Würzburg

Exercitium: Eine Reise in die Fülle der Zeiten

Eckart Peterichs religiös-poetischer Italienführer ist mehr als ein Reisehandbuch. Er ist ein Schlüssel zur Schatzkammer der Welt.

Dom von Monreale
Italienführer gibt es viele. Doch keiner führt so tief in die Seele Italiens hinein, wie der von Eckart Peterich, meint Malte Opperman. Man müsse nur den Dom von Monreale, Sizilien, einmal mit Peterichs Augen gesehen haben. Foto: Adobe Stock

Nicolás Gómez Dávila schrieb, die Welt, die es wert wäre, bereist zu werden, existiere nur noch in alten Reiseberichten. Ein sehr hartes Urteil. Es scheint vorauszusetzen, dass die Umtriebe der Gegenwart viel schwerer wiegen als die Steine einer alten Stadt, durch deren Straßen ihr Lärm brandet.

Im Schatten der weltberühmten Bauten navigieren Millionen von Besuchern durch einen Raum, dessen Sinn und Ordnung durch Haltestellen und Bildschirme, Anzeigetafeln und Kassenautomaten bestimmt wird. Wie soll der Reisende da etwas betrachten können?

Eine Schule der Betrachtung

Sein Blick gleitet ab, der praktische Sinn übernimmt die Regie. Der seelische Zustand ist etwa derselbe, wie wenn man einkauft oder auf der Autobahn fährt. Eine Mischung aus gereizter Sprungbereitschaft und Stumpfsinn. Als Eckart Peterich 1963, fünf Jahre vor seinem Tod, den dritten und letzten Band seines großen Italienführers veröffentlichte, war Rom längst vom Autoverkehr durchbraust.

Hier und dort enthält das Buch bereits ganz leise Klagen. Doch meistens ist es nicht weniger als eine Schule der Betrachtung. Eine Einübung in die Gewissheit, dass Schönheit Frieden ist.

"Italienführer gibt es viele. Doch keiner
führt so tief in die Seele Italiens hinein"

Im Jahre 1900 als Sohn eines Bildhauers geboren, erlebt Peterich seine Kindheit bis zum ersten Weltkrieg in Italien. Später arbeitet er als Korrespondent und freier Schriftsteller, wird 1960 Direktor der deutschen Bibliothek in Rom. Der Italienführer, voller Gedichte, Reflexionen und Liebeserklärungen, ist sein Hauptwerk. Es zeugt von seiner Liebe zur Kirche, seinem immensen Wissen und von einer Präzision des Geschmacks, die geheimnisvoll ist. Italienführer gibt es viele. Doch keiner führt so tief in die Seele Italiens hinein. Man muss nur den Dom von Monreale einmal mit Peterichs Augen gesehen haben. Man bereist nicht Städte und Küsten, Hügel und Täler, Dörfer und Vulkane, man macht eine Reise in die Fülle der Zeiten. Wo der Blick automatisch auf den grellen Kontrast der Epochen fällt, abrutscht ins Zeichengestöber des stündlich Aktualisierten, tritt Peterich als Bühnenkünstler neben den Reisenden und mit einer Geste seiner Hand fällt der Schleier. Die Welt ohne Gestern ist Kulisse. Die Steine und Zypressen aber, die Kuppeln und Hügel, Oliven und Fresken sind lebendig: Glieder eines Körpers, dessen Puls im Rhythmus von Jahrhunderten, von Jahrtausenden schlägt.

Ist die Zeitüberlegenheit der Glockentürme nicht eine Täuschung?

Man mag zweifeln, ob jene Zeitüberlegenheit der Mosaiken, der Glockentürme, des höchsten Mittags unter dem mediterranen Himmel, nicht eine Täuschung ist. Sieht man nicht, wohin man schaut, Zerfall? Doch vielleicht ist es gerade der Zerfall, der so langsam vor sich geht, der immer wieder durch kundige Hände gebremst und zurückgeworfen wird, der ein Abbild gibt des nunc stans.

Der Zerfall ist etwas anderes als der Tod. Verschwinden und Tod kommen im Augenblick. Der Zerfall aber dehnt sich schläfrig durch die Jahrhunderte und überlebt die Katastrophen, in denen all die Frühlingsideen und Aufbrüche enden, die eine Epoche geboren hat. Er hält dem Funkenregen der Augenblicke das zögerliche Verwittern von Marmor entgegen. Säulen aus Porphyr, Kapitelle und Brunnen, Statuen und Inkrustationen haben schon viele Moden kommen und gehen sehen. Sie sind immer jünger als jeder gerade erst verstorbene Zeitgenosse, der eben noch das Recht auf Gegenwart für sich allein in Anspruch nahm.

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