Berlin

Heiligenbildchenblau

Die Wahrheit kann eine Last sein, bedrücken, wehtun. Auch wenn sie weit zurückliegt. Doch man muss sich ihr stellen. Schreiben hilft dabei. Oder die Erinnerung an die Mutter Gottes. Wissend, dass kein Mensch dazu berufen ist, Opfer zu sein.

Heiligenbildchenblau
Eine Farbe voller Geheimnisse, Abenteuer und Gefahr: Ute Cohen erinnert sich an die Heiligenbildchen ihrer Kindheit, den blauen Himmel und den Missbrauch durch den Vater ihrer Freundinnen. "Die Wahrheit ist, ich habe eine Geschichte geschrieben (...), in der das Blau der Wahrheit... Foto: Adobe Stock

Die Füße in die Hand nehmen kann jeder, aber den Kopf unter den Arm? Dem Heiligen Minias ist das gelungen. Kaiser Decius hatte den verarmten christlichen Prinzen und Soldaten in Florenz gefoltert und enthauptet. Minias nahm daraufhin seinen Kopf unter den Arm und durchschwamm den Arno bis zum gegenüberliegenden Ufer. An dieser Stelle wurde im 4. Jahrhundert eine der schönsten Basiliken der Toskana errichtet: San Miniato al Monte.

Von diesen Geschichten konnte ich als Kind nicht genug bekommen. Ich sog sie auf, bangte mit San Miniato, verehrte ihn für seinen Heldenmut und hatte Sehnsucht nach dieser Kirche, vor der ich Mohnblumen und Margeriten niederlegen wollte. Heiligengeschichten waren meine Passion. In der kleinen katholischen Kirche im Heimatort meiner Mutter sammelte ich die Bildchen meiner grausam leidenden Helden, legte mich nach dem Kirchgang ins Gras und bestaunte diesen unendlich weiten Himmel, der verschmolz mit dem Blau der Passion, mit dem Blau des Leids zu einem einzigartigen Ton: Heiligenbildchenblau.

„Ich ahnte, dass ich mich wappnen musste
für etwas Unbekanntes, das mich in den Abgrund stürzen
oder ungeahntes Glück bedeuten würde“

Die Farbe erfüllte mich mit Kraft, verhieß aber auch Geheimnisse, Abenteuer und Gefahr. Irgendetwas verbarg sich hinter diesem Strahlen. Ich ahnte, dass ich mich wappnen musste für etwas Unbekanntes, das mich in den Abgrund stürzen oder ungeahntes Glück bedeuten würde. Eine beseelte Sinnlichkeit dehnte sich in mir aus, ein ängstliches Sehnen, das umhüllt war von einer heiligen Naivität.

Ich war neun Jahre alt, als er das erste Mal vor mir stand: „,Ein Eis?‘, fragte er und hielt ihr ein Kilimandscharo unter die Nase. Ein fremdes Gefühl schlich sich unter ihre Haut, kribbelnder Appetit.“ (Satans Spielfeld). In meinem Roman bin ich elf. Habe ich es nicht gewagt, das wahre Alter zu nennen? War die Erinnerung zu grausam, zu schmerzhaft? Fühlte ich mich schuldig in meiner Unschuld? Die Wahrheit ist, ich habe eine Geschichte geschrieben über Marie, eine Geschichte, in der das Blau der Wahrheit mit dem Heiligenbildchenblau der Fiktion zusammenfließen. Ich erzähle die Begegnung Maries mit dem Vater ihrer Freundinnen. Marie bewundert diesen Mann, fühlt sich angezogen von diesem abenteuerlichen Geschäftsmann, in dessen Umfeld alles leicht und aufregend wirkt. Ein Leben offenbart sich, das ihr unwirklich scheint im Vergleich zur drückenden Enge des Elternhauses, dem kranken Vater und der traurigen, überarbeiteten Mutter. Marie ist ahnungslos, sexuell unwissend. Marie ist Ute. Ute bin ich. Als Kind war Sexualität für mich ein unbekanntes Wort. Nicht einmal Bedrohung verband ich mit dem Wort, denn ich kannte es nicht. Lediglich die Dunkelheit, die Nacht war assoziiert mit etwas Finsterem. Der „Nachtgiger“, so erzählte man sich, schlich um Mitternacht durch die Dörfer und raubte die Mädchen, die er mit Haut und Haar verspeiste. Ich versuchte ihn mir vorzustellen mit seinen Hörnern und den stechenden roten Augen. Sah ich mich schon leiden in seinen Fängen und auf wundersame Weise entkommen? Mussten nicht alle Menschen erst das Dunkle durchschreiten, um ans Licht zu gelangen? Ich blickte auf meine Heiligenbildchen und wusste, dass ich überleben würde, wenn auch versehrt und schmerzbehaftet.

Der Schmerz findet auch heute noch seinen Weg zu mir

Maria, die Schmerzensreiche, Mater dolorosa – ich betete sie an. Unzählige Male kniete ich nieder vor dem violetten Bildnis der Mutter Gottes, das über dem Ehebett meiner Eltern hing: „Heilige Maria, Mutter Gottes, beschütze meine Eltern und mich, lass meinen Papa nicht sterben, mach, dass die Mama genug Kraft zum Arbeiten hat.“ Sie erhörte mich. Mein Vater starb nicht trotz seiner schweren Herzerkrankung, meine Mutter sicherte uns mit ihrer Arbeit den Lebensunterhalt. Als mein Vater dann noch freiberuflich für einen Architekten fotografierte, schien das Leben in Armut ein Ende zu nehmen. Das Schicksal schien es zu fügen, dass der Architekt der Vater meiner Freudinnen und der Mann mit dem Eis war. Dieser Mann aber war kein Wohltäter, er zog die Strippen auf eine mephistophelische Art, die ich als Kind noch nicht begreifen konnte. Er umgarnte meine Eltern und bereitete sein schmähliches Spiel über Jahre vor. Er zog mich an sich, hinein in eine Dunkelheit, in der das Heiligenbildchenblau bald verblasste und die böse Fratze des Nachtgigers aufblitzte. Ich wurde vergewaltigt, geschwängert, körperlich und seelisch so geschädigt, dass der Schmerz auch heute immer noch einen Weg findet, mich zu zerrütten.

Es sollte Jahre dauern, bis ich mich wieder aufrichten konnte, die perfide Methodik des Mannes mit dem Eis zu erfassen wusste. Lange habe ich mit mir gehadert, gehasst und angeklagt. Der Hass aber zerreißt, die Klage zermürbt und die Opferposition schwächt. Die Suche nach Maß und Möglichkeit braucht Zeit und erfordert Selbstüberwindung. Heute weiß ich: Ich war einsam, abgekapselt, eingeschlossen in eine Blase zusammen mit dem Mann mit dem Eis. Es herrschte eisernes Schweigen. Das Dorf solidarisierte sich mit den Mächtigen, die Eltern waren selbst leidgeplagt, die Kirche nicht hellhörig genug für ein Mädchen, das im Beichtstuhl kniete und sein Leid in der Brust verschloss: „Der Priester neigte den Kopf zur Seite. Sein Blick durchbohrte das Beichtgitter. Marie bekam Angst vor Gottes Missfallen, erschrak vor ihrer eigenen Kühnheit. ‚Nichts!‘ stammelte sie. Und mit zitternder Stimme fügte sie hinzu: ‚Darum schweige deine Zunge, dass sie nichts Böses rede. Zweites Buch Mose.‘ ‚Brav, mein Kind!‘, lobte der Priester. ‚Und jetzt noch dein Reuegebet.‘“ (Satans Spielfeld)

„Kein Mensch wird dir glauben“

Ich fühlte mich schuldig. Hätte ich es gewagt, mein Leid zu erzählen, wie hätte der Priester reagiert? Ich wünschte, ich hätte es gewagt! Meine Lippen aber waren versiegelt. „Kein Mensch wird dir glauben“, sagte der Mann mit dem Eis. „Wer bist du? Meine Stimme zählt. Du bist niemand.“

Wie hätte ich jemals meine eigene Stimme erheben können, wo sie doch entwertet und ich selbst ein Niemand war. „Niemand ist mein Name! Niemand!“, rief auch Odysseus und es war eine weise List gegenüber dem Riesen. Für mich aber bedeutete das Verschwinden Auslöschung. Jahre vergingen, in denen ich von Schmerzen und von Depressionen erdrückt wurde.

Irgendwann aber löst sich der Knoten und ein zart schimmerndes Leuchten breitet sich aus, das zu einem mächtigen Strahlen werden kann, wenn man die eigene Kraft und die eigenen Möglichkeiten erkennt und die Beschränkungen der anderen mit mehr Nachsicht zu betrachten vermag. Wir alle sind gefangen in Machtstrukturen, die uns oftmals handlungsunfähig machen oder schielen aus Bequemlichkeit nach dem einfacheren Leben. Die Gefahr besteht darin, dass wir das Seelenheil der Schwachen materiellen und gesellschaftlichen Vorteilen opfern. Trau, schau, wem? Trau vor allem nicht dir selbst und schau hinaus in diese Welt, anstatt die Augen zu verschließen!

„Ein Opfer kann gestärkt herausgehen
aus dem Erlebten, sofern es umgeben ist
von Menschen, die es stützen“

Heute sehe ich die Vergangenheit klaren Blickes. Ich klage kein Dorf an, ich sehe die Schwachen, den einzelnen Duckmäuser, den feigen Bückling und den Menschen, der in sich selbst verstrickt ist. Ich klage keine Religion an, sondern bitte den einzelnen Gläubigen, sich aufzurichten und einzugreifen, wenn er Hilflosigkeit begegnet. Ich plädiere nicht dafür, Märtyrergeschichten zu verbieten, das Leid aus den Kinderbüchern zu verbannen. Es sind Opfergeschichten, die das heutige ewigwährende schwache Opfer-Narrativ überschreiten. Das Heiligenbildchenblau, das Schwelgerisch-Weite, ist ein Sinneseindruck, der Fluchten erzeugen kann. Für mich war dieses Blau lebensrettend.

Das energetische und aufrichtende Potenzial einer Religion zu erkennen, gelingt aber – so fürchte ich – nur demjenigen, der seinen Kopf bereits über den Arno getragen hat. Ein Opfer kann gestärkt herausgehen aus dem Erlebten, sofern es umgeben ist von Menschen, die es stützen. Alle Anderen, die Schwachen und Gedemütigten, die Geringsten unter den Geringen, die Kleinsten unter den Kleinen, Kinder, brauchen eine Brücke, über die sie hoch erhobenen Hauptes schreiten können. Eine Brücke, über die ein Kind, vom Heiligenbildchenblau gebannt, träumerisch wandeln kann, ohne Schuld, mutig und frei.

Respons, responsibilitas, res und pons – Es steckt eine gewaltige Aufgabe in diesem Brückenbau: Antwort, Verantwortung und die Überbrückung der Dinge. Am Anfang aber ist das Wort, das Wort eines Kindes, dem wir Glauben schenken müssen.

Kurz gefasst
Er kam als Mann mit dem leckeren Eis, doch er brachte die verletzende Sinnlichkeit, den Schmerz und die Verwundung. In ihrem autobiographischen Roman „Satans Spielfeld“ (Septime Verlag), der aktuell auch als Hörbuch im „Hörkultur Verlag“ vorliegt, schildert die Autorin Ute Cohen die Geschichte eines Missbrauchs. Ein erfolgreicher Unternehmer verführt eine Heranwachsende. Wie geht man damit um? Indem man die eigene Kraft und die eigenen Möglichkeiten erkennt.

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