Mainz

„Es ist doch nicht Ebola“

Das Corona-Virus verunsichert und lässt die Beruhigungsformeln schal wirken.

Intensivmediziner im Seucheneinsatz
Erst auf der Intensivstation wird deutlich, womit wir es bei der Pandemie zu tun haben. Foto: imago images

Die Position des Sanitäters ist unten, da, wie Hegel sagte, wo das bürgerliche Leben konkret ist. Wir arbeiten an dem Ort, an dem der Stahl auf das Fleisch trifft, an dem das Leiden bewusst wird, der Mensch in seine Endlichkeit tritt. Anders als im Krankenhaus, wo Konventionen viel stärker ausgeprägt sind, verdeckt bei uns nichts die Nacktheit und Geworfenheit. Darum mag uns auch keiner so recht, wir sind weder Ärzte noch Schwestern, weder Feuerwehr noch Seelsorge, und doch haben wir von allen ein bisschen was.

„Weil wir Paria sind“

Wir fahren jeden, den Firmenchef wie den Penner, die Hausfrau und die Primadonna, den Oberarzt und den Paketboten. Und weil der Kontakt selten mehr als dreißig Minuten dauert, weil wir Paria sind, so etwas wie Köche oder Seeleute, halb drinnen und halb draußen, reden sie mit uns wie sonst mit wenigen. Sie sind uns nicht verpflichtet. Gleich werden sie beim „richtigen“ Arzt sein, da muss man sich nicht verstellen.

Und hier kann man sie sehen, die Pandemie, sie begegnet uns bei fast jeder Fahrt. Nicht nur in den Sicherheitsmaßnahmen, die für beide Seiten sehr belastend sind, weil wir etwa oft schon geschützt in den Privatbereich eintreten, was instinktiv Schutzreflexe auslöst („warum verbirgt er sein Gesicht?“).

Wenn man die beiden großen Meinungslager reden hört, so könnte man annehmen, die Pandemie sei „dort“ und man sei „hier“ und schütze sich oder schütze sich nicht, je nach „Überzeugung“. Es gibt aber kein „hier“ und kein „dort“. Du steckst nicht in der Pandemie, du bist die Pandemie.

Das Virus wurde Zeichen orientierungsloser Lager

Denn keiner kennt dieses Virus. Aber jeder tut so, als sei es ein alter Bekannter, der sich nur etwas renitenter verhält als gewohnt. Dies ist, was beide Lager miteinander verbindet: das völlige Unterschätzen des Vorgangs. Unterschätzen in seiner Komplexität ebenso wie in seiner Einfachheit. Unsere Zeit insbesondere krankt an zwei geistigen Fehlhaltungen: die Reduktion eines Neuen auf etwas Bekanntes und die Annahme, das Vertraute werde sich zwingend fortsetzen.

Da ist der mutige Maskenverweigerer in seinen 40ern, übergewichtig, mit juvenilem Asthma, dem beim Duschen auffällt, dass er das Shampoo nicht mehr riechen kann. Er sitzt da in Atemhilfshaltung und schwitzt, als habe er 41 Grad Fieber – in Wirklichkeit ist er leicht hypotherm – und erzählt in einem Sturzbach, dass es ihn wohl „erwischt“ habe, mindestens drei Orte aufzählend, die wir sofort „melden“ müssten, weil es ihn dort eben „erwischt“ habe, er sei sich sicher, sicher ist er sich auch, dass ihm „eigentlich“ nichts passieren könne, er sei ja noch jung. Seine Vorstellung scheint zu sein, dass wir ihn direkt zum Gesundheitsamt fahren, wo sein Fall „aufgeklärt“ wird, und danach zum Professor Bhakdi, von dem er nicht weniger erwartet als einen viralen Exorzismus. Ein Blick in die Dusche klärt auf, dass er wohl nicht sein Shampoo, sondern die teure neue Neutralseife seiner Frau benutzt hat, der frisch gebraute Kaffee erweckt den Geruchssinn wieder zum Leben, und wir raten ihm, den sich ankündigenden Schnupfen zuhause auszukurieren. Als wir gehen, ist er wieder überzeugt, dass das Virus ein „hoax“ sei und meint, seine nichtvorhandenen Symptome kämen vom Tragen der Maske.

„Der Deutsche, das sind die Anderen.“

Oder die alte Akademikerin mit vier Katzen und der viel zu großen Wohnung, die unglaubliche Angst vor der dringend notwendigen Hüft-OP hat und die seit Monaten „wegen Covid“ aufschiebt. Sie ist so intellektuell und gebildet und merkt nicht, dass wir wissen, dass ihre Kinder nicht „wegen Covid“ nicht zu Besuch kommen – „um mich zu schützen“ –, sondern weil sie schon lange nicht mehr zu Besuch kommen. Ob Katzen das Virus übertragen? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. – Fast wirkt sie enttäuscht.

Nichts, das lernt man schnell, ist so sehr deutsch wie zu sagen, dass etwas so sehr deutsch sei. Die Neigungsdenunziantin, die dem Nebenmenschen den korrekten Sitz der Maske mit dem Millimetermaß nachprüfen will, ist sich ganz sicher, dass der Geländewagenfahrer, der meint, das Virus befalle ohnehin nur die, die zum Aussterben vorgesehen seien, so sehr deutsch sei, wie er sich wohl sicher wäre, dass sie es ist. Der Deutsche, das sind die Anderen.

Niemand kann die Auswirkungen seriös abschätzen

Das Virus ist längst zum Shibboleth geworden, zum Feldzeichen orientierungsloser Lager, die sich kaum durch etwas anderes zu bestimmen wüssten denn durch eben dieses. Alle scheinen zu spüren, dass das Virus das Gefüge des Bekannten umgestoßen hat, noch nicht einmal unbedingt aufgrund seiner Wirkung als Virus, sondern weil eine Pandemie ein multifaktorielles Geschehen ist, und das Verhalten der Individuen einer dieser Faktoren ist. Covid ist der Schwarze Schwan, obwohl Nassim Taleb sich ausdrücklich gegen diese Bezeichnung gewandt hat: nicht als Virengeschehen, das war leicht vorherzusagen, sondern darin, dass niemand derzeit die ethischen, kulturellen, ökonomischen, geopolitischen und religiösen Auswirkungen abschätzen kann. Diese sind das, was nicht vorhersehbar war.

Der Professor will mir unbedingt erläutern, warum geglättete Kurven der Fallzahlen, die er mit seinen Händen in die Luft malt, diese oder jene Annahme zulassen. Er ist erstaunt, dass ich ihm folgen kann, und redet sich auf liebenswerte Weise in Rage. Sein Empirismus ist naiv, er will unbedingt aus den Zahlen Sicherheit herauslesen, die die sie aber nicht herzugeben vermögen. „Wenn wir nur … man muss … dann wird ...“, so kommandiert er Geisterarmeen durch die Gegend. Er hat das Virus und hat verstanden, dass es ihn wahrscheinlich für immer begleiten wird, wie Herpes oder HIV, er weiß auch, dass niemand sagen kann, wie sich das für ihn auswirken wird und dass die These vom milden Verlauf auf wackeligen Beinen steht. Dass seine geglätteten Kurven dazu beigetragen haben, die Möglichkeit eines außerordentlichen Verlaufs gehörig zu ignorieren, will er nicht sehen.

Keine Angst haben, denn wir „wissen“ ja Bescheid

Er lebt mental noch in Bad Mittelmaß, während die Welt um ihn längst im Kopfbahnhof von Extremistan angekommen ist. Die Verwaltung – ebenso wie die Politik – ist hoffnungslos überfordert und eiert – selbst wo sie wohlwollend sein will – hilflos herum, alle gleichermaßen vergraulend. Dass er nicht mehr in dem örtlichen Krankenhaus unterkommen kann, das aufgrund solcher Kurven und Berechnungen eingespart wurde, nun also in die Kreisstadt fährt zum Röntgen der Lunge, sieht er nicht als Teil der Globalisierung, sondern als „notwendig“. Die Angst sitzt so tief, aber sie dürfen alle keine Angst haben, denn sie „wissen“ ja. „Es ist doch nicht Ebola!“ triumphiert eine Lehrerin, deren Mann drei Wochen später sterben wird. Nein, es ist nicht Ebola. An Ebola sterben jährlich zwischen zwei und 3 000 Menschen, an CoV-2 seit November 2019 mehr als 1 000 000. Und Ebola tritt dramatisch auf, es kann leicht isoliert und bekämpft werden, dagegen ist Covid ein Meister der Tarnung, über dessen erweiterte Funktion wir noch nichts wissen.

Und dann aber auch die junge Frau, die seit Monaten nicht mehr aus dem Haus gekommen ist. Wir fahren sie nun öfter und nennen sie „Howard“, von Howard Hughes, der an seiner Panik vor Keimen starb. Wir dürfen sie kaum ansehen, so sehr fürchtet sie sich. Masken seien wirkungslos, schreit sie markerschütternd. Nein, sie sind nicht vollkommen, aber sie reduzieren den „viral load“ auf ein Niveau, auf dem die Körperabwehr mit ihm fertig wird. Sie lässt sich nicht beruhigen. Sie „wisse“ es besser. Sie weiß so viel und versteht nichts, etwa dass die allgemeinen Verhaltensregeln sehr effektiv sind. Wir müssen sie lassen in ihrer Angst wie in einem Säurebad.

... und drei Wochen später tot war

Was bleibt? Das lange Gespräch mit der jungen Ärztin vom April auf den Treppenstufen vor der Klinik, die wusste, dass sie sich infiziert hatte, und ahnte, dass es schwer werden würde, und mit mir sprach, ungemein offen und über eine Stunde lang, weil ich auch für sie nicht „dazu“ gehöre, über ihren Mann und ihre Kinder, über die Welt und das Leben, dass sie nicht von den Patienten weggehen wolle und die Symptome seit Tagen mit Medikamenten „ausmittle“, dass man an ihr „noch so viel lernen könne über diesen Sauhund“, und die dann wieder hineinging und drei Wochen später tot war.

Oder die alte Dame, sehr aufrecht, ruhig und gepflegt, die die Kette vom Rosenkranz erspähte, den ich in der Tasche der Einsatzhose trug, und frug, ob ich den denn jeden Tag nach dem Dienst steril machte, woraufhin wir beide herzlich lachten. Dann beteten wir zusammen ein Gesätz. Als wir angekommen waren, sagte sie: „Alles sehr genau sehen, alles ganz tief aufnehmen, und dann beten. Das ist, was wir sind.“

Ich schaute ihr nach der Übergabe noch etwas hinterher und dabei fiel mir ein Satz des Dichters Peter Hacks ein: „O mein Gott, warum ist nur alles für uns alle so sehr viel zu schwer?“

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