Lugano

Die Kirche braucht die Originalfassung von Maria

Das Marienbild des Synodalen Weges ist nicht mehr katholisch. Die Kirche in Deutschland braucht eine umfassende Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Gottesmutter in der Kirche. Ein Plädoyer für Maria.

Kirchenstreik Maria 2.0 in Münster
Feministisches Plädoyer für das Frauenpriestertum: Die Forderungen der Initiative 2.0 blenden die katholische Marienlehre aus, so Manfred Hauke. Foto: Carsten Linnhoff (dpa)

Bei den derzeitigen Diskussionen des Synodalen Weges stößt man, im Zusammenhang mit der Thematik „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“, gelegentlich auch auf die Bedeutung der Gottesmutter und der Mariologie. Unter dem Stichwort „Maria 2.0“ haben sich feministische Aktivitäten versammelt, denen es um das Weihepriestertum der Frau geht, während gläubige katholische Frauen, die Maria in der Originalfassung annehmen, dagegen die Initiative „Maria 1.0“ gesetzt haben. Wer mit theologischen Manifesten, pseudo-synodalen Abstimmungsmechanismen und Bestreiken der Liturgie für das Frauenpriestertum eintritt, bekundet damit eine geistige Haltung, die mit der Glaubenslehre der Kirche von der Gottesmutter nicht übereinstimmt.

Maria ist Urbild der Kirche

Wie schon die Kirchenväter betonen und das Zweite Vatikanische Konzil deutlich herausstreicht, ist Maria Urbild der Kirche, die symbolhaft als Mutter und Jungfrau geschildert wird: Sie „gebiert die vom Heiligen Geist empfangenen und aus Gott geborenen Kinder zum neuen und unsterblichen Leben“; sie bewahrt das dem „Bräutigam“ gegebene Treuewort „in Nachahmung der Mutter des Herrn“ („Lumen gentium“ 64). Zum Abschluss des von ihm ausgerufenen Marianischen Jahres veröffentlichte der heilige Papst Johannes Paul II. 1988 sein Apostolisches Schreiben über die Würde der Frau, „Mulieris dignitatem“. Dabei hebt er die Jungfräulichkeit und die Mutterschaft als zwei zentrale Dimensionen für die Berufung der Frau hervor, die in Maria ihr Vorbild findet.

Nicht zuletzt weist der Papst auf die Bedeutung des Bundes zwischen Gott und den Menschen: Bereits im Alten Testament erscheint die empfangende Bereitschaft und die Mitwirkung des Menschen im Heilsgeschehen symbolhaft in der Gestalt der „Braut“, während die Initiative Gottes mit den Zügen des „Bräutigams“ gezeichnet wird, der sich seinem Volk liebend zuwendet. Christus selbst versteht sich als „Bräutigam“ der Heilsgemeinde (Mk 2, 19f), und von daher kann der paulinische Epheserbrief die Ehe zwischen Mann und Frau vergleichen mit dem Liebesbund zwischen Christus und der Kirche. Christus erscheint dabei als „Haupt der Kirche“, der sein Leben am Kreuz für seine Braut eingesetzt hat. Auf ähnliche Weise soll auch der Mann als „Haupt der Frau“ seine Gattin lieben wie seinen eigenen Leib (vgl. Eph 5, 21–32).

Anstoß an der Schrift

Stellen wie die eben genannte sind freilich heute zum Anstoß geworden. Während in der klassischen römischen Liturgie und in den byzantinischen Kirchen die Lesung aus dem Epheserbrief in den Messen für die Brautpaare niemals fehlt, steht der gehaltvollste biblische Text zum Ehesakrament im nachkonziliaren römischen Trauritus nur als eine Möglichkeit unter vielen, auch wenn er immerhin noch vorkommt. Manche pastoralliturgischen „Anpassungen“ verstümmeln den Text auf eine Weise, dass alle Aussagen über die besondere Verantwortung des Ehemannes unterdrückt werden, so dass die biblische Perikope aussieht wie ein Stück Schweizer Käse mit vielen Löchern.

Zweifellos verlangt jede Bibelstelle eine Auslegung im Licht der kirchlichen Tradition und im Blick auf die spezifische Situation der Menschen, die an der Liturgie teilnehmen.

Das ist im Grund nichts anderes als
bischöflich geförderter Vulgärmarxismus.

Schon Pius XI. erwähnt beispielsweise in seiner Eheenzyklika, dass „Grad und Art der Unterordnung der Gattin unter den Gatten“ sehr verschieden sein können „je nach den verschiedenen persönlichen, örtlichen und zeitlichen Verhältnissen“. Wenn der Mann seine Pflicht nicht tue, sei es sogar „die Aufgabe der Frau, seinen Platz in der Familienleitung einzunehmen“. Aber der „Aufbau der Familie und ihr von Gott selbst erlassenes und bekräftigtes Grundgesetz“ sei niemals erlaubt. Der Mann sei gleichsam das Haupt der Familie und die Frau das Herz (Rohrbasser, Heilslehre der Kirche, Nr. 1665f).

Inkubationszeit des Synodalen Weges

Dass die Erinnerung an diese Aussagen in der nachkonziliaren Kirche selten geworden ist, gehört mit zur „Inkubationszeit“ des Synodalen Weges. Nicht in Frage stellen brauchen wir die Teilhabe von Frauen an Leitungsaufgaben, aber auf gar keinen Fall darf das Gespür für die Komplementarität der Geschlechter verloren gehen, die sich auch in der biblischen Symbolik widerspiegelt, welche die Bildworte des „Bräutigams“ und des „Hauptes“ mit dem Mann sein verbinden, die Rede von der „Braut“ und dem „Leib“ dagegen mit der weiblichen Prägung. Dabei geht es nicht nur um biologische Sachverhalte, sondern um eine ganzheitliche Prägung von Mann und Frau, die im Plane Gottes entworfen ist im Blick auf den Bund zwischen Christus und der Kirche.

Der ideologische Gegner der biblischen Sicht ist vor allem der Marxismus. Schon Friedrich Engels wollte die Familie abschaffen wegen der besonderen Leitungsverantwortung des Mannes. Bestimmte Kreise des Synodalen Weges haben anscheinend ganz ähnliche Vorstellungen. So heißt es etwa in dem kürzlich veröffentlichten Abschlussbericht des Bistums Limburg zum Thema Missbrauchsfälle: am Beginn des Christentums habe „eine Entwicklung und Kontinuität von ,Weiblichkeitskonstruktionen‘ stattgefunden, die bis heute dazu beitragen, dass männerdominierte Machtstrukturen und Geschlechterhierarchien in der katholischen Kirche so schwer abzubauen sind“. Nach dieser Auffassung ist jegliche Hierarchie, die mit der geschlechtlichen Prägung zusammenhängt, etwas Böses. Das ist im Grund nichts anderes als bischöflich geförderter Vulgärmarxismus.

Symbolhaft weiblich

Der Limburger Abschlussbericht erwähnt dabei auch kritisch die Mariologie. In der Tat vereinigt Maria, wie das Zweite Vatikanum betont, „da sie zuinnerst in die Heilsgeschichte eingegangen ist, gewissermaßen die größten Glaubensgeheimnisse in sich und strahlt sie wider“ („Lumen gentium“ 65). Johannes Paul II. bringt in „Mulieris dignitatem“, im Anschluss an Hans Urs von Balthasar, den Unterschied zwischen Weihepriestertum und gemeinsamem Priestertum auf den Punkt mit dem Hinweis auf das apostolische und von Petrus geprägte Profil, das sich in der männlichen Bindung des Weihepriestertums widerspiegelt, und das marianische Profil, das allem Anderen in der Kirche vorausgeht. Gerade die „Frau“, Maria, ist „Bild“ der Kirche, die in ihr bereits ihre Vollkommenheit erreicht hat. „In diesem Sinne … ist die Kirche zugleich ,marianisch‘ und ,apostolisch-petrinisch‘“ (Nr. 27).

Auch Papst Franziskus hat des Öfteren betont, dass die Kirche symbolhaft „weiblich“ ist. So schreibt er in „Querida Amazonia“, dass der „Dialog zwischen Bräutigam und Braut“ in der Feier der Eucharistie „nicht auf einseitige Fragestellungen hinsichtlich der Macht in der Kirche verengt werden“ sollte. „Denn der Herr wollte seine Macht und seine Liebe in zwei menschlichen Gesichtern kundtun: das seines göttlichen menschgewordenen Sohnes und das eines weiblichen Geschöpfes, Maria. Die Frauen leisten ihren Beitrag zur Kirche auf ihre eigene Weise und indem sie die Kraft und Zärtlichkeit der Mutter Maria weitergeben. Auf diese Weise bleiben wir nicht bei einem funktionalen Ansatz stehen, sondern treten ein in die innere Struktur der Kirche.“ (Nr. 101)

In den Seminaren und theologischen Fakultäten
muss Maria „den richtigen Platz“ erhalten

Der richtige Platz für Maria

Dieser Gesamtsicht aus der lebendigen Überlieferung der Kirche weiß sich auch die wissenschaftlich geprägte katholische Mariologie verpflichtet. Wichtig ist dabei die 1988 veröffentlichte Instruktion der Bildungskongregation über „Die Jungfrau Maria in der intellektuellen und geistlichen Bildung“.

In den Seminaren und theologischen Fakultäten muss Maria „den richtigen Platz“ erhalten in einer „systematischen Behandlung“, die drei Kennzeichen hat: „organisch, das heißt ordnungsgemäß in den theologischen Lehrplan eingefügt“, „vollständig“ (in ihrem inneren Gleichgewicht) und als „Antwort für die verschiedenen Arten von Institutionen“ (Nr. 27f; vgl. Sedes Sapientiae. Mariologisches Jahrbuch 23, 2019, 103–122). Dergleichen ist im Grunde nur möglich, wenn die Mariologie im Vollstudium der Theologie als eigenständiger Pflichtkurs erscheint. Dies entspricht etwa der achtbändigen Dogmatik von Scheffczyk und Ziegenaus, welche die Mariologie als fünften Band vorstellt, nach der Christologie und vor der Gnadenlehre und Ekklesiologie. Eine Theologin aus dem deutschsprachigen Raum berichtete mir kürzlich entrüstet, dass sie in ihrem abgeschlossenen Theologiestudium noch nie eine Vorlesung in Mariologie gehört habe. Leider ist das kein Ausnahmefall. Die pseudo-synodalen Holzwege werden erst dann ein Ende nehmen, wenn sich diese Situation geändert hat.

 

Der Verfasser lehrt Dogmatik an der Theologischen Fakultät Lugano und ist Vorsitzender der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie.

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