Würzburg

Im Glauben Gewissheit erlangen

Der katholische Existenzphilosoph Peter Wust favorisiert am Ende des Nachdenkens über den Glauben die Devotion gegenüber der Reflexion. Sein Schlüssel zum Verständnis des Daseins ist nicht der Gedanke, sondern das Gebet.

Der Denker und der Engel
Philosophie und Religion sind in einem ständigem Spannungsverhältnis. Foto: Adobe Stock

Die Auseinandersetzung der Philosophie mit dem christlichen Glauben sorgt oft dafür, dass dieser hinter die Ideen jener zurücktritt. Die Religionsphilosophie ist bestenfalls ein Rückzugsgefecht mit der Religionskritik, die dabei die Themen setzt. Die Existenzphilosophie versteht sich schlechterdings als Gegenentwurf zum Glauben, soweit sie die Sinnfrage säkular zu beantworten sucht und die großen christlichen Themen – Freiheit, Schuld, Hoffnung, Leid, Erlösung – in die Immanenz von Welt und Wirklichkeit verlegt.

Wust als „Erkenner und Bekenner“

Der katholische Existenzphilosoph Peter Wust (1884–1940) geht einen anderen Weg. Bei ihm erschließt sich der christliche Glaube aus dem philosophischen Denken. Wusts Werk – 1920 erscheint „Die Auferstehung der Metaphysik“, das erste seiner vier Hauptwerke, gefolgt von „Naivität und Pietät“ (1925) sowie seinem umfangreichsten Werk „Die Dialektik des Geistes“ (1928), ehe 1937 sein wohl bekanntestes Buch erscheint: „Ungewissheit und Wagnis“ – ist beeinflusst von Augustinus und Bonaventura, aber auch von seinen Zeitgenossen Max Scheler und Karl Jaspers. Es ist getragen von dem Gedanken einer Wiederkehr der Metaphysik und damit gegen den Positivismus seiner Zeit gerichtet, der von den Neukantianern vorbereitet, dann von den Sprachphilosophen (linguistic turn) und Erkenntnistheoretikern (wissenschaftliche Weltanschauung) vollendet wurde, die damit auch gleich mal für sich in Anspruch nahmen, die einzig mögliche Philosophie der Zukunft zu betreiben.

Nicht zuletzt ist Wusts Denken tief im christlichen Menschenbild verankert. Sein Werk ist einer Anthropologie verpflichtet, in welcher der Mensch zwischen reinem Geist und reiner Natur oszilliert. In dieser Eigenschaft als augustinianisches „Zwischenwesen“, in dieser bewegten, „nicht festgestellten“ (Nietzsche) Situation sucht der Mensch nach Gewissheit. Diese zu erhalten erhofft er sich einerseits aus der Weisheit (homo philosophicus), andererseits kann er sie – wenn überhaupt – nur im Glauben an Gott wirklich erfahren (homo religiosus). Wust ist damit zugleich „Erkenner und Bekenner“ (Karl Pfleger).

Um zur Gewissheit zu gelangen, ist nach Wust also beides nötig: denken und glauben. Die rational begründete Metaphysik bedarf der vertrauenden Demut des Gottesglaubens. Diesen Schritt zu machen, diesen Weg zu gehen, erfordert Mut. Daher ist der Glaube für Wust ein Wagnis – kein Leichtsinn, sondern ein vernünftiger Akt – ein Wagnis der Weisheit. Es ist eine Gratwanderung zwischen „Ungewissheit und Wagnis“, wie Peter Wust in seinem gleichnamigen Bestseller eindrucksvoll aufzeigt.

Zwischen Schicksal und Kontingenzbewältigung

Wust geht darin im semi-naturalistischen Sinne vom Menschen als einem Zwischenwesen aus, das einerseits als animalisch-naturgebunden erscheint, andererseits mit einem über das Diesseits hinausweisenden Intellekt ausgestattet ist. Diese Position des vergeistigten Tieres stellt den Menschen in eine prinzipielle Ungewissheit (insecuritas humana), sowohl hinsichtlich der Deutung seines irdischen Seins, als auch in Bezug auf die vagen Vorstellungen möglicher Optionen eines jenseitigen Daseins. Insoweit unterscheidet Wust hinsichtlich der Ungewissheit hierarchisch drei Bereiche: die lebensweltliche Fortuna-Ebene, die Ebene der philosophischen Erkenntnis (Ur- und Gottesgewissheit) und die Ebene der theologischen Erkenntnis (Existenz Gottes, Offenbarung und Heil).

Auf der untersten Ebene des Schicksalhaften scheint der Mensch Spielball der Glücksgöttin Fortuna zu sein: Sowohl individuell, als auch in Volksgruppen und Gemeinschaften, erlebt der Mensch ein stetes Auf und Ab, dessen Erscheinungsformen ihm nicht selten irrational erscheinen, vor allem dann, wenn es offenbar den Guten schlecht und den Schlechten gut ergeht. In diesen alogischen Kontext ist der Mensch zwischen Trotz und Hingabe gestellt, Begriffe, die auf den Existenzphilosophen Karl Jaspers zurückgehen.

Das Problem der Philosophie

Auf der mittleren Ebene philosophischer Ur- und Gottesgewissheit geht es Wust zunächst darum, die relative Hilflosigkeit der Philosophie angesichts der Fragen nach gesicherter Erst- und Letzterkenntnis deutlich zu machen, um ihr dann den Rücken zu stärken. Das besondere Problem des Philosophen ist dabei, dass er einerseits mit seinem eigenen Verstand arbeiten (Selbsteinsatz), andererseits diesen in einigen Fragen ausschalten soll (Selbstaufgabe), ein Paradoxon, das vom Menschen nicht gehandhabt werden kann, obwohl Wust einen Ausweg für den

Philosophen bereithält, wenn er ihm segensreiches Arbeiten verspricht, solange er nur die „seinsfromme Haltung“ (sapientia) an die Stelle der „unfrommen Erkenntnishaltung“ (curiositas) setzt.

„Dieser personale Gott bleibt jedoch auch für denjenigen, der sich zum Glauben entschlossen hat, nicht ganz greifbar.“ Peter Wust

Nach Wust deuten die untere Fortuna-Ebene und die mittlere Ebene philosophischer Ur- und Gottesgewissheit auf die obere Ebene der Ungewissheit hin, auf der sich der homo religiosus im Halbdunkel an Antworten auf die Grundfragen des Glaubens versucht, also den Fragen nach Gott, seiner Offenbarung und dem Heil des Menschen, wobei in diesem Zusammenhang die Frage des persönlichen Heils alles überschattet. Erst der homo religiosus erreicht nach Wust die eigentliche Bestimmung des Menschen.

Hinsichtlich der entscheidenden Frage nach der Existenz Gottes ist das Vorgehen des homo religiosus ein anderes als das des Philosophen: Gotteserkenntnis geschieht nicht durch den denkenden Verstand, sondern durch ein fühlendes Herz und bleibt dabei nicht abstrakt-theoretisch, sondern wird konkret-praktisch. Gott wird in der Unsicherheitsnot des Menschen, die häufig in Form von Schicksalsschlägen zur Existenznot kulminiert, als „Du“ erkannt. Dieser personale Gott bleibt jedoch auch für denjenigen, der sich zum Glauben entschlossen hat, nicht ganz greifbar, sondern präsentiert sich bald enthüllt, bald wieder verhüllt. Völlige Klarheit, so Wust mit Verweis auf Pascal, gibt es im Religiösen ebenso wenig wie auf der mittleren Unsicherheitsebene philosophischer Erkenntnis.

Geborgenheit in Ungeborgenheit

Der Mensch kann der Ungewissheit durch das Wagnis der Weisheit entrinnen, das Wust vom Entscheidungsirrationalismus Jaspers deutlich abgrenzt, der wiederum eine Synthese der Entwürfe Kierkegaards (absoluter Glaubenspositivismus) und Nietzsches (absoluter Nihilismus) anstrengt. Weisheit heißt für ihn nicht philosophisches, sondern existenzielles Wissen, das seinen Ausdruck in einer Lebensweisheit findet, die zu ehrfurchtsvollem Gottvertrauen, zur Gelassenheit des Glaubens und zur Liebe führt.

Dennoch bleibt diese Weisheit ein Wagnis. Das Wagnis der Weisheit kann auch als „Wagnis des vernünftigen Gehorchens“ angesehen werden. Der Mensch kann eben doch nicht die volle Erkenntnis erlangen, sondern bleibt im Halbdunkel verhaftet, während die Welt um ihn scheinbar in Unstimmigkeiten und in Irrationalem zu ersticken droht. Es bleiben prinzipielle Zweifel, die angesichts seiner (noch-)nicht vollständigen Vergeistigung durchaus ihre Berechtigung haben.

Das Wagnis der Weisheit

Doch der Mensch kann durch das Wagnis der Weisheit, also: durch den Glauben an Gott, nicht nur von der grundsätzlichen Ungewissheit zur höchstmöglichen Form der Gewissheit, sondern auch in seiner prinzipiellen Ungeborgenheit zur Geborgenheit gelangen. Jeder suchende Mensch ist geborgen auf seinem Weg zum letzten Ziel.

Der Theologe und Seelsorger Wust setzt sich schließlich spürbar gegen den Philosophen und Analytiker Wust durch. Deutlich wird dies auch in seinem Abschiedswort an die Studenten in Münster. Den Tod vor Augen fasste Peter Wust seine Idee vom seinsfrommen, demütigen Menschen zusammen, dem der Glaube Gewissheit und Geborgenheit gibt: „Und wenn Sie mich nun noch fragen sollten, bevor ich jetzt gehe und endgültig gehe, ob ich nicht einen Zauberschlüssel kenne, der einem das letzte Tor zur Weisheit des Lebens erschließen könne, dann würde ich Ihnen antworten: ,Jawohl‘. – Und zwar ist dieser Zauberschlüssel nicht die Reflexion, wie Sie es von einem Philosophen vielleicht erwarten möchten, sondern das Gebet.“

Kurz gefasst

Reflexion und Devotion stellen für den katholischen Existenzphilosophen Peter Wust (1884–1940) die prinzipiellen Möglichkeiten des Menschen dar, seinem Schicksal zu begegnen. Die Philosophie kann orientieren, doch kann sie die Fragen nach Gott, seiner Offenbarung und dem Heil nicht beantworten. Der Mensch braucht dafür die Religion. Der Glaube ist für Peter Wust ein Wagnis. Wer es eingeht, kann Gewissheit in der Ungewissheit und Geborgenheit in der Ungeborgenheit erlangen.

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