Freiburg i. Br.

Einseitigkeiten beim Synodalen Weg

Eine religionspädagogische Publikation für Schulen hat theologische Defizite und weckt falsche Erwartungen.

Beten in der Schule
Gemeinsames Gebet: Im Schulunterricht nicht die Lehre der Kirche aus dem Blick verlieren. Foto: Simon Lehmann (285193625)

Das vom Institut für Religionspädagogik der Erzdiözese Freiburg herausgegebene Themenheft für den Religionsunterricht legt Unterrichtsmaterialien zum „Synodalen Weg“ vor. Vorangestellt sind Grundsatzbeiträge, denen die theologische Grundausrichtung des Synodalen Weges zu entnehmen ist. Es ist erstaunlich, wie stiefmütterlich beim Synodalen Prozess die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils behandelt werden. Der Grund dafür liegt wohl darin, dass die Texte des Konzils manchen Zielen der Protagonisten im Weg stehen.

Einleitend zitiert Bischof Franz-Josef Bode das Wort von Papst Franziskus aus dessen Brief vom Juni 2019, dass uns das Leben Christi „vorantreiben“ soll. Andere grundlegende Aussagen des Papstbriefes bleiben unerwähnt. Es ist zu fragen, ob nicht eine falsche Richtung vorprogrammiert ist, wenn das erste Wort im Titel des Forums, in dem es um den Sendungsauftrag der Kirche geht, in soziologischer Diktion „Macht“ lautet. Damit ist die Hermeneutik des Verdachts in die Welt gesetzt. Einen eigenartigen Eindruck gewinnt man bei der Alternative Bodes zwischen „Jerusalem“ und „Galiläa“. Mit „Jerusalem“ wird „Machtgebaren“ und „alte Herrlichkeit“ assoziiert, mit „Galiläa“ hingegen „in neuer Gemeinschaft hinter Jesus her zu sein zu den Menschen“. Was sollen solche polemischen Alternativen? „Kirche muss aufbrechen auf den Weg von Jerusalem nach Galiläa. Und dies gilt besonders für die hierarchische, amtlich verfasste Kirche.“ Geht es beim Synodalen Weg um die Depotenzierung des kirchlichen Amtes? Die dogmatische Konstitution des Zweiten Vatikanums über die Kirche „Lumen gentium“ (drittes Kapitel: „Die hierarchische Verfassung der Kirche, insbesondere das Bischofsamt“) gilt ja wohl auch in Zukunft. Es wäre gut, wenn sich der Synodale Weg auch mit solchen Texten beschäftigen würde.

„Mehr Evangelium – weniger Kirche“

Bischof Bode formuliert eine weitere Alternative: „Mehr Evangelium – weniger Kirche“. Wenn man die Kirche selber schlechtredet, braucht man sich über die Abwendung vieler nicht mehr zu wundern. Papst Franziskus schlägt in seinem „Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ andere Töne an: Die Evangelisierung ist „keine Taktik kirchlicher Neupositionierung in der Welt von heute“. Sie ist keine „Retusche“, die die Kirche „an den Zeitgeist anpasst, sie aber ihre Originalität und ihre prophetische Sendung verlieren lässt“.

Der Neutestamentler Thomas Söding erkennt, dass der Synodale Weg durch „rechtliche Unsicherheiten“ bestimmt ist. Das Kirchenrecht stärkt „die pastorale Leitungsvollmacht und rechtliche Entscheidungskompetenz der Bischöfe“. Insofern brauchen beim Synodalen Weg die aus dem Volk Gottes gewählten Delegierten „theologische Stärke“. Wenn es nur „Stärke“ und nicht theologische Einseitigkeit wäre. Eine erste Stoßrichtung des Versuchs, „theologische Stärke“ zu entwickeln: Exegetische Recherche kann die Gestalt der katholischen Kirche, die durch eine „Fixierung“ auf das Papsttum (Erstes Vatikanum) und eine „Erhöhung“ des Bischofsamtes (Zweites Vatikanum) geprägt ist, „vom Anschein des Unabänderlichen befreien“. In diesem Zusammenhang sei nur an den heiligen John Henry Newman erinnert, der katholisch geworden ist, weil er erkannt hat, dass die Stellung des Bischofs von Rom in den ersten Jahrhunderten der Kirche vergleichbar war mit der vom Ersten Vatikanum definierten (vgl. seinen Brief an den Herzog von Norfolk).

Dogmen auf menschliche Traditionen reduzieren

Beim Synodalen Weg geht es nach Söding um Grundsatzfragen: „Die wichtigste Frage lautet, welche der Traditionen, die durch Dogma und Kirchenrecht geheiligt scheinen, zur Disposition gestellt werden müssen, weil es sich … doch um menschliche Traditionen, nicht aber um göttliche handelt.“ Die Argumentationsrichtung ist klar: Was Dogma zu sein „scheint“, ist vielleicht nur menschliche Tradition. So einfach könnte Destruktion funktionieren. Und weiter: Eine Regelung, die hinter der Gleichheit aller Menschenkinder zurückbleibt, die in der Taufe geheiligt werden, „kann der Weisheit letzter Schluss nicht sein“. Eine Diastase zwischen Kirche und Welt, die demokratische Prozesse abweisen wollte, weil über das Credo nicht abgestimmt werden kann, „ist unterkomplex“, weil auf der Basis der Heiligen Schrift und des Glaubensbekenntnisses auch in der Glaubenslehre sehr viel „gemeinsam entschieden werden will“. Söding scheinen synodale Strukturen protestantischer Provenienz vorzuschweben. Diese Argumentationsrichtung steht in erheblicher Spannung zu Aussagen des Neutestamentlers Gerhard Lohfink: Die Person Jesu und die Figur der Zwölf sind „das Neue am Neuen Testament“. Die Zeugenschaft der Zwölf „findet in den kirchlichen Ämtern ihre Fortsetzung“ (Lohfink, Gottes Volksbegehren, 1998). Ähnlich Lothar Wehr (Ruf und Charisma): „Im Weihesakrament verwirklicht sich, was in den Evangelien als Berufung in die besondere Nachfolge und Übertragung von Vollmacht erzählt wird.“

Das Themenheft enthält theologisch Unhaltbares

Theologisch unhaltbar ist die Aussage Södings, das einzigartige Evangelisierungsprojekt des frühen Christentums habe „überhaupt erst zur Bildung der Kirche geführt“. Wie kann ein Neutestamentler von Rang einen solchen Satz formulieren? Zuerst Evangelisierung, dann erst Kirche? Kirche war schon früher da. Der Grund für den späten Ansatz von Kirche wird schnell klar: Es sollen nicht nur „einige Missionare“ und „starke Männer“ vor Augen stehen. Der „wichtigste Faktor“ für die Bildung der Kirche ist „der Auftrag des Auferstandenen selbst“. Da Frauen die ersten Auferstehungszeuginnen waren, soll – so muss man es verstehen – die kirchliche Praxis, nur Männern das Weihesakrament zu spenden, für illegitim erklärt werden. Söding sieht im Synodalen Weg den Ernstfall, „an dem die Bischöfe Rechenschaft ablegen, wie sie auf Privilegien verzichten wollen und sich in das Ganze des Gottesvolkes einbinden lassen können“. Bei den Privilegien wird es wohl nicht um den Dienstwagen gehen. Theologisch sind die Bischöfe schon in das Gottesvolk eingebunden. Im Hinblick auf ihre theologische Stellung geht es um eine Verantwortung, die sie kraft ihrer Weihe wahrzunehmen haben.

Die Dogmatikerin Julia Knop fragt nach der Synodalität in der katholischen Kirche: Das Schreiben der Internationalen Theologenkommission „Die Synodalität in Leben und Sendung der Kirche“ (2018) ruft die bischöfliche Kollegialität „als authentische Verwirklichung katholischer Synodalität in Erinnerung“. Die Bischöfe sollen „mit den Gläubigen ins Gespräch treten und die Gläubigen sollen ihre Einschätzungen zu Gehör bringen. Aber entschieden werde allein auf amtlicher Ebene“. In der evangelischen und in der altkatholischen Kirche werden Synoden „mit Mitgliedern aus allen kirchlichen Ebenen besetzt. Beratungs- und Entscheidungsgremien sind dort identisch.“

Ekklesiologie wird radikal in Frage gestellt

Bei der Vorstellung des Projekts „Synodaler Weg“ durch Knop kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die MHG-Studie für die Agenda einer radikalen Aushebelung der kirchlichen Grundverfassung herangezogen werden soll. Es findet sich kein einziger Hinweis auf den Brief des Papstes, in dem er von einer Krise der Evangelisierung spricht. Die katholische Ekklesiologie wird von Knop radikal in Frage gestellt. Sind die Bischöfe vernünftig begründeten Beratungen nicht zugänglich? Knop regt sich darüber auf, dass in der Synodalversammlung 24 bischöfliche Stimmen, das heißt „gut 10 Prozent der stimmberechtigten Mitglieder“, ausreichen, um „von Seiten der Bischöfe einen Beschluss zu verhindern“.

Knop, die den ominösen Begriff von der „deutschen Kirche“ benutzt, sollte bedenken, dass auch in der politischen Demokratie Sicherungen eingebaut sind, um problematische Parlamentsbeschlüsse aufzuheben (wie die Stellung des Bundesverfassungsgerichts). Bischöfe haben bei ihrer Weihe versprochen, die ihnen von Christus übertragene Verantwortung wahrzunehmen. Sie sind keine Repräsentanten zufälliger Mehrheitsentscheidungen. Über eine Ekklesiologie evangelisch-altkatholischer Art wäre Knop glücklich. Sie spricht von der „formalen Reduktion kirchlicher Autorität auf Amtsträger und der künstlichen Trennung und hierarchischen Zuordnung von Beratung und Entscheidung“. Da ist keine Rede mehr von der sakramentalen Grundverfassung der Kirche.

Vollmacht für Entscheidungen über das Leben der Kirche

Der Kirchenrechtler Klaus Lüdicke zeigt, welche Formen von Synodalität das Kirchenrecht vorsieht: Die Erwartung, Synodalität bedeute eine Entscheidungsfindung in der Kirche, an der alle Glieder des Gottesvolkes mit gleichem Gewicht zusammenwirken, lässt sich aufgrund der Kirchenverfassung „nicht erfüllen“. Die Vollmacht zu Entscheidungen über das Leben der Kirche kommt nur dem Papst – für die Gesamtkirche – und den Bischöfen – für ihre jeweiligen Teilkirchen – zu. Viele im Vorfeld des Synodalen Weges benannten Wünsche werden „nicht erfüllt werden können wie die Zulassung von Frauen zum Weihesakrament oder die Abschaffung des Pflicht-Zölibats“.

Der vorliegenden Publikation ist zu entnehmen, wie führende Personen des Synodalen Weges denken. Man kann nur froh sein, dass die katholische Kirche Weltkirche ist. Papst Franziskus ruft in seinem Brief mit Recht zur „Sorge füreinander“ auf. Er warnt vor einer Spaltung, die bei der Suche nach „einer Antwort auf eine bestimmte Situation letztendlich den Leib des heiligen und treuen Volkes Gottes zerstückelt“.

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