Würzburg

Die Familie wieder in der Diskussion

Über die Aushöhlung eines Begriffes, die programmatische Neuausrichtung der Parteien und die allgemeine Forderung nach einem Politikwechsel.

Aktionsbündnis "Demo für alle"  hier bei einer Aktion in Würzburg
Um eine Politikwende im Blick auf die Familien bemühen sich viele, allerdings in ganz unterschiedliche Richtungen. Das Aktionsbündnis „Demo für alle“, hier bei einer Aktion in Würzburg, setzt sich für den Schutz und die Förderung der klassischen Familie als Kern der Gesellschaft ... Foto: Familie geht vor!

Politikwechsel ist das Wort der Stunde, erst recht in Zeiten, da die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie sichtbar werden und die psychologischen und sozialen Folgen sich wie dunkle Wolken zusammenbrauen. Man ahnt, dass da was kommt, das Gewitter liegt in der Luft. Gesellschaftspolitisch wird der Wechsel von den Grünen gefordert: Familie und Abstammung, also persönliche Herkunft und Zukunft sollen umdefiniert werden. In Deutschland wie in Frankreich und anderswo wollen grüne Revolutionäre alles der malthusianisch und neuheidnisch durchtränkten Untergangsideologie unterordnen. Der Geschichtsphilosoph und Soziologe Raymond Aron hatte solche Bewegungen einmal so zusammengefasst: „Je mehr sich die Intelligenz von der Wirklichkeit entfernt, umso mehr träumt sie von der Revolution.“

Demo für alle

Einen Gegenentwurf zu diesem pessimistischen Weltbild bietet das Aktionsbündnis „Demo für alle“ mit einer Initiative „Familie geht vor“. Familie als tragende Realität der Gesellschaft. Nach dem Start der Initiative Ende Juni mit einer Aktion in Würzburg, bei der eine Gruppe Jugendlicher des Aktionsbündnisses von der Ludwigsbrücke ein großes leuchtendes Spruchbanner herunterhängen ließ mit der Botschaft „Politikwende JETZT: Familie geht vor!“, ging das Bündnis online mit einer Talkrunde mit namhaften Experten (unter anderen Gabriele Kuby und Klaus Kelle) und einer Petition, die in Form eines Manifestes bereits mehr als 23 000 Unterzeichner gefunden hat.

Die Talkrunde im Netz war informativ und engagiert. Einige der zahlreichen Reaktionen, die sich bis jetzt ergeben, zeigen indes, dass das Netz ein offenes Feld, manchmal auch Schlachtfeld ist. Ein anonymer Kritiker schrieb: „Kann es sein, dass die Gäste ziemlich (lies: vollkommen) einseitig ausgewählt sind?“ Ein anderer, offensichtlich Sympathisant der Schwulen-und Lesben-Szene, meinte: „Das machen queere Familien alles auch. Kein Alleinstellungsmerkmal und damit auch kein Grund für Überlegenheitsansprüche.“ Daran schloss sich eine längere Diskussion an, bei der es eigentlich weniger um wissenschaftliche Befunde aus der Bindungsforschung ging, sondern um die gefühlte mangelnde Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare. Ohne persönliche Begegnung stehen Gefühle und Argumente quasi nebeneinander im Raum – ein Kommunikationsproblem.

Familie als Auslaufmodell in den Medien

Genau in solchen Diskussionen aber liegt das Verdienst der Aktion. Man redet nicht nur mit Gleichgesinnten. Das Problem der Netz-Diskussionen ist allerdings, dass in ein paar Sätzen Argumente und wissenschaftliche Evidenzen selten wirklich zur Geltung kommen. Bloße Behauptungen („das ist tausendfach widerlegt“) werden selten belegt. Dennoch: Auch wenn der Austausch oberflächlich bleibt, es findet eine Begegnung statt. Argumente werden in die Öffentlichkeit getragen. Niemand weiß, wie sie mittelfristig wirken. Und ein Verdienst der Aktion steht außer Zweifel: Für zehntausende der Zuschauer und Unterzeichner sind die Berichte, Argumente und Fakten eine Bestätigung der eigenen Lebensweise. Das ist nicht wenig. Denn in der medialen Landschaft ist das Lebensmodell der Familie aus Vater, Mutter, Kind(ern) mit einer klaren Rollenteilung ein Auslaufmodell.

Es wird aber immer noch von einem Viertel der Familien gelebt und fast vierzig Prozent leben das Modell „Er Vollzeit, sie Teilzeit“. Es gibt außer der Berichterstattung über Glaube und Kirche keinen Themenbereich, in dem die mediale Welt so weit von der Wirklichkeit entfernt ist wie der Bereich Ehe und Familie. Das hat viele Gründe, nicht zuletzt die Lebenswelt und das Selbstverständnis der meisten Journalisten. Aber gerade deshalb ist der Weg in die mediale Parallel-Öffentlichkeit des Netzes, so mangelhaft sie auch sein mag, eine probate Möglichkeit, die frühere thematische Monopolstellung der Mainstream-Medien zu umgehen und der Mehrheit der Familien aufzuzeigen, dass ihre Lebensform (Familie aus Mann und Frau, die miteinander verheiratet sind) eben kein Auslaufmodell ist. Und dass ein Politikwechsel mit dem Vorrang für Familie dringend nötig ist.

Das verwässerte Familienbild der C-Parteien

Das umso mehr, als auch die C-Parteien sich nun dem medialen Druck beugen und ihr Familienbild völlig verwässern. Ausgerechnet zum 75-jährigen Jubiläum der CDU hat die Noch-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer in einem Aufsatz (FAZ) die Familie als Ort definiert, „wo füreinander Verantwortung übernommen“ werde, eine Formel, die sich auch in Programmen der SPD, der Grünen und der Linken findet. Keine Spur von Herkunft, Vaterschaft und Mutterschaft. Und schon gar nicht von der ehelichen Verbindung zwischen Mann und Frau als Voraussetzung für Familie. Letzteres hält auch der CSU-Vorsitzende Markus Söder nicht mehr für zeitgemäß. Er preist hingegen die „Ehe für alle“ und nennt kritische Haltungen zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften für „rückständig“ und „falsch“. Da wundert es nicht, dass der „Bundesverband Lesben und Schwule in der Union“ als offizielle Vereinigung in die CDU-Satzung aufgenommen werden will, wofür er auch schon öffentlich der Unterstützung des JU-Vorsitzenden Tilman Kuban versichert wurde.

Hinter diesem Politikwechsel mit den Avancen in Richtung der LSTB-Minderheiten mag taktisches Kalkül stehen, schließlich braucht man Koalitionsoptionen, wenn man nach den nächsten Wahlen weiter regieren will und in den Mainstream-Medien finden diese Minderheiten mehr Zuspruch als traditionelle und christliche Positionen zu Ehe und Familie. Aber in der Bevölkerung sieht es anders aus und viele Abgeordnete spüren das in ihren Wahlkreisen. Dabei geht es nicht um Toleranz gegenüber der Selbstbestimmung inklusive Liebesleben von erwachsenen Bürgern. Es geht um die Entwertung einer von der Mehrheit der Menschen gelebten Institution und ihrem nachweislichen Beitrag zum Gemeinwohl. Dafür ist ein Politikwechsel geboten und dafür wirbt das Bündnis „Familie geht vor!“ mit Aktionen wie in Würzburg oder Talkrunden im Netz oder auch der Aufforderung an die Bürger, den Abgeordneten ihrer Wahlkreise zu schreiben. Gerade in Krisenzeiten wie den letzten Monaten ist vielen Bürgern noch einmal deutlich geworden, wie sehr Familie trägt. Mit anderen Worten: Wie systemrelevant Familie ist. Und zwar die Familie im traditionellen Sinn.

Rüsten für das Wahljahr

Der Begriff Familie wird in den kommenden Monaten wieder stärker diskutiert werden. Sowohl im rotgrünen Lager als auch bei den C-Parteien rüstet man sich programmatisch für das kommende Wahljahr. Für Christen und Katholiken zumal gilt eine alte Definition, die Jahrhunderte lang im christlich-jüdischen Kulturkreis galt und an der man die programmatischen Neuausrichtungen der Parteien messen kann. Sie lautet: „Ein Mann und eine Frau, die miteinander verheiratet sind, bilden mit ihren Kindern eine Familie. Diese Gemeinschaft geht jeder Anerkennung durch die öffentliche Autorität voraus; sie ist ihr vorgegeben. Man muss sie als die normale Beziehungsgrundlage betrachten, von der aus die verschiedenen Verwandtschaftsformen zu würdigen sind. Indem Gott Mann und Frau erschuf, hat er die menschliche Familie gegründet und ihr die Grundverfassung gegeben. Ihre Glieder sind Personen gleicher Würde.“ Diese Definition findet sich im Katechismus, Punkt 2202. Natürlich geht es in einer pluralistischen Gesellschaft um viele Lebensformen und es gibt weltweit etwa einhundert ethnologische Definitionen von Familie. Sie reichen vom Stammesverband bis zur Ein-Eltern-Familie. Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden hält für Deutschland zwölf Familienformen fest und seit Hartz IV redet man nicht mehr von Familie, sondern von Bedarfsgemeinschaften. Aber gerade weil es heute so viele Definitionen und Begriffe von Familie gibt und die Politik mit ständig neuen Begriffsbestimmungen diese natürliche Institution weiter aushöhlt, bedarf es für Christen einer Richtschnur.

Familie als aller Sozialordnung

Wer den Katechismus nicht heranziehen will, kann sich auch an den großen Familienpapst Johannes Paul II. halten, der schrieb: „Die Familie ist Lebens-und Liebesgemeinschaft. Sie erzieht und leitet ihre Glieder zur vollen menschlichen Reife und dient dem Wohl aller auf dem Lebensweg. Die Familie ist die erste Lebenszelle der Gesellschaft. Die Zukunft der Welt und der Kirche führt daher über die Familie.“ Oder an Benedikt XVI., der es kürzer sagt: „Die Familie ist der Kern aller Sozialordnung.“

Christliche Definitionen richten sich nach der Natur des Menschen. Sie liegt auch der Konzeption des Aktionsbündnisses „Vorrang für die Familie“ zugrunde. Das ist die große Trennungslinie. Denn die gesellschaftspolitisch angestrebten Politikwechsel im Sinne der Grünen und einiger C-Politiker richten sich schon lange nicht mehr nach der Natur des Menschen. Sie sind voluntaristisch, um nicht zu sagen willkürlich, und im Fall der Genderisten mit einem ideologischen Hintergrund. Das macht sie gefährlich, weil Ideologen in der Regel wenig tolerant sind. Söders Worte („rückständig“ und „falsch“) sowie Kramp-Karrenbauers Definitionsversuche offenbaren beide als angepasste Zeitgenossen. Die Kirchen wären gut beraten, sich auf diese Diskussion vorzubereiten – auch wenn es gegen führende Vertreter der C-Parteien geht. Denn bei dieser aufkommenden Debatte geht es auch um substanzielle Fragen, oder, um es mit Johannes Paul zu sagen, um die Zukunft der Kirche.

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