ (die mit diesem spezifischen Begriff allerdings nicht erwähnt wird) beunruhigt ist, widersprachen zahlreiche linke Kommentatoren in US-amerikanischen Medien dem Brief. So twitterte etwa der New York Times-Kolumnist Charles M. Blow: „Eine Cancel-Culture gibt es nicht. Es herrscht Redefreiheit. Man kann sagen und tun, was man will“. Und die Online-Plattform "The Objective" veröffentlichte nur drei Tage später eine Entgegnung auf den ursprünglichen Aufruf, signiert von 164 Journalisten, Schriftstellern und Akademikern.

Was bedeutet der Begriff „Cancel Culture“ eigentlich? Ins Deutsche kann er beispielsweise mit dem Wort „Löschkultur“ übersetzt werden. Für das Online-Magazin "Quillette" wird damit die Praxis bezeichnet, „eine Institution unter Druck zu setzen, jemanden einer Sanktion auszusetzen, weil andere meinen, dass sie von etwas, was diese Person sagte oder was sie vor langer Zeit einmal tat, psychisch oder emotional verletzt seien“. Beispiele in der jüngsten Vergangenheit dafür sind etwa Proteste, durch die ein Vortrag verhindert werden soll, oder auch ein koordiniertes Vorgehen in den sozialen Medien zur Sperrung eines anderen Nutzers.

Zunehmende Intoleranz gegenüber abweichenden Meinungen

In ihrem Offenen Brief nun prangern die Verfasser eine zunehmende „Intoleranz in Bezug auf abweichende Meinungen“ an. Denn „der freie Austausch von Informationen und Ideen, der ja gerade der Lebenssaft der liberalen Gesellschaften ist, wird jeden Tag immer mehr eingeschränkt“, schreiben bekannte Persönlichkeiten wie die Schriftstellerin und militante amerikanische Feministin Gloria Steinem, der algerische Journalist Kamel Daoud, der Harvard-Psychologe Steven Pinker, der deutsche Schriftsteller Daniel Kehlmann oder die Autorin von Harry Potter, J. K. Rowling. Weiter heißt es in dem Brief: „Die Zensur, die man eher von Seiten der radikalen Rechten erwartet, breitet sich in hohem Maße auch in unserer Kultur aus: die Intoleranz im Hinblick auf abweichende Meinungen, eine Vorliebe für öffentliche Erniedrigung sowie die Neigung, komplexe politische Themen mit einer verblendeten moralischen Gewissheit zu lösen. Wir verteidigen das Prinzip einer standfesten Gegenposition“. Denn die Aufrufe, all das „rasch und unnachsichtig zu sanktionieren, was als sprachlicher und ideologischer Verstoß wahrgenommen wird“, seien bereits gang und gäbe.

Als Beispiel dafür wird genannt, dass Redakteure, „wegen kontroverser Texte entlassen werden, Journalisten verwehrt wird, über bestimmte Themen zu schreiben, Professoren überprüft werden, weil sie Werke der Literatur zitierten und dass ein Wissenschaftler gefeuert wurde, weil er eine von Experten begutachtete akademische Studie in Umlauf brachte“. Wie auch immer die jeweilige Begründung im Einzelfall gewesen sein sollte - das Ergebnis ist, „dass wir kontinuierlich den Rahmen dessen verengen, was ohne Androhung von Repressalien noch gesagt werden kann“.

DT/ks

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