Würzburg

Herausforderung Pfingsten

Heiliger Geist contra Zeitgeist: Mutmaßungen und Zumutungen.

Herausforderung Pfingsten
Diese Demonstranten warten nicht auf den Heiligen Geist, sondern auf die Rücknahme der Corona-Verbote. Foto: dpa

Zu Pfingsten sind nicht nur, wie ein alter Kalauer besagt, die Geschenke am geringsten. Auch das Wissen um dieses am 50. Tag (griechisch pentekosté) der Osterzeit begangene Fest, das immerhin als Gründungsdatum der christlichen Kirche gilt, weist ziemlich limitierte Dimensionen auf. Gerade mal 56 Prozent konnten bei einer Umfrage in Deutschland Pfingsten bedeutungsmäßig richtig zuordnen (Weihnachten 92, Ostern 86). Es warAngela Merkel, die dieses fatale Faktum auf den Punkt brachte: „Wenn Sie mal Aufsätze in Deutschland schreiben lassen, was Pfingsten bedeutet, dann würde ich mal sagen, ist es mit der Kenntnis übers christliche Abendland nicht so weit her.“

Nun ist der Heilige Geist, der laut Apostelgeschichte zu Pfingsten auf die in Jerusalem versammelten Jünger herabkam, in der Tat keine ganz so simpel zu fassende Angelegenheit. Als dritte Person der göttlichen Dreifaltigkeit – gemeinsam mit Gott-Vater und Gott-Sohn – sorgte er über Jahrhunderte für sophistisch-theologische Debatten und schließlich für die erste große Spaltung der Christenheit. Geht doch das Schisma zwischen den orthodoxen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche im Jahre 1054 auf die unterschiedliche Beantwortung der Frage zurück, von wem der Heilige Geist ausgeht: von Vater und Sohn (römisch-katholisch) oder nur vom Vater (orthodox)?

Ein Element der Unruhe

Mit solch sakralem Abstraktum haben offenbar selbst Theologen Probleme. Die Lehre vom Heiligen Geist bringe „ein Unruhe-Element in die christliche Gotteslehre, die mit alledem noch rätselhafter und unverständlicher wird“, bekennt der evangelisch-lutherische Dogmatikprofessor Hans-Martin Barth. Nun muss ein „Unruhe-Element“ nicht unbedingt das Schlechteste sein. Für den Philosophen Martin Heidegger gehörte die Unruhe zu den Urgründen des Fragens und Suchens nach dem Sinn des Seins. Und Jesus sorgte mit seinem Wirken, mit seinen Taten und Verkündigungen, für Unruhe von einer Qualität, die man bis dato nicht kannte. Allein die Bergpredigt ist ein Quell dauerhafter Unruhe. Einer Unruhe, mit der Jesus die Welt in ihren Grundfesten erschütterte – bis heute. Diese erschütternde Wirkung gründet für den katholischen Theologen Klaus Berger in dem ebenso unfassbaren wie glaubensevidenten Geheimnis der christlichen Sicht auf die Dreieinigkeit: „Eben weil Gott nicht nur der erhabene und weltferne Gott über uns ist (wie tendenziell im Islam), sondern weil er es nicht verschmäht hat, in dem Menschen Jesus uns zu begegnen, und weil er noch eine zweite Selbst-Erniedrigung vollzieht: Er verschmäht es überdies nicht, im Herzen jedes Christen als Heiliger Geist zu wohnen.“ Was, so kann man hinzufügen, die Dynamik einer Unruhe auf Gott hin bewirkt, wie sie Augustinus in seinen „Confessiones“ beschrieb: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott.“

So betrachtet, ist Pfingsten eigentlich das spirituell herausforderndste unter den Festen des Kirchenjahres. Dazu passt perfekt, dass es zugleich das entspannteste ist: kein Vorfeiertagsstress, keine fiebrige Geschenkerwartungshaltung. Aber vielleicht gründet das dürftige Wissensniveau in ebendiesem materiellen Manko.

Merkel: Mehr Mut zum Christsein

Merkels oben zitierter Satz war im September 2015, auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise, während einer Publikumsdiskussion in der Schweizer Hauptstadt Bern Teil ihrer Antwort auf die Frage, wie sie „Europa und unsere Kultur vor der Islamisierung schützen“ wolle. Die Kanzlerin kühn: Durch „den Mut, zu sagen, dass wir Christen sind“ und „mal wieder in einen Gottesdienst zu gehen oder ein bisschen bibelfest zu sein“. Deutsche wissen auch „wenig über Islam und Muslime“, wie „Die Zeit“ beklagte.

Ein Defizit, an dessen Beseitigung nach Kräften gearbeitet wird. „Ramadan 2020 – Das muss man wissen“, schrieb beispielsweise die „Berliner Morgenpost“. Schließlich ist der islamische Fastenmonat hierzulande längst festes Agens der publizistischen Folklore und wird auch anders-, nicht- und ungläubigen Medienkonsumenten alljährlich aufs Neue nahegebracht. Was auch deshalb nicht unwichtig ist, da sich dieses fromme Brauchtum – im Unterschied zum Heiligen Geist – vielfältig im banalen Alltag niederschlägt.

So, wie mit dem Islam auch der Ramadan zu Deutschland gehört, gehören des Letzteren lähmende Auswirkungen auf den Schulunterricht in Teilen Berlins (und anderswo) mittlerweile zu den Imponderabilien der Arbeit des pädagogischen Personals. Was in diesem Jahr allerdings keine Rolle spielte, da der Ramadan komplett in die Zeit der Corona-bedingten Schulschließungen fiel. Weshalb „alles sehr viel ruhiger“ (Deutschlandfunk) ablief.

„Wir leben in einem Heidenland
mit christlicher Vergangenheit und
christlichen Restbeständen“
Karl Rahner

Ohnehin können wir „nicht den Gang der Geschichte aufhalten“, wie Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble apodiktisch konstatierte. „Der Rest der Bevölkerung muss akzeptieren, dass es in Deutschland einen wachsenden Anteil von Muslimen gibt.“ 50 Jahre zuvor hatte der große katholische Theologe Karl Rahner einen Satz geformt, dessen kuriose Kohärenz mit dem kategorischen Imperativ des evangelischen Christen Schäuble frappiert: „Wir leben in einem Heidenland mit christlicher Vergangenheit und christlichen Restbeständen.“

Nimmt man den Lauf der Zeiten seither, dürften die „christlichen Restbestände“ in Schäubles Kalkül vom „Rest der Bevölkerung“ wohl nicht mehr sonderlich ins Gewicht fallen. Teile dieses „Restes“ erliegen den Medien zufolge nun offenbar gar sinistren „Verschwörungstheorien“, vornehmlich „rechter“ Couleur, und nehmen diese als endgültige Wahrheit über die staatliche Seuchenpolitik und sonstige satanische Bübereien. Doch, wie schon Nietzsche wusste, „nicht der Zweifel, die Gewissheit ist das, was wahnsinnig macht“.

Für Nietzsche war es eine anthropologische Konstante, „eine engere, verkürzte, vereinfachte Welt fortwährend nötig“ zu haben. Es ist der entlastende Griff zu möglichst klar ordnenden und wertenden Deutungsmustern, um so der zunehmenden Komplexität und Unübersichtlichkeit einer kontroversen Welt zu begegnen. Verschärfend wirkt dabei das notorische Insistieren von Ideologen, die ihre Ressentiments pflegen – auf der Straße, in der Politik, bei den Medien.

Von Babel nach Jerusalem

Angesichts des solcherart überreizten Zeitgeistes dürfte es segensreich sein, diesen einen Moment zu vergessen und sich des Heiligen Geistes zu entsinnen, wie ihn laut Apostelgeschichte in Jerusalem die Jünger Jesu erfuhren: „Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ (Apg 2,2–4) Und, so ist anzufügen, sie redeten nicht nur „in anderen Sprachen“, sie verstanden einander auch. Es war sozusagen die Umkehrung dessen, was über die Turmbauer zu Babel gekommen war – mit der Verwirrung der Sprache, „sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht“ (1 Mose 11,7).

Diese pfingstliche Implikation des Heiligen Geistes bedarf keiner komplizierten theologischen Auslegung. Sie heißt: Konflikte lösen durch gewaltfreie Kommunikation. Es passt, dass genau dies auch der Titel des Konzeptes und wichtigsten Buches von Marshall B. Rosenberg (1934–2015) ist. Der US-amerikanische Psychologe und international erfolgreiche Mediator betonte, es gehe dabei „darum, uns an etwas zu erinnern, das wir bereits kennen – nämlich daran, wie unsere zwischenmenschliche Kommunikation ursprünglich gedacht war“. Ein Konzept, das „schon seit Jahrhunderten bekannt“ sei.

Diesen vermittelnden und versöhnenden Aspekt des Heiligen Geistes in unserer zerstrittenen und zersplitterten Gesellschaft als Element einer pfingstlichen Spiritualität zu erkennen, weiterzugeben und möglichst auch zu leben, wäre kein geringes Geschenk am Hochfest zum Abschluss der Osterzeit.

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