Sterben

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Nahtodforschung und Nahtoderfahrungen geben Antworten

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Nahtodforschung und Nahtoderfahrungen geben Antworten auf die Frage, die nahelegen, dass eine rein naturwissenschaftliche Betrachtung der Realität eine sehr begrenzte ist.

Nahtod
Naturwissenschaftliche Erklärungen können die Tiefe einer Nahtoderfahrung nicht gänzlich ausloten. Foto: Mango Loke (295178031)

Der Tod zählt zu den Themen, die den Menschen beschäftigen, schon deshalb, weil jener für diesen unausweichlich ist. Doch auch, weil sich der Tod unserer Wissenschaft vom Menschen entzieht. Die finale „Grenzerfahrung“ (Karl Jaspers) ist deshalb von Spekulationen und Mythen umrankt, weil sich der Mensch dieser Grenze mit seiner sinnlichen Erfahrung nur von einer Seite her nähern kann. Die andere Seite, das „Jenseitige“, entzieht sich dem empirischen Zugang (und damit der Wissenschaft). Das Jenseits ist wesentlicher Gegenstand des Glaubens, nicht des Wissens. So kommt es zu einem Paradox: Wir wissen nichts mit größerer Sicherheit, als dass wir sterben müssen, doch wir wissen zugleich mit größter Sicherheit nichts über das, was uns im Tod und danach erwartet.

Umso faszinierender ist der Umstand, dass es Menschen gibt, die offenbar diese Erkenntnisbarriere durch kurzzeitiges Überschreiten der Todesgrenze gleichsam zu überwinden und den Tod beziehungsweise das Sterben als Qualität sinnlicher Erfahrung zu erleben vermochten und daher über ein solches Erlebnis berichten. Die Rede ist von „Nahtoderfahrungen“. Dem Phänomen Nahtoderfahrung kann man sich auf unterschiedliche Weise nähern: naturwissenschaftlich wie Birk Engmann in „Mythos Nahtoderfahrung“ (2011) oder bewusstseinsphilosophisch wie Michael Nahm in „Wenn die Dunkelheit ein Ende findet: Terminale Geistesklarheit und andere ungewöhnliche Phänomene in Todesnähe“ (2012). Gemein ist diesen methodisch unterschiedlichen Annäherungen die Außenperspektive des Verfassers, der seiner Analyse die Schilderungen Dritter zugrundelegt – Forscher und Gegenstand sind und bleiben getrennt. Daneben gibt es noch die Nahtodforschung im Selbstversuch, die Beschreibung und Deutung der eigenen Nahtoderfahrung – Forscher und Gegenstand kommen zusammen, wie in Eben Alexanders „Blick in die Ewigkeit“ (2013).

Naturalistische Verengung

Birk Engmann, Neurologe und Nervenarzt aus Leipzig, beschreibt und deutet Nahtoderfahrungen unter Hinweis auf die Geschichte der Nahtodforschung, auf einschlägige medizinische Studien und mit Hilfe eigener Interpretationsansätze. Der Kürze der Darstellung ist geschuldet, dass hierbei oft etwas oberflächlich vorgegangen wird; für die Betrachtung nicht-naturwissenschaftlicher Deutungen ist in dem 100-Seiten-Buch nur sehr wenig Raum. Bei der Darstellung religiöser „Widersprüche“ ist zudem oft ein eklatantes Fehlverständnis von Glaubensinhalten ursächlich für die postulierte Ungereimtheit, die der Verfasser zwar in Frageform aufwirft, doch kann auch dieses Stilmittel nicht verhehlen, dass der Glaube mit nur wenig Gespür für dessen Sinn- und Bedeutungsgehalt abgehandelt wird – etwa, wenn Engmann rhetorisch fragt, wie es denn sein könne, dass selbst der „sterbende“ Otto Normalgläubige von einer „Gottesbegegnung“ als Form persönlicher Offenbarung berichtet.

„Ist die intensive Tuchfühlung mit Gott nicht nur eine Gnade, die Heiligen und Aposteln zuteil wird, sondern die manche schon zu Lebzeiten für sich reklamieren können?“, fragt der Verfasser „aus christlicher Sicht“, offenkundig bar jeder genaueren Information hinsichtlich der Begriffe „Gott“, „Gnade“ und „Heiligkeit“ – aus christlicher Sicht. Weiterhin zu fragen, welchen „Stellenwert“ eine „christliche Lebensführung“ überhaupt noch habe, wenn man die Gottesbegegnung per Nahtod quasi kostenlos geliefert bekommt, zeugt nicht unbedingt von großer Kenntnis des christlichen Glaubens und ist wohl bestenfalls abwegig zu nennen. Das alles wirft kein gutes Licht auf die Ernsthaftigkeit der Bemühung des Verfassers um ein Verstehen „alternativer“ (also: nicht-naturwissenschaftlicher) Zugänge zum Phänomen Nahtod, deren Vertretern an anderer Stelle auch schon mal kurzerhand die Vernunft abgesprochen wird: Wer medizinische Theorien einer methodologischen Fundamentalkritik unterzieht, ist in des Autors Augen „Gegner einer rationalen Sichtweise“.

Widersprüche aufklären

Dabei wäre es nicht nur wichtig, erkannte Probleme und scheinbare Widersprüche in der Nahtodforschung vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte einer naturwissenschaftlichen Kritik zu unterziehen, sondern auch die medizinischen Theorien in kompetenter Manier mit Nahtod-Deutungen nicht-naturalistischer Provenienz zu konfrontieren, wie etwa mit der einschlägigen Forschungsarbeit Pim van Lommels, dessen 2009 erschienenes Buch „Endloses Bewusstsein: Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung“ Engmann unberücksichtigt lässt. Stattdessen geht er recht schnell und zielsicher auf ein naturwissenschaftliches Erklärungsmodell zu – ein Ansatz, der als wenig gelungen bezeichnet werden kann.

Kritik und Offenheit

Eine gelungene Arbeit im Bereich der Nahtodforschung steht idealerweise über den geglaubten Vorannahmen und berücksichtigt aktuelle Laborerkenntnisse, deutet diese jedoch nicht unter Ausblendung tradierter Wissensbestände kulturell-religiöser Provenienz. Gute Nahtodforschung ist also weder ahistorisch noch gegenwartsblind. Gute Nahtodforschung verbindet natur- und geisteswissenschaftliche Resultate zu einer ganzheitlichen Interpretation des Geschehens am Rande unserer Existenz. Ein Ertrag besonders gelungener Nahtodforschung ist in diesem Sinne die Studie von Michael Nahm, der als Naturwissenschaftler die hirnphysiologischen Prozesse im Zusammenhang mit Nahtoderfahrungen kompetent beurteilt (ein ganzes Kapitel ist dem Gehirn, seiner Funktionsweise und organischen Anomalien gewidmet), in seinem Urteil jedoch die vorhandenen Erklärungslücken nicht leugnet, sondern sie im Gegenteil zugespitzt hervorhebt: „Je mehr wir über das Gehirn wissen, desto weniger verstehen wir es. Das sollte man zur Kenntnis nehmen.“

Diese Erkenntnis führt zu angemessener Bescheidenheit, wie sie nicht alle Nahtodforscher zeigen: „Alle nachfolgenden Spekulationen und Theoriebildungen bezüglich unserer Gehirnfunktionen sollten dementsprechend vorsichtig und undogmatisch geführt werden.“ Zu dieser methodologischen Demut gehört auch, den aktuellen Forschungsstand mit Befunden der Medizingeschichte zu konfrontieren, ohne dabei in eine anachronistische Verklärung vormoderner Deutungen zu verfallen. Kurz: Nahm betreibt sein schwieriges Handwerk mit der diesem gebührenden Skepsis und einer bejahenden Einbettung desselben in seine Geschichte.

Das individuelle Potenzial der Seele

Schlüsselbegriff in Nahms Darstellung ist die „terminale Geistesklarheit“. Wenn sich in der Todesstunde die Seele vom Körper löst (oder das Bewusstsein von seiner physischen Konkretion in der Gehirnmaterie), dann ergeben sich, so zeigen viele nicht-wissenschaftliche, zudem disparat vorliegende, schlecht zugängliche Quellen, in denen die Erfahrungen von Pflegepersonal in Hospizen ebenso gesammelt sind wie Erzählungen naher Angehöriger von sterbenden Menschen, oftmals Augenblicke geistiger Bewusstheit, trotz der Tatsache, dass die Sterbenden zum Teil seit Jahren unter Demenz (also: „Geistlosigkeit“) litten, gerade so, als erhalte die Seele im Tod „ihr ureigenes individuelles Potenzial zurück“. Diesen eigentümlichen Vorgang nennt Nahm „terminale Geistesklarheit“ und stellt ihn ins Zentrum seiner Nahtodforschung, indem er sich fragt, wie es sein kann, dass die Sterbenden wieder Zugriff auf Erinnerungen haben, die im Zuge der Demenz-Krankheit „durch die Zerstörung der relevanten Gehirnpartien unwiederbringlich gelöscht wurden“.

Nahms Fazit: „Wer glaubt, dass in Todesnähe ungewöhnliche und bislang unerklärte Phänomene auftreten und das Bewusstsein den Tod sogar überleben kann, der vermag dafür einige gute Argumente geltend zu machen. Die skeptische Meinung, die in den Wissenschaftlerkreisen dominiert, muss sich hingegen auf reichlich konstruiert wirkende Hypothesen verlassen, die sich bei genauerem Hinsehen als wenig stichhaltig erweisen.“ Eine realistische Sicht der Dinge.

Eigene Erfahrung

Kann es noch realistischer werden? Wohl nur in der subjektiven Anschauung. Der Neurochirurg Eben Alexander machte selbst eine Nahtoderfahrung. Er beschreibt sie in einem Buch, das zum Bestseller wurde: Proof of Heaven (zu deutsch: „Blick in die Ewigkeit“). Alexander schreibt einen Bericht über seine Reise in eine andere Dimension – nachvollziehbar, eindrücklich und kompetent. Er bringt damit die Nahtodforschung auf einen völlig neuen Kenntnisstand. Dass jemand, der selbst eine Nahtoderfahrung gemacht hat, in kompetenter, investigativer Weise darüber schreibt, ist höchst selten der Fall – denn wann hat eine Kapazität auf dem Gebiet der Neurologie oder Hirnforschung schon mal selbst eine Nahtoderfahrung?

In der Woche vom 10. bis 17. November 2008 war es soweit. In diesen sieben Tagen lag der Neurochirurg und Gehirnspezialist Eben Alexander, international renommierter Autor und Redner sowie Dozent in Harvard, infolge einer seltenen Form von bakterieller Hirnhautentzündung im Koma. Es klingt zynisch, doch man ist angesichts der Erfahrung, die der Patient im Krankenhausbett machen durfte, geneigt, von einem „Glücksfall“ zu sprechen – für die Wissenschaft, für die Menschheit und nicht zuletzt für Eben Alexander selbst, der eine Horizonterweiterung erfuhr, die sein Leben veränderte.

Botschaft der Liebe und Hoffnung

Alexander, der bis zu seiner Erfahrung jenseits von Zeit und Körperlichkeit zu den eher skeptischen Köpfen zählte, zu denen also, die Nahtoderfahrungen für Hirngespinste halten und auf physiologische Aspekte reduzieren, erlebt eine Reise in die Unendlichkeit eines Bewusstseinsstroms, in dem er eine dreiteilige Botschaft der Liebe und Hoffnung erhält, die er nach eingehender Prüfung als „universelle Wahrheit“ anerkennt, ausgesprochen von „realen“ Entitäten außerhalb seines Körpers: „Die Botschaft ging durch mich hindurch wie ein Wind, und ich verstand sofort, dass sie wahr war. Ich wusste es auf dieselbe Weise, wie ich wusste, dass die Welt um uns herum real war – keine Fantasie, nichts Flüchtiges und Substanzloses.“ Ist das glaubwürdig? „Erinnern Sie sich, wer hier zu Ihnen spricht. Ich bin kein dummer Gefühlsmensch.“ Die Deutlichkeit, mit der Alexander diese surreale Welt ganz real erfährt, lässt kaum einen Zweifel daran, dass es sie gibt. Daher trägt der englische Originaltitel zu Recht dick auf: Proof of Heaven – „Himmelsbeweis“.

Das Jenseits ist wesentlicher Gegenstand des Glaubens. Doch was können wir davon wissen? Drei ganz unterschiedliche Ansätze der Nahtodforschung – naturalistisch (Birk Engmann), bewusstseinsphilosophisch (Michael Nahm), als Ergebnis ganz persönlicher Erfahrung (Eben Alexander) – offenbaren die Schwierigkeit einer Deutung dessen, was im Moment des „Übergangs“ geschieht. Sie zeigen, dass naturwissenschaftliche Erklärungen die Tiefe einer Nahtoderfahrung nicht gänzlich ausloten können.

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