Würzburg

Die Party ist vorbei

Schwierige Gratulation: Das Grundgesetz hat sich nicht für Christus entschieden.

Das Grundgesetz hat sich nicht für Christus entschieden.
So richtig ernst scheint die Gesellschaft das Grundgesetz nicht mehr zu nehmen. Foto: dpa

 Vor einem Jahr feierte die Bundesrepublik ihren 70. Geburtstag, und alle Seiten waren bemüht,  die Erfolgsgeschichte des Grundgesetzes und die aus den Trümmern erstandene Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu beglückwünschen. Auch von katholischer Seite wurde gratuliert und hervorgehoben, dass insbesondere die Erwähnung Gottes in der Präambel, aber auch die Verankerung der Menschenwürde und ihre allgemeine Anerkennung als vorstaatliches, letztlich irgendwo im Metaphysischen begründetes Recht, die christlich abendländische Tradition der Verfassung belegen würde. 

Auch der hohe Anteil der getauften Christen im Parlamentarischen Rat und die katholischen Galionsfiguren Süsterhenn und Adenauer, die Damen Wessel und Weber seien Beleg für den christlichen Prägestempel. Schließlich gelten der Kampf um das Elternrecht, die Aufnahme der Weimarer Kirchenartikel und die Garantie des Religionsunterrichtes als ordentliches Lehrfach als Indizien dafür, dass dem Bonner Grundgesetz der christliche Glaube von Anfang an mehr innewohnte als jede andere Religion. Im Grunde wurde wiederholt, was 70 Jahre zuvor schon Prälat Böhler nach Abschluss der Arbeiten lobend erwähnt hatte.  

"Müsste also in der freiheitlichen Demokratie christlicher Prägung
an der Stelle eines von Gottes Gnaden erwählten Monarchen
zumindest ein mehrheitlich gottesfürchtiges
Volk gläubiger Christen
und folglich eine fromme Volksvertretung stehen?"

Es verbietet sich grundsätzlich, den Jubilar am Festtag zu kritisieren. Doch nun ist die Party vorbei. Wie steht es  71 Jahre nach Verabschiedung der christlich geprägten Verfassung um die christliche, gar katholische Verfasstheit der Bundesrepublik Deutschland? Und anhand welcher Kriterien ist diese zu ermessen? Bräuchte es einen christlichen Souverän? Müsste also in der freiheitlichen Demokratie christlicher Prägung an der Stelle eines von Gottes Gnaden erwählten Monarchen zumindest ein mehrheitlich gottesfürchtiges Volk gläubiger Christen und folglich eine fromme Volksvertretung stehen? Die einfach zu erhebende Zahl der Getauften in Volk und Parlament sind diesbezüglich ernüchternd: Waren es 1949 noch über 95 Prozent der Bevölkerung, so ist heute noch etwa die Hälfte der Bundesbürger auf Christus getauft. Der Anteil bekennender Christen im Deutschen Bundestag beträgt weniger als 50 Prozent, im Parlamentarischen Rat waren es knapp 80 Prozent.

Die Christen werden zur Minderheit

Welche Wirkkraft müsste das christliche Fundament noch in das gesellschaftspolitische Bild und in den Rechtsbegriff von Ehe und Familie entfalten? Welche Präsenz müsste der christliche Glaube in öffentlichen Einrichtungen haben? In Schulen, Krankenhäusern, Gerichtssälen, um wirklich noch als Frucht einer christlichen Wurzel bezeichnet werden zu können? 

So schwierig diese Fragen sind, so eindeutig darf festgehalten werden, dass die 100 000-fache Tötung ungeborenen Lebens jedes Jahr sowie die vom Verfassungsgericht jüngst freigegebene, geschäftsmäßig betriebene Sterbehilfe nicht einen Funken christlichen Glaubens in sich tragen. Und hätte nicht ein Rechtssystem christlicher Provenienz die Etablierung der gleichgeschlechtlichen Ehe und die Einführung eines dritten Geschlechts nach der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau verhindern müssen? Oder hätte zumindest umgekehrt ein solches Gefüge nicht allen Christen im Land garantieren müssen, dass ihre Kinder in staatlichen Einrichtungen verschont bleiben von „gendergerechter“ und zeitgeistlicher Erziehung in all diesen Belangen?

Entfremdung vom christlichen Erbe

Was also ist passiert in den letzten 70 Jahren? Hat sich das Verfassungsleben als Melange aus Gesellschaft, Politik und höchstrichterlicher Rechtsprechung soweit von seinen Grundlagen emanzipiert, gar entfremdet? Oder war schon das Fundament vielleicht von Anfang an weniger christlich, als man es gemeinhin nur zu gerne und hoffnungsvoll unterstellt? 

Selbst die Erwähnung Gottes im ersten Satz der Verfassung schützt vor der letzten Frage nicht. Denn der Gott der Präambel ist weder dreifaltig, noch in Christus Mensch geworden. Weder stand er als Urheber der Verfassung, noch als wirkliche Bezugsgröße zur Debatte. Christus war nicht der Maßstab, auf den hin der neue Staat geordnet wurde und vor dem sich Politik und Gesellschaft künftig zu rechtfertigen haben würden – auch wenn sich ein Süsterhenn in den Verhandlungen „dem deutschen Volk und unserem Herrgott“ gegenüber verantwortlich fühlte. In erster Linie ging es um eine gewisse „metaphysische Stimmung“, ein wenig „Magie“, „Würde“ und „Feierlichkeit“ und eine wie auch immer geartete, rechtlich weder fassbare, noch normierte Verwurzelung im Vorstaatlichen.

"Christus war nicht der Maßstab,
auf den hin der neue Staat geordnet wurde
und vor dem sich Politik und Gesellschaft
künftig zu rechtfertigen haben würden"

 Ähnliches gilt auch für die Formulierung der Menschenwürde. Zwar kann für Christen diese nur aus der Gottesebenbildlichkeit herrühren, aber normiert wurde das nicht. „Naturrecht“ war das gemeinsame wording, mindestens „überphysische Atmosphäre“. Und ausdrücklich hielten die Abgeordneten Heuss und Weber daran fest, dass „der Absatz von der Menschenwürde“ so formuliert werden müsse, „dass der Eine es theologisch, der Andere philosophisch, der Dritte ethisch auffassen“ oder auch aufgrund der katastrophalen Vergangenheit des Landes nur von „geschichtlichen Einsichten“ ausgehen könne.

Bis heute Konflikfeld: Bildung, Erziehung und Familienpolitik

Indes wurde in den Debatten um das Elternrecht tatsächlich das christliche Familienbild ins Zentrum gestellt. Die gleichgeschlechtliche Ehe und daraus wie auch immer hervorgehende Kinder lagen dabei außerhalb des Denkmöglichen, und waren kein verfassungsrechtlich zu regelnder Gegenstand. Die Vertreter der Zentrumspartei und der CDU/CSU verweigerten, unterstützt durch zahlreiche Eingaben aus Bevölkerung und Klerus, dem Staat das Erziehungsmonopol, und forderten ein Recht an der Mitgestaltung der Schulen. Sei doch die wichtigste –, für Katholiken zudem verpflichtende – Aufgabe der Eltern, ihre Kinder im Glauben zu erziehen. Nicht aus einem antichristlichen Affekt heraus entschied sich die Mehrheit dagegen, sondern weil die Verpflichtung des Staates, einem jedem die Freiheit in dieser Frage zu gewährleisten, schwerer wog als das mehrheitlich anerkannte, natürliche Recht der Eltern auf die Erziehung ihrer Kinder. Carlo Schmid warnte davor, in den Schulfragen „zu viel Angst vor der Allmacht des Staates“ zu haben; man solle umgekehrt „bedenken, dass Abstimmungen von Elterngruppen an Autoritärem nichts zu wünschen übrig“ ließen. Theodor Heuss erklärte das hier eingeforderte Recht zum „Problem nationalpolitischer Tragik“. Kinder dürften nicht Gefahr laufen, isoliert zu werden, „weil sie etwa in evangelischem Umland Katholiken sind“. „Nationalpolitisch“ würden sie dann in ihrer Heimat nicht zusammenwachsen. Die Verfügung über die Schule schließlich gehöre nicht zum natürlichen Recht der Eltern. „Die Schule ist eine Veranstaltung der Gemeinschaft.“

Grundgesetz: Keine christliche, schon gar keine katholische Verfassung

Und doch gewährleistet die Verfassung durch den Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach eine Möglichkeit der Einflussnahme an staatlichen Schulen. Bedauerlich ist nur, dass die Kirche diese Chance meist ungenutzt verstreichen lässt. Vielerorts ist die Religionsstunde so weit vom Glauben der Kirche entfernt, dass fromme Katholiken in Erwägung ziehen müssen, ihre Kinder vom Unterricht zu entbinden.
Das Grundgesetz ist keine christliche, noch weniger eine katholische Verfassung, sondern eine freiheitlich-demokratische. Die Verfassungsväter haben Gott erwähnt, ihm aber keine konkrete Gestalt gegeben. Sie haben sich nicht für Christus entschieden, aber jedem Einzelnen die Freiheit eingeräumt, dies zu tun oder eben auch zu lassen. Den Religionsgemeinschaften haben sie die Tür in die Schule geöffnet – hindurchschreiten muss die Kirche selbst.

Fromme, gar katholische Strahlkraft geht vom Grundgesetz nicht aus. Ein letzter Beleg hierfür mag sein, dass für die grundstürzenden Umwälzungen des Ehe- und Familienbegriffs nicht einmal eine Verfassungsänderung für erforderlich gehalten wurde. Und die von Verfassung wegen als Unrecht geltenden Abtreibungen werden seit Jahren hingenommen – deutliche Proteste kommen allenfalls von Abtreibungsbefürwortern.

Der Alterspräsident Adolph Schönfelder hatte in der Eröffnungssitzung seiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass die Arbeit des Parlamentarischen Rates „so ausfallen möge, dass sie dem ganzen deutschen Volke einmal zum Segen gereichen wird.“ 

Gleichwohl: Herzlichen Glückwunsch zum 71. Geburtstag!

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