Würzburg

Es gibt kein Wesen der Dinge

Der Philosoph Karl-Otto Apel hat vom Geistigen nur die Sprache übrig gelassen. Doch für vernünftige Aussagen ist das zu wenig.

Karl-Otto Apel
Karl-Otto Apel (1922–2017) hat mit seiner „Transformation der Philosophie“ den linguistic turn zu einer Sprachpragmatik vollzogen. Foto: Fritz Fischer (dpa)

Der sogenannte linguistic turn, die Wende von einer logisch-ontologischen Weltsicht zu einer sprachlichen, hat in den letzten Jahrzehnten erhebliche Wirkungen gehabt. Denn plötzlich war  nicht mehr das Geistige das Kriterium des Denkens und Verstehens, sondern die Sprache. Die Sprache spielte auch schon in der Romantik eine Rolle; von Herder über Schleiermacher bis zu Dilthey wurde das Verstehen als Einfühlung (Empathie) durch Sprache und Gespräche verstanden. Von diesem psychologischen Sinn des einfühlenden Verstehens durch Sprache wollte sich die moderne Sprachphilosophie befreien zugunsten „objektiver Bedingungen“ des Gesprächs wie etwa der Anerkennung des Anderen. Die Wende des linguistic turn vollzog sich wesentlich durch die Namen Charles Sander Peirce (1839–1914) und Ludwig Wittgenstein (1889–1951). Diese Linie wird bis heute weitergeführt, gegenwärtig etwa ausgeprägt durch den amerikanischen Philosophen Robert Brandom und sein Werk „Expressive Vernunft“ (dt. 2000), in dem er klassische Vernunftbegriffe durch Linguistik ersetzt.

Das Ich bei Kant wird in die Kommunikationsgemeinschaft transformiert

Den linguistic turn hat der Frankfurter Philosoph Karl-Otto Apel (1922–2017) in Deutschland hoffähig gemacht. Mit seinem zweibändigen Werk „Transformation der Philosophie“ (1976) hat er die veränderte Lage in der Philosophie auf eine breite Diskussionsgrundlage gestellt. Dabei versucht er die Transzendentalphilosophie Kants in die Philosophie einer Sprachgemeinschaft zu überführen, das Ich bei Kant wird in die Kommunikationsgemeinschaft transformiert. Damit ist Wesentliches verändert. Denn die Begründung des Wissens und Handelns hat nun keinen rationalen Kern mehr wie seit Aristoteles, sondern die Begründung ist, so behaupten die Vertreter dieser Richtung, intersubjektiv geworden. Damit sind traditionelle Denkverfahren auf den Kopf gestellt.

Hatte man philosophische Theorien und damit Objektivität vor dem linguistic turn mit einem mehr oder weniger starken Vernunftbegriff bestimmt und von dieser Objektivität aus die zwischenmenschlichen Verhältnisse, die Intersubjektivität, verstanden, so ist es nun umgekehrt. Inzwischen versuchen Philosophen vom Konsens der Sprachgemeinschaft aus zu bestimmen, was als objektiv angesehen werden soll, was natürlich immer sehr schnell wieder umgestoßen werden könnte. Als Pate für dieses Sprachspiel steht Ludwig Wittgenstein, für den der alltägliche Sprachgebrauch, in dem wir sprachlichen Regeln wie in einem Schachspiel folgen, die Lösung aller metaphysischen Probleme war. Oder wie es Karl-Otto Apel formuliert: „Die These ist die Konsequenz der allgemeinen, grundlegenden Überzeugung der analytischen Philosophie, dass im Verständnis des intersubjektiven Sprachgebrauchs, des Sprachspiels (Wittgenstein), die Auflösung aller Fragen nach einer apriorischen oder Wesensstruktur der Welt zu suchen sind.“

Die philosophische Wende zur Intersubjektivität

Diese Veränderungen in der Philosophie sind keineswegs nur ein akademisches Problem. Wie sehr diese Diskursethik in die Wirklichkeit eingreift, war besonders in der Ära der Regierung von Gerhard Schröder spürbar, der das Wort Konsens ständig gebrauchte. Schröder war damals häufig mit Jürgen Habermas deswegen im Gespräch, der wie Apel ebenfalls die philosophische Wende zur Intersubjektivität als letztem Grund von Denken und Handeln vollzogen hatte. Nur ist das Problem beim Konsens die unendliche Diskussion, weil es ja keine Kriterien der Einigung gibt, außer dass man sich einigen will. Eine Einigung kann durch immer neue Argumente verzögert, ja unmöglich werden. Entscheidend ist für Apel jedoch, dass das Argumentieren nicht hintergehbar ist. Wer sich der argumentativen Rechtfertigung verweigert, schließt sich selbst von der Gemeinschaft aus und zerstört sich damit selbst; oder wie es Apel einmal theologisch formuliert hat, dass der „Teufel nur durch den Akt der Selbstzerstörung von Gott unabhängig gemacht werden kann“.

Im Zentrum der modernen Lehre von der Kommunikationsgemeinschaft steht eine Kritik an Kant. Ihm hatte schon Wittgenstein Solipsismus unterstellt in dem Sinne, dass das „Ich“ oder das transzendentale Subjekt allein erkenne: solus ipse. Dem hielt Wittgenstein das Sprachspiel als Lebensform der Sprachgemeinschaft entgegen – niemand erkennt allein, dazu sei immer eine Gemeinschaft nötig. Apel hat sich dieser Auffassung Wittgensteins angeschlossen. Dieser Selbstverständlichkeit war sich natürlich auch Kant bewusst, der das Ich oder das transzendentale Subjekt ausdrücklich als ein Abstraktionsprodukt ansah – als eine Abstraktion aus eben der Weltgemeinschaft der Menschen, die er in seinen geschichtsphilosophischen Schriften immer wieder zum Thema machte. Diesen Zusammenhang mit der Geschichtsphilosophie Kants hat aber Apel, wie er selbst einräumte, ignoriert und damit den Vorwurf des Solipsismus erschlichen.

Kommunikation enthält kein Wahrheitskriterium

Ob Apel jedoch die von ihm geforderte universale Diskursethik formuliert hat, ist fraglich. Denn was ist mit der schweigenden Mehrheit, die sich nicht argumentativ an der Kommunikationsgemeinschaft beteiligt? Den Willen zur Argumentation bei jedem Einzelnen zu postulieren, ist dünn für eine Philosophie.
Und was wäre mit dem Vorrang der Sprache in der Sprachgemeinschaft gegenüber der rational-vernünftigen Erklärung, wie sie die Tradition anführte, gewonnen? Die angelsächsische Philosophie besonders in Amerika sorgt sich weniger um unhintergehbare Diskursregeln wie das Argumentieren, sondern verfährt wesentlich empirischer, ohne eine Rechtfertigung vor im klassischen Sinn rationaler Argumentation. Der schon erwähnte Robert Brandom von der Universität Pittsburgh bringt das auf den Punkt, wenn er im Anschluss an Wittgenstein sagt, dass die Wie-Frage nach einem Problem die Dass-Frage abgelöst hat. Mit der Dass-Frage meint er die klassische Frage nach dem Wesen der Dinge, nach ihrer Substanz, die darauf antwortet, „Was“ etwas ist. Diese klassische schon von Aristoteles gestellte Frage nach dem „Was“ lehnt die moderne Sprachphilosophie aber ab, weil sie eine Normativität voraussetzt, die nicht in sozialen Praktiken der Kommunikationsgemeinschaft verankert ist. Denn die Normen oder Kriterien für die Beurteilung dafür, „was“ etwas ist, hängt schon nach

Wittgenstein von der Deutung der Kriterien ab. Wittgenstein: „Jede Deutung hängt, mitsamt dem Gedeuteten, in der Luft; sie kann ihm nicht als Stütze dienen. Die Deutungen allein bestimmen die Bedeutung (der Kriterien, AR) nicht.“ Das bedeutet für Wittgenstein/Brandom: Normen sind demnach nichts Geistiges, sondern entspringen nur einer sozialen Praxis von Sprachspielen, und darum nicht dem „Was“, sondern dem „Wie“ einer Praxis. Will man das Fahrradfahren erklären, gehe das nicht mit einer Sacherklärung oder Wesensschau, sondern indem man es tut. Die Philosophie hat demnach nur noch die Aufgabe, zu untersuchen, welche Normen in einer sozialen Praxis enthalten sind. Das Ergebnis ist dann: Alle Normen sind unsere Normen, die wir in sozialer Praxis festlegen.

So ist der linguistic turn also von der Sprachphilosophie eines Schleiermacher, Hamann oder Humboldt zur Frage nach dem „Wir“ in der sozialen Praxis kondensiert, in der der Mensch allein sich im Gespräch mit anderen seine Welt schafft. Ob da noch metaphysische Fragen eine Rolle spielen, hängt vom Konsens der sich an der Diskussion Beteiligenden ab.

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