Potsdam

Die Kirche sollte ein Gesamtkunstwerk sein

Vor 150 Jahren wurde die katholische Kirche St. Peter und Paul in Potsdam geweiht. Preußen zeigte so seinen Machtanspruch auch in Kirchenfragen.

Apsis der Kirche St. Peter un Paul in Potsdam
Mit dem Bau von St. Peter und Paul in Potsdam wollte Preußen Einfluss auf die Katholiken gewinnen. Foto: Gierens

Schon der Zeitpunkt der Kirchweihe fällt in eine bewegte, geradezu aufregende Zeit. Es ist der 7. August 1870. Wenige Tage vorher hat das Erste Vatikanische Konzil die Unfehlbarkeit des Papstes als Dogma verkündet. Während die geistliche Macht des Pontifex auf einen neuen Höhepunkt zustrebt, verliert er seine weltliche Herrschaft. Die italienischen Truppen rücken auf Rom zu, im September 1870 werden sie die Ewige Stadt besetzen, und der Kirchenstaat hört nach fast 1 000 Jahren auf zu existieren. Das gesamte europäische Staatensystem ist in Bewegung. Dass der Kirchenstaat fast kampflos unterging, geht auch auf den Ausbruch des deutsch-französischen Krieges zurück. Am 19. Juli 1870 erklärt Frankreich Preußen den Krieg und zieht seine Schutztruppen aus Rom ab. Noch im September wird Frankreichs Kaiser Napoleon III. von den deutschen Truppen abgesetzt. Im Januar 1871 proklamiert Bismarck im Spiegelsaal von Versailles Wilhelm I. als deutschen Kaiser.

Für die Einweihung der katholischen Kirche St. Peter und Paul mitten in der Innenstadt von Potsdam sind diese Ereignisse mehr als nur ein historischer Rahmen. Dass mitten in der prunkvollen Residenzstadt der Hohenzollern, an einer städtebaulich derart exponierten Stelle am Ende der Brandenburger Straße – vis-a-vis des Brandenburger Tores (im Gegensatz zum gleichnamigen Bauwerk in Berlin die kleinere, aber ältere Version) – eine katholische Kirche mitten im evangelischen Preußen entsteht, ist nur vor diesem geschichtlichen Hintergrund zu verstehen. In diesen Tagen begeht die Potsdamer Pfarrgemeinde das 150-jährige Jubiläum der Kirchweihe von St. Peter und Paul. Drei Tage lang hat das Erzbistum Berlin dazu ein Festprogramm veranstaltet. Am Samstagabend diskutierten Professor Thomas Brechenmacher, Lehrstuhlinhaber für Neuere Geschichte mit Schwerpunkt deutsch-jüdischer Geschichte an der Universität Potsdam, und der Kunstbeauftragte des Erzbistums Berlin, Jesuitenpater Georg Maria Roers, über die historischen und (kirchen-)politischen Umstände dieses herausragenden Kirchenbaus.

An diesem 7. August 1870 zeigt ein eher symbolischer, aber in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzender Akt, wer hier das Sagen hat. Nach einem letzten, kurzen Gottesdienst in der alten Kirche auf dem Gelände einer Gewehrfabrik ziehen die Gläubigen in einer Prozession zu ihrem neuen Gotteshaus. An der Kirchentür wartet bereits ein Vertreter der königlich-preußischen Regierung. Er übergibt den Schlüssel an den Kirchenvorstand.

"Die Kirche war ein Bau der königlichen Regierung."

Professor Thomas Wemhoff von den Staatlichen Museen zu Berlin, der Moderator des Gesprächsabends, erklärt die Hintergründe: „Die Kirche war ein Bau der königlichen Regierung. Sie wurde vollständig vom Staat bezahlt und nach der Fertigstellung der Gemeinde übergeben.“ Der Anspruch des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV., Hüter eines „christlichen Staates“ zu sein (Thomas Brechenmacher), deutete sich bereits unverhohlen an. Während in Rom der Papst seine weltliche Macht einbüßt, versucht die aufstrebende Hegemonialmacht in Deutschland, auch die katholische Kirche stärker in das Staatsgefüge einzubinden. Nicht nur in Potsdam entsteht ein Kirchenbau. Seit den 1840er Jahren wird ganz im Westen des preußischen Staates, im fernen Köln, nach über 300 Jahren Unterbrechung der Dom vollendet – ebenfalls auf königliche Initiative. Doch der Gegensatz zwischen Kirche und Staat verlief alles andere als reibungslos. In den 1870er und 80er Jahren erreichte er im sogenannten „Kulturkampf“ einen traurigen Höhepunkt. Als der Dom im Oktober 1880 eingeweiht wurde, saß der Kölner Erzbischof Paulus Melchers im holländischen Exil.

Der Staat nahm auf Katholiken massiv Einfluss

In Potsdam lief die Kirchweihe dagegen noch völlig friedlich ab – zumal um 1870 der Kulturkampf erst langsam schwelte. Waren die brandenburgischen Kerngebiete allesamt im Zuge der Reformation evangelisch geworden, gewann Preußen mit den Schlesischen Kriegen und dem Siebenjährigen Krieg im Verlauf des 18. Jahrhunderts, spätestens aber mit dem Wiener Kongress von 1815, große Gebiete hinzu, deren Bevölkerung überwiegend katholisch war. Viele von ihnen zogen auf der Suche nach Arbeit in den Großraum Berlin.

Um 1722 entstand an den Standorten Spandau und Potsdam eine königliche Gewehrfabrik, wobei ein Teil der Arbeiter aus dem belgischen Lüttich stammte. Für sie wurden in den Folgejahren eigene Kirchen auf den Fabrikgeländen errichtet. Es waren die ersten katholischen Kirchenbauten in Preußen seit der Reformation. Mitte des 19. Jahrhunderts hielt der Zustrom von Arbeitskräften aus katholisch geprägten Gebieten an. Das kleine Gotteshaus auf dem Gelände der Gewehrfabrik wurde zu klein. Schon der bedeutende preußische Baumeister August Stüler lieferte 1856 die ersten Baupläne für eine neue Kirche. Nach seinem Tod setzte Wilhelm Salzenberg die Planungen fort. Dass die Kirche am Ende der vom Brandenburger Tor ausgehenden Sichtachse entstehen sollte, ging allerdings mehr auf städtebauliche Gründe zurück, wie Thomas Brechenmacher erläuterte. Bis 1825 gab es an der Stelle ein Wasserbecken – daher heißt der Ort bis heute „Bassinplatz“ –, danach war der Platz eine Brache.

Starke italienische Einflüsse in der Architektur

König Friedrich Wilhelm IV. wollte, wie Professor Brechenmacher betonte, ein „Gesamtkunstwerk“ schaffen, kein „hässliches Entlein“ für die Katholiken irgendwo am Stadtrand. Gleich mehrere zeitgenössische Strömungen waren für den Bau prägend. Zum einen der starke italienische Einfluss: Insbesondere Wilhelm Salzenberg verzichtete auf die von Stüler geplante doppeltürmige Westfassade, sondern versah das Eingangsportal mit einem italienisch anmutenden Glockenturm. So besteht die Apsis aus drei Nischen, sogenannten „Konchen“, die halbkreisförmig angeordnet sind. Diese Gestaltung erinnert stark an die einst größte Kirche der orthodoxen Christenheit.

Mit diesem Rekurs auf urchristliche Gestaltungselemente verband Friedrich Wilhelm IV. eine Vorstellung der kulturellen Einheit von Norden und Süden, von „Germanien“ und Italien. Brechenmacher sprach von einer neuen Vorstellung der „translatio imperii“, also der Ablösung eines Weltreiches durch ein anderes. Dem preußischen König sei es um eine Art „Kulturuniversalismus“ gegangen, in dem auch südliche und südöstliche Einflüsse Einzug gehalten hätten.

Forderung: Los von Rom!

Pater Georg Maria Roers ging noch darüber hinaus. Auch der Bau des (evangelischen) Berliner Doms ab den 1890er Jahren habe den Machtanspruch Preußens demonstrativ untermauert. „Der eigentliche christliche Staat ist der protestantische Staat von Preußens Gloria“, so beschreibt der Jesuitenpater die Vorstellungen der Hohenzollern-Monarchen. Thomas Brechenmacher bleibt hier vorsichtiger. Dem preußischen König sei es „eher um Hegemonialansprüche, weniger um Kulturimperialismus“ gegangen, so der Potsdamer Historiker. Es habe „keine Vorwegnahme einer nationaldeutschen Suprematie um jeden Preis“ gegeben.

Wie auch immer: Preußen hat im ausgehenden 19. Jahrhundert massiv versucht, auch auf die katholischen Untertanen zunehmend Einfluss zu gewinnen. Großzügigkeit bei großen Kirchenbauprojekten wie in Potsdam oder der Vollendung des Kölner Doms gingen einher mit der Forderung einer Loslösung von Rom. Der Bau von St. Peter und Paul vor 150 Jahren fällt genau auf den Vorabend dieser Auseinandersetzungen, an deren Ende die stärkere Trennung von Staat und Kirche stand. Heute gehören diese Debatten längst der Vergangenheit an. St. Peter und Paul ist kein Herrschaftssymbol mehr, sondern die meistbesuchte Kirche im Erzbistum Berlin.

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