dpa: Tendenz statt Information

Eine der vornehmsten Aufgaben des Journalismus ist es, die Bürger umfassend zu informieren, damit diese ihr Recht auf Meinungsfreiheit wahrnehmen können. Dafür schützt das Gesetz die Pressefreiheit. Dafür hat der Journalismus selbst ein Ethos entwickelt, das unabhängige, plurale, faire Arbeit und damit Glaubwürdigkeit garantieren will.

Diese wird auf unterschiedliche Weise realisiert. Es gibt etwa Zeitungen, die für jeden nachvollziehbar markieren, wo sie innerhalb der pluralistischen Demokratie stehen. „Die Süddeutsche“ beispielsweise versteht sich als säkular und liberal, also kann der Leser dort erscheinende, gegenüber konservativen oder kirchlichen Positionen kritische Nachrichten, Analysen und Kommentare entsprechend einordnen und sie für den eigenen Meinungsbildungsprozess unabhängig vom eigenen politischen Standpunkt gewinnbringend nutzen– was ebenso auch für Medien anderer Ausrichtung gilt. Alle diese Medien sind aufgrund ihres transparenten Selbstverständnisses glaubwürdig und stützen damit den demokratischen Prozess. Unabhängigkeit meint hier nicht Neutralität.

Etwas anderes wollen Nachrichtenagenturen. Die Deutsche Presseagentur (dpa) definiert ihre Arbeit als „unparteiisch und unabhängig von Weltanschauungsfragen, Wirtschafts- und Finanzgruppen oder Regierungen“. Hier meint Unabhängigkeit möglichste Neutralität und Unvoreingenommenheit. Darauf und auf sauberes Handwerk verlassen sich die Medien, die dpa abonnieren.

Genau das aber hat die dpa am 13. Juli in einem Hintergrundbericht mit Titel „Immer mehr Unmut über Pius-Kurs des Papstes“ von Bernward Loheide missen lassen. Das Stück ist geradezu ein Lehrbeispiel für Tendenzjournalismus, wie er nicht Aufgabe einer Nachrichtenagentur sein kann. Der Autor nimmt ein Dokument von Benedikt XVI. zum Auftakt des Priesterjahrs als Anlass, um daraus ein Zitat des Papstes aus Schriften des Pfarrers von Ars seinerseits gekürzt zu zitieren. Er parallelisiert gleichzeitig diese wenigen Zeilen mit der drei Jahre alten Regensburger Papstrede, die unter Muslims umstritten war, und montiert beides mit den Vorgängen um die Priesterbruderschaft Pius X. Daraus gewinnt der dpa-Mitarbeiter eine rhetorische Frage: „Steht der Papst den Piusbrüdern theologisch näher als bisher bekannt?“ Die Frage insinuiert eine Tatsache, die skandalisieren soll. Weiter destilliert Loheide aus dieser Montage die Unterstellung eines „extremen mystischen Klerikalismus des 19. Jahrhunderts“ bei Benedikt XVI. und stellt weitere Tatsachenbehauptungen auf: „Intern sorgten die Zitate in der katholischen Kirche in Deutschland für Entsetzen.“ „Die Kirche steckt in ihrer tiefsten Krise seit 1945.“ „Die menschliche Vernunft ist sündig und muss mit Hilfe des Priesters gereinigt werden: Diese Vorstellung teilt der Pfarrer von Ars mit dem Gründer der Piusbruderschaft und dem Papst“ – das alles sind schwerwiegende Behauptungen, die deshalb ausreichend belegt sein sollten. Aber als Beleg dient allein der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät Freiburg, der bei dpa von Loheide auch in früheren Beiträgen ständig zitiert ist.

Das ist zu wenig. Loheide erwähnt allein, was in die eigene Indizienkette zur Anklage von Benedikt XVI. passt – denn es gibt in der katholischen Kirche in Deutschland auch Zustimmung zum Priesterjahr-Dokument des Papstes, und die behauptete „tiefste Krise“ sehen nicht alle. Die andere Seite, die es gibt, wird nicht gehört. Kurz: Mit seriösem Agenturjournalismus hat das nichts zu tun. Hier transportiert auf Kredit der dpa ein Journalist seine eigene kirchenpolitisch-weltanschauliche Position. Und man fragt sich unwillkürlich: Geschieht das bei dpa auch in anderen Feldern der Berichterstattung? Glaubwürdigkeit ist ein hohes Gut. Der kommende, neue dpa-Chefredakteur muss das wissen.