Voerde

„Die reine Lehre kann auch ohne Früchte bleiben“

YouCat-Chef Bernhard Meuser hat kürzlich Apostaten im kirchlichen Dienst kritisiert. Die Reduktion der Kirche auf „linientreue Mitarbeiter“, so schreibt der Voerder Pastoralreferent Markus Gehling, und „entsprechende Gläubige“ mache sie zur „Sekte“, die „geringe Anziehungskraft“ habe.

Grabaltar des Gruenders des Jesuitenordens Ignatius von Loyola in der roemischen Kirche Il Gesu G
Was ist ein guter Umgang miteinander, wenn die "rechte Lehre" - hier in der Darstellung einer Frauengestalt auf dem Grabalter des Gründers des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola in Rom - auf Häresien oder Apostasie trifft? Soll man sie wie die "rechte Lehre" in den Abgrund stürz... Foto: imago stock&people

Während von Arbeitnehmern Loyalität zum Arbeitgeber gefordert sei, würden in der Kirche Funktionsträger Teile der Lehre leugnen, gegen die Schöpfungsordnung oder in Sünde leben. Konsequenzen hätten sie nicht zu fürchten, so Bernhard Meuser in seinem Tagesposting: „Das Spiel der Apostaten“ (DT vom 19.11.20).

Von einem Mitarbeiter darf der Arbeitgeber fraglos Loyalität und gute Arbeit verlangen. Je nach Stellung im Unternehmen wird dabei mehr oder weniger erwartet, meist verbunden mit einem entsprechenden Salär. Für das private und persönliche Leben und Denken bleibt aber in der Regel ein weiter und freier Raum.

Unterscheidung zwischen Glauben und Pflicht

Bei der Kirche ist das spezieller, es geht um weitestgehende Identifikation. Da gelten in einigen Kreisen Pastoral- und Gemeindereferenten und Caritasmitarbeiter schon per se als Apostaten. Als Pastoralreferent sehe ich für meine Berufsgruppe die Verpflichtung zu einer dreifachen Loyalität: gegenüber der Kirche als Arbeitgeber, gegenüber der Kirche als geistlicher Größe und gegenüber dem dreifaltigen Gott. Meine Loyalität sollte jeweils authentisch, ehrlich und glaubhaft sein, insbesondere vor Gottes Angesicht. Aber die jeweiligen Pflichten sind dann durchaus gestaffelt.

Der Glaube ist ein weites Feld. Nicht alles, was zeitweise als Identitätsmarker betrachtet wird, ist wirklich zentral. In keinem Glaubensbekenntnis bekenne ich mich zum zölibatären Leben der Priester. Verheiratete unierte Priester sind in aller Regel großartige Kirchen- und Ehemänner. Auch Frauen im pastoralen Dienst und viele Ordensschwestern werden als wahre Seelsorgerinnen erlebt. Es begegnen mir heute Katholiken, die sich um die Glaubwürdigkeit einer Kirche sorgen, die ihre Strukturen sakralisiere und machtvolle Positionen allein geweihten Männern vorbehalte. Weitere kritisieren mit allergrößter Selbstverständlichkeit und Heftigkeit Papst und Bischöfe. Trotzdem gerieren sie sich als Loyalste der Loyalen und richten leichthin über Glauben und Kirchentreue der Anderen. Mir fällt es hier wie dort zunehmend schwer, das Gütesiegel „Echt katholisch“ zu vergeben.

Gewürge um die Aufarbeitung des Missbrauchs

Meusers Position ist klar und eingängig. Ein „Apostat, der mit der Eucharistie spielt“, „Ein Professor, der auf das Lehramt und in den Katechismus spuckt“, „fromme Männer, die Knaben oder Pfarrköchinnen beiliegen“ – sie alle haben in kirchlichen Diensten nichts verloren. Nur, wie stelle ich sicher fest, dass jemand auf den Glauben der Kirche „spuckt“? Kritik an der real existierenden Kirche ist kein Ausweis von Gegnerschaft, wie nicht nur der Hl. Philipp Neri zeigte. Ich denke, es ist richtig, dass Eugen Drewermann heute kein Professor, kein Priester und kein Katholik mehr ist. Dennoch habe ich bei ihm (vor Jahrzehnten) einige Male die Eucharistie mitgefeiert (treu nach dem Messbuch zelebriert) und es hat meinen Glauben gefestigt.

All die Widersprüche, die Meuser beklagt, decken die Krise einer Kirche auf, die um ihre Glaubwürdigkeit in der Moderne ringt. Diese Kirche ist auch als Arbeitgeber zunächst in der Pflicht, glaubwürdige und intellektuell überzeugende Antworten zu geben. Das Gewürge um die Aufarbeitung des Missbrauchs zeigt, wie schwer sie sich bis in Spitzenpositionen hinein tut, ihre Botschaft von Sünde, Reue und Umkehr authentisch zu leben. Lauter Gutachten, Be- und Entschuldigungen, Sündenböcke, wenig Buße und kein Neuanfang.

„Daher muss die Firma nicht Ramsch liefern,
sondern begeisternde Qualität“

Es fehlt das klare Bekenntnis „Ja, ich habe im Umgang mit Opfern und Tätern gesündigt.“ Auch das könnte man nach Meuser „partielle Apostasie“ nennen. Dabei sehnen sich die Leute nach überzeugender Frömmigkeit. Es ist auffällig, wie breit auch in säkularen Medien berichtet wird, wenn ein prominenter Mensch Spuren von Gläubigkeit und Kirchenbindung offenbart. Gerade solch prominente Glaubenszeugen wären nach Meusers Definition Apostaten, weil sie nur einen kleinen Aspekt des Glaubens zum Thema machen und darüber hinaus oft krude Thesen vertreten. Dennoch helfen sie mit, dass Verkündigung andocken kann. Das Samenkorn des Glaubens braucht einen vorbereiteten Boden.

Die reine Lehre kann auch ohne Früchte bleiben. Das zeigte vor Tagen die bedrückende Debatte um das Schauspiel „Gott“ von Ferdinand von Schirach. Die große Mehrheit der Befragten forderte am Ende Sterbehilfe für Lebensmüde. Da bin ich als Christ dankbar für jede Stimme, die das Recht auf Leben von seinem Anfang bis zum natürlichen Ende fordert. Selbst dann noch, wenn ich nicht mit allen anderen Haltungen übereinstimme. Keine Verkäuferin bei Tupperware oder Thermomix wird auf Dauer erfolgreich sein, wenn sie nicht an die Ware glaubt. Daher muss die Firma nicht Ramsch liefern, sondern begeisternde Qualität, mit der sich kein Konkurrent messen kann.

Kann die Kirche noch Sakrament sein?

Weil der Gottesglaube jeden Lebensbereich durchdringt, ist das in der Kirche vielschichtig. Hier bleibt die Kirche erkennbar hinter ihren Möglichkeiten und weit hinter ihrem Urbild zurück. Manchmal fragt man sich, ob sie noch Sakrament sein kann. Sie vermag die Herzen nicht zu entflammen, von einsamen Streitern mal abgesehen. Kaum ein katholisches Herz, in dem nicht auch Zweifel und Kritik wohnen und wachsen. Darüber muss gesprochen werden, Zweifel müssen bearbeitet werden. Bedrängende Fragen brauchen überzeugende Antworten, nicht nur eindeutige. Kommen die nicht, ist auch der Glaube selbst geschwächt und verwundet. Glauben ohne Zweifel kann heute weniger als je zuvor über Loyalitätsverpflichtung, Belohnungssysteme und Gehorsam induziert werden.

Die Reduktion der Kirche auf linientreue Mitarbeiter und entsprechende Gläubige macht sie zu einer Sekte, von der nur geringe Anziehungskraft ausgeht. Aus einer Debatte mit Manfred Lütz ist mir ein Argument präsent geblieben: Die Liberalen bringen Menschen mit Christus in Verbindung, die Konservative nie erreichen würden. Entscheidend sei, dass der Glaube an Christus wachse, dass der Same des Evangeliums auf fruchtbaren Boden fällt. Das biblische Geschehen ist neben den modernen Heldengeschichten der Medien, illustriert mit spektakulären und machtvollen Bildern, ein Stück langweilig geworden.

Die Kirche braucht Offenheit für die Welt

Wir können Glaube weder erzwingen noch erzeugen. Aber den Boden bereiten, dass etwas keimt. Eine Erfolgskontrolle ist hier genauso schwierig wie in der Kindererziehung. Ganz sicher braucht die Kirche eine Herzmitte, Menschen, die überzeugt und ansteckend ihren Glauben leben. Menschen, die spürbar für Andere da sind und für Christus brennen. Und Menschen, die überzeugend zweifeln und fragen. Das können Gemeinden sein, Einzelpersonen, das sollten Bischöfe und Priester sein, theologische Lehrerinnen und Lehrer, Ordensleute und geistliche Gemeinschaften. Sie brauchen ein gastfreundliches Herz und Offenheit für die Welt, in der sie leben.

Um den Boden zu bereiten für das Wirken einer Kirche, die Sakrament für die Welt sein soll, werden durchaus auch „Apostaten“ gebraucht, denn jeder von uns trägt den Glauben in zerbrechlichen Gefäßen, wir sind stark, wenn wir schwach sind. So ermuntert der Apostel Paulus auch uns „Apostaten“. Wir sollten nicht vergessen: Wenn sich jemand von traditionellen Glaubensvollzügen verabschiedet, offenbart dies zwei Seiten einer Münze und deckt die Schwächen der Kirche mindestens in dem Maße auf wie die der Person. Wenn wir als Kirche nur klare Kante zeigen, schaden wir uns möglicherweise selbst. Die Trennung von einem „Apostaten“ ist eher eine komplexe Operation als ein glatter Schnitt.

Den Menschen Raum zur Entfaltung bieten

Die Debatte um geistlichen Missbrauch, die zur Zeit ja auch mein Bischof Felix vorantreibt, zeigt, wie schmal der Grat ist zwischen einer Sekte, die Menschen zu Gefolgsleuten erzieht und einer Kirche, die Menschen Raum zur Entfaltung bietet, so dass sie werden und wachsen können, wie Gott es in ihnen angelegt hat. Das schließt nicht aus, dass man in dieser Kirche miteinander lernt, was gut und richtig ist. Und dass auch Irrwege klar erkannt werden. Aber wir brauchen auch ein weites Herz, das Maß nimmt am Erbarmen Gottes.


Der Autor ist Pastoralreferent im Bistum Münster.

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