Gottesnarren

Die „Spaßmacher“ waren tief gläubig und subversiv

„Narren in Christo“ – Gottesnarren haben in Russland Tradition: Ihre Frömmigkeit und ihre geistlichen Unterweisungen finden verbreitet Beachtung. Auch hier im Westen wächst das Interesse an diesen nicht nur spaßigen Personen.

Ein Gottesnarr. Gemälde von Paul A. Svedomsky
Ein Gottesnarr. Gemälde von Paul A. Svedomsky. wiki/www.art-catalog.ru Foto: wiki/www.art-catalog.ru

In der katholischen Kirche gilt der heilige Philipp Neri als weitgehender Sonderfall – eine Frohnatur und stets zu Scherzen aufgelegt sei der „Spaßmacher Gottes“ gewesen, der sich nicht zu schade war, im Rahmen einer als asketische Übung verstandenen Haltung der Selbstverleugnung den öffentlichen Spott auf sich zu ziehen: sei es, indem er einmal mit nur halb rasiertem Bart, ein andermal mit rosa Filzpantoffeln durch Roms Straßen zog. Ein solches Narrentum um Christi willen, wie es das Pauluswort bezeichnet, welches sich häufig mit der Forderung Jesu verbindet, sich selbst gering zu schätzen, spielt dagegen bis heute in der russisch-orthodoxen Kirche eine maßgebliche Rolle. Die jurodivye genannten Gottesnarren wurden von literarischen Größen wie Puschkin, Dostojewski und Tolstoi in ihren Werken verewigt, gleichzeitig waren sie und das Gottesnarrentum – jurodstvo – lebensvoller Bestandteil von Folklore und Volksfrömmigkeit im russischen Kulturkreis.

 

An die 35 Gottesnarren wurden im Laufe der Jahre von der orthodoxen Kirche als heilig anerkannt, darunter mit Prokop von Ustjug und Isidor von Brandenburg und Rostow sogar zwei gebürtige Deutsche. Der heilige Prokop soll ein Lübecker Kaufmann gewesen sein, der gegen Ende des 13. Jahrhunderts in Nowgorod Handel trieb, dort den orthodoxen Glauben kennenlernte und annahm. Er gab sein ganzes Vermögen den Armen und zog nach Ustjug. Dort lebte er als Narr in Christo, betete für die sichere Heimkehr von Wanderern, ging in Ketten umher und hielt Bußpredigten, von denen die Ustjuger aber nichts wissen wollten. Bis eine Wolke aus glühenden Steinen sich über der Stadt zusammenzog und Prokop mit seinen inständigen Gebeten bewirkte, dass sie vorüberzog und ein Waldstück nahebei verheerte.

Zwei Deutsche sind unter den Heiligen

Ab diesem Zeitpunkt verehrten ihn die Ustjuger als Heiligen. Gut einhundert Jahre später zog der aus dem Brandenburgischen stammende Isidor in der Gegend von Rostow umher. Ebenfalls von der Schönheit des orthodoxen Glaubens angezogen, bekehrte er sich und wurde ein Narr in Christo, mit Lumpen bekleidet hauste er in einer sumpfigen Wildnis, gab mit seinen widersinnigen Äußerungen geistliche Unterweisung, verbrachte seine Nächte im Gebet und rettete einmal einem Handelsmann, der zu ertrinken drohte, das Leben. Als Isidor am 14. Mai 1474 in seiner Hütte entschlief, soll sich die ganze Stadt Rostow mit himmlischem Wohlgeruch erfüllt haben. Der dankbare Händler aber ließ an dieser Stelle eine Kirche errichten.

Der deutsch-russische Schriftsteller und Russlandkenner Karl Nötzel, übrigens evangelischer Konfession, merkt in seinem Werk „Das heutige Russland. Eine Einführung nach Tolstois Leben und Werken“ in einem eigenen Kapitel über die „Gottesleute“ den enorm hohen Einfluss dieser Narren in Christo auf den jungen Tolstoi an. Der Graf schreibt selbst, dass auf dem elterlichen Gut diese einfachen Leute ein und aus gingen und man ihm Respekt und Achtung vor ihnen anerzog. Besonders beeindruckte ihn die Selbstverständlichkeit, mit der sich diese – zum Teil auch tatsächlich geistig behinderten – Menschen an Gott wandten und mit ihm „wie mit einem lebendigen Wesen verkehrten“. Einmal versteckt sich der Knabe in der Kammer eines kettentragenden Gottesnarren namens Grischa und belauscht die Gebete, die dieser in seiner religiösen Verzückung spricht.

Auch eine Figur der russischen Literatur

Vielleicht gibt es Gottesleute, die sich verstellen, aber das Zeugnis, das Tolstoi in seinen Erinnerungen notiert, ist authentisch und ergreifend. Grischa bittet wiederholt um Vergebung für seine schweren Sünden sowie für seine Feinde, er klagt und schluchzt, bittet um Erbarmen und bekräftigt am Ende sein inständiges Gebet mit den Worten aus dem Vaterunser: Dein Wille geschehe. Was so heimelig und volksverbunden, so harmlos skurril und fromm folkloristisch klingt, das birgt eine antiautoritäre Sprengkraft in sich, die ihresgleichen sucht. Denn es ist einzig der Gottesnarr, der dem Despoten ohne Furcht und aufrecht entgegentreten kann. Alexander Puschkin hat eine solche Szene in seinem historischen Drama „Boris Godunow“ geschildert.

Er erzählt darin, nach der Vorlage des Historikers Nikolai Karamsin, die Geschichte des gleichnamigen adligen Kindermörders, der den legitimen Thronfolger, den Knaben Dimitri, umgebracht hat, um an seiner Stelle zum Regenten proklamiert zu werden. Godunows Plan geht auf, bis ein falscher Dimitri auftaucht und seinerseits einen Anspruch auf den Zarenthron erhebt. Obwohl das gesamte Volk weiß, ja, eine ganze Stadt bezeugen kann, dass Godunow einen Knaben aus allerniedrigsten Beweggründen ermorden ließ, wagt niemand, die Wahrheit auszusprechen.

„Man kann nicht beten für den Zaren Herodes:
Die Muttergottes will es nicht haben!“

Im Gegenteil, die Moskauer flehen ihn an, doch die Zarenkrone an sich zu nehmen, als er nach dem Mord zögert. Einzig und allein der mit Ketten behängte, eisenhuttragende Gottesnarr Nikolka, stets umgeben von einer Rotte von spottenden und höhnenden Gassenjungen, wagte es, Godunow, den er beim Verlassen einer Kathedrale begegnet, unter dem Vorwand, sich über die frechen Kinder zu beklagen, ins Gesicht zu sagen: „Die Buben tun mir Leid an. Lass sie abschlachten, wie du den jungen Zarewitsch geschlachtet hast!“ Die Bojaren empören sich und wollen ihn festsetzen lassen, doch der Zar wehrt ihrer: „Lasst ihn! Bete für mich, armer Nikolka.“ Der Gottesnarr aber weigert sich in einem weiteren Akt äußerster Autonomie. In der vollständigen Freiheit seiner Gotteskindschaft ruft er dem Despoten hinterher: „Man kann nicht beten für den Zaren Herodes: Die Muttergottes will es nicht haben!“

Gleich einen ganzen Roman mit einem Narren in Christo als Protagonisten hat Fjodor Dostojewski mit „Der Idiot“ geschrieben. Fürst Myschkin, der Protagonist, leidet an Epilepsie. Er ist noch dazu naiv, gutgläubig und eine vollständig reine, kindliche Seele, die umgeben ist von korrupten Gestalten. Von einer Gesellschaft also, die ausgerechnet diesen innerlich so schönen, guten und charaktervollen Menschen als einen wahnsinnigen Idioten stigmatisiert – eine Diagnose, die tatsächlich viel trefflicher zu ihnen und zu ihrem gierigen, skrupellosen Gebaren passen würde.

Narretei als Frömmigkeitsform

Obwohl der Autor seinen Helden nicht mit Ketten behängt oder in Lumpen gehen, einen toten Hund hinter sich herziehen und Buße predigen lässt – und was der klassische Narr noch alles so im Repertoire hat –, wird jeder russische Leser sofort wissen, auf welchen gesellschaftlichen Phänotyp sich Dostojewski mit Fürst Myschkin bezieht. Deutlicher und, wenn man so möchte, klassischer gezeichnet ist dagegen Aljoscha aus den „Brüder Karamasow“; es gibt übrigens literaturwissenschaftliche Thesen, wonach sich in diesem Werk von Dostojewski insgesamt acht Charaktere von jurodivye finden ließen. Gerade Aljoschas meisterlich geschilderte religiöse Verzückung, seine überwältigende Empfindung des Eins-mit-Allem -Sein, bringt ihn dazu, das Kloster zu verlassen und in der Welt zu leben.

Auch im Westen findet das Phänomen der jurodivye immer mehr Beachtung. Eine besonders wertvolle Arbeit für alle, die sich dieser speziellen Frömmigkeitsform in der Orthodoxie annähern möchten, bietet neben der Lektüre der genannten Klassiker der russischen Literatur der kürzlich erschienene Tagungsband „Narren in Christo. Über das Unorthodoxe in der Orthodoxie“, herausgegeben von Stefan Reichelt, als Resultat einer Fachtagung des Arbeitskreises „Kirche im Osten“. Für alle Leser, die sich intensiver mit diesem spezifisch russischen Phänomen befassen wollen, bietet es hervorragenden Lesestoff. Die darin versammelten Essays behandeln Themen wie „Die Weisheit der Liebe in der Nachfolge Christi“ (Daniel Munteanu) oder auch „Östliches Mönchstum als Nachfolge Christi und Protest“ (Hans Georg Thümmel).

„Pussy Riot“ sehen sich in der Tradition der jurodivye 

Mit einer Lektüreauswahl aus dem Roman „Laurus“ von Jewgeni Wodolazkin, gerne auch der „russische Umberto Eco“ genannt, schließt der Band und beweist damit einmal mehr, dass der jurodivy fest in das kollektive Gedächtnis der Russen eingebrannt und auch in der modernen Gesellschaft präsent und quicklebendig ist. In seinem brillanten Einstiegsbeitrag zum „Narren in Christo“-Band bestätigt Christian Münch, Theologe und Pfarrer der Berner Landeskirche, diesen Umstand, wenn er schreibt, dass sich das jurodstvo zu einem kulturellen Paradigma entwickelt und sich verselbstständigt habe und inzwischen losgelöst von Hagiografie oder christlicher Spiritualität angewandt werde.

Nur so lässt sich freilich die eigentlich befremdliche Tatsache erklären, dass sich eine Mitwirkende bei der blasphemischen Performance der Frauenband Pussy Riot in der Moskauer Erlöserkathedrale 2012 vor Gericht damit rechtfertigte, sie seien „vielleicht jurodivye“, und bei dem Punkgebet habe es sich um jurodstvo gehandelt.

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