Paris

Die unerwähnten Arten des Sklavenhandels

Im Laufe der Menschheitsgeschichte war Afrika von drei Arten des Sklavenhandels betroffen – vom internen Sklavenhandel innerhalb Schwarzafrikas, vom arabisch-muslimischen sowie vom europäischen Sklavenhandel. Erwähnt wird aber fast immer nur der transatlantische.

Gedenken zum Ende der Sklaverei
Los Angeles: Ein kleiner Junge geht während einer Feier am Gedenktag Juneteenth zur Erinnerung an die Sklavenbefreiung in den USA an einem Wandgemälde von Martin Luther King vorbei. Foto: Jae C. Hong (AP)

Die vergangenen Wochen haben den transatlantischen Sklavenhandel – von Afrika nach Amerika – in den Mittelpunkt der Debatten gerückt. Demonstrationen rund um die "Black Lives Matter"-Bewegung fordern für die Nachkommen der Sklaven eine Entschädigung für das ihnen von europäischen Kolonialherren zugefügte Leid. Aus dem Blick geraten ist allerdings, dass es neben der Verschiffung von Sklaven nach Europa und Amerika noch weitere Varianten des Sklavenhandels gab. „Der Krieg und die Sklaverei gehören kontinuierlich zu der langen Geschichte der menschlichen Gesellschaften dazu“, konstatiert Pierre Vermeren im Figaro. Der Geschichtsprofessor an der Pariser Sorbonne ist ausgewiesener Experte für den Maghreb und die arabische Welt. Es bedürfe einer sehr hohen Kulturstufe und eines ausgeprägten moralischen Gewissens, verbunden mit der Anerkennung der Personwürde eines jeden Menschen, um die Sklaverei abzuschaffen. Der Menschenrechtsorganisation „Foundations Free Walk“ zufolge gab es noch 2016 fast 46 Millionen Sklaven weltweit, die Hälfte davon in Asien (China, Indien und Pakistan), fast die andere Hälfte in Afrika, insbesondere in der Sahelzone. Doch auch die Gesellschaften der arabischen Halbinsel sind davon betroffen.

Auch Europa hat eine Anteil daran

Und auch Europa hat noch einen gewissen Anteil daran: kriminelle (nigerianische, chinesische oder südosteuropäische) Gruppen spannen legale oder illegale Migranten für sexuelle Sklaverei ein und bedrohen sie im Falle einer Flucht mit dem Tod. 

Die heilige Paulus verkündete, dass alle Menschen – ob Freie oder Sklaven, Männer oder Frauen, alle Rassen und Kulturen – gleich vor Gott seien. Im christlichen Mittelalter bildete sich die Auffassung von der Person heraus, was allmählich zum Ende der Sklaverei in den christlichen Ländern führte.
Im siebten Jahrhundert verkündete der Islam nicht die Abschaffung der Sklaverei, sondern nur die Befreiung von Sklaven, wenn sie sich zum Islam bekehrten: „Doch die schnelle Konversion der Sklaven bedrohte die Wirtschaftssysteme auf der arabischen Halbinsel und der eroberten Gebiete“. 

Insgesamt gab es drei bedeutende Arten des Sklavenhandels, die Afrika ein Jahrtausend lang eines Teils seiner Lebenskräfte beraubten: „Der aufgrund einer lückenhaften Dokumentation unbekannteste ist der interne Sklavenhandel in Schwarzafrika. Die Historiker schätzen, dass er mehr als 10 Millionen Menschen betraf. Die beiden anderen werden durch die Verzeichnisse der Händler dokumentiert. Der Sklavenhandel, der über die Sahara in den muslimischen Norden führte, und der westliche Sklavenhandel nach Amerika. Durch diesen transatlantischen Handel wurden innerhalb von drei Jahrhunderten 14 Millionen Männer und Frauen deportiert, durch den sogenannten ‚arabischen‘ Sklavenhandel 17 Millionen innerhalb von fast 13 Jahrhunderten.“

Die Verantworung der Afrikaner und der muslimischen Welt

Für die Demonstrationen, die seit dem Tod von George Floyd Ende Mai in großen Städten des Westens und auf den sozialen Netzwerken stattfinden, spielt jedoch nur der Sklavenhandel von Afrika nach Amerika und Europa eine Rolle. Es wäre in der Tat „gefährlich“, meint Vermeren, „die wirklichen Mechanismen der anderen Spielarten des Sklavenhandels zu hinterfragen“, insbesondere die Verantwortung, die Afrikaner und die muslimische Welt für sie tragen. Doch es gibt einige wenige Wissenschaftler, die es riskierten.

So hat der französisch-senegalesische Forscher Tidiane N’diaye im Jahr 2008 das Buch Le Génocide voilé verfasst, das 2010 bei Rowohlt auf Deutsch unter dem Titel „Der verschleierte Völkermord - die Geschichte des muslimischen Sklavenhandels in Afrika“ erschien, in dem er die verschüttete Erinnerung an den transsaharischen Sklavenhandel wieder ans Licht brachte. Er erinnerte dabei, so Vermeren, an ganz Offensichtliches: Schon allein durch das Ausmaß des Sklavenhandels müsste es in den muslimischen Regionen eine schwarze Bevölkerung geben: „Doch zu Anfang des 21. Jahrhunderts beschränkt sich diese auf eine Million Menschen. 20-30 Prozent der zu Fuß durch die Sahara geführten Sklaven starben früher auf diesem langen Marsch“. Die am Mittelmeer, in den arabischen großen Städten und sogar in Indien noch ankommenden Afrikaner „wurden in speziellen Werkstätten kastriert, was eine erhebliche Mortalität nicht verhinderte. Und die Überlebenden pflanzten sich nicht weiter fort. Das Ergebnis ist das ‚genozidale‘ Sterben dieser vielen Menschen, die keine Nachkommen haben, die Rechenschaft darüber verlangen können“.

Keine Schuldgefühle im muslimischen Machtbereich

Schuldgefühle demgegenüber seien im muslimischen Machtbereich indes noch nicht ins Bewusstsein gedrungen, „wo die Mehrheitsmeinung diesbezüglich der Auffassung ist, dass Gott das, was geschieht, gewollt habe und sich somit spurlos in Luft aufgelöst hat. Nur noch in Mauretanien – wo die im Jahr 1980 abgeschaffte Sklaverei weiter fortbesteht – und im Senegal bleibt das Problem der Sklaverei ein wunder Punkt: Stimmen erheben sich, um Rechenschaft dafür zu fordern. Doch die Gemeinschaft der Gläubigen zu spalten, wird im Islam als die schlimmste Sünde angesehen, woran die salafistischen, von den Golfstaaten ausgesandten Imame immer wieder erinnern“.

DT/ks

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