London

Die „Buchpolizei“ – ein neues Phänomen macht sich breit

Selbst ernannte Ordnungshüter suchen die von ihren Besitzern auf sozialen Netzwerken zur Schau gestellten Bücherregale nach möglicherweise inkriminierten Titeln ab. Beim britischen Vizepremier sind sie fündig geworden: Er besitzt ein Buch eines Holocaustleugners.

Der britische Staatsminister Michael Gove
Das Unheilvolle im Bücherregal vom britischen Gesundheitsminister Michael Gove war ein Buch von David Irving, dem Historiker und Holocaustleugner. Foto: Pippa Fowles (Nr. 10 Downing Street/Handout/Xi)

Der britische Spectator kritisiert ein neues Hobby von Möchtegern-Zensoren. Die linksliberale online-Zeitung The Independent berichtete über den neuen Zeitvertreib von Twitteranern, die sich nicht nur einen Spaß daraus machten, die von Internetnutzern auf ihren Twitter- oder Instagram-Profilen geposteten Fotos ihrer Bücherregale nach inkriminierter Lektüre zu durchforsten – sie nutzen ihre Erkenntnisse nun auch dazu, um Leser als vermeintliche „Rassisten“ und „Antisemiten“ zu denunzieren, wenn sie in ihrer Privatbibliothek etwas Inakzeptables zu entdecken glauben.

Michael Goves Bücherregal fällt durch

Das letzte Buchregal, das bei der „Reinheitsüberprüfung“ der „bookshelf policy“ durchfiel, weil es „die Sünde beging, Bücher zu enthalten, die diese Leute missbilligen“, wie der Spectator schreibt, gehört Michael Gove, ehemaliger Bildungsminister von 2010 bis 2015 und jetziger Umwelt- und Ernährungsminister sowie Vizepremier im konservativen Kabinett Johnson. Seine Frau, Kolumnistin bei der Daily Mail, veröffentlichte ein Foto eines seiner Bücherregale auf Twitter, und „fast unverzüglich“ machten sich die „Literaturcops“ an die Arbeit und erspähten „etwas Unheilvolles“. Das Unheilvolle war ein Buch von David Irving, dem Historiker und Holocaustleugner. Und ein Exemplar von „The Bell Curve“ von Charles Murray und Richard J. Herrnstein, in dem ausgesagt wird, „dass Intelligenz durch Umweltfaktoren und genetische Vererbung geprägt“ werde. Auch das Buch von Ayn Rand „Atlas Shrugged“, in dem der „Kapitalismus verteidigt“ werde, befindet sich unter den beanstandeten Werken. Das Echo auf diese Enthüllungen sei sagenhaft gewesen. Owen Jones, Journalist und Aktivist der politischen Linken, meinte, es sei sehr bedenklich, dass ein Kabinettsmitglied ein Buch eines der „berüchtigsten Holocaustleugner auf Erden“ besitze.

Doch, so urteilt der Spectator, weder Gove noch seine Frau hätten „sich schlecht benommen (nur weil sie Bücher besitzen!) - es sind stattdessen die schäumenden Twitteraner mit ihrem mittelalterlichen Borderline-Beharren darauf, dass bestimmte Bücher verboten werden sollten. Warum erstellen sie nicht einen Index Librorum Prohibitorum, der verordnet, welche Bücher nie gelesen werden sollten?“ Das Magazin meint, dass es „so viele lächerliche und sogar recht beunruhigende Aspekte“ dabei gebe: „Denken Menschen wirklich, dass man nur Bücher lesen sollte, mit denen man übereinstimmt?“

Der menschliche Intellekt wächst durch Widerspruch

Wie Goves Frau zu Recht betonte, sei „das Lesen von Büchern, deren Ideen man nicht mag und sogar möglicherweise hasst, ein wesentliches Merkmal des geistigen Lebens. ‚Die Kraft des menschlichen Intellekts wächst durch Widerspruch‘, wie Kardinal John Henry Newman sagte“. Dass so „viele der Linken fest entschlossen sind, niemals auf ein Buch oder eine Vorstellung zu stoßen, die sie für unangenehm halten, erklärt, warum sie so dogmatisch und intolerant geworden sind. Die Weigerung, sich einem Kommentar oder einer Ideologie auszusetzen, die man ablehnt – ja, selbst den Werken eines Holocaustleugners wie Irving – ist das Zeichen eines infantilen Gemüts. Herausgefordert und schockiert und mit Abscheu erfüllt zu werden, ist der Schlüssel dafür, sein Gehirn fit und aufmerksam zu halten“.

Ein zweiter Punkt sei sogar noch gravierender. Denn was drücken diese Leute mit ihrem Angriff eigentlich aus? „Dass Gove vielleicht ein geheimer Holocaustleugner ist? Ein heimlicher Antisemit? Beurteilen wir jetzt Menschen ernsthaft nach ihren Buchregalen statt nach ihren Handlungen?“, fragt der Spectator weiter. Tatsache sei, dass sich Gove sehr engagiert habe, „um den Unterricht über den Holocaust in britischen Schulen zu fördern. Als Bildungsminister gehörte er der Holocaustkommission an, die sich der Verbesserung der ‚Bildungs- und Forschungsmittel‘ zum Holocaust widmete. 2014 hielt er eine ergreifende Rede mit dem Titel ‚Die Notwendigkeit der Erinnerung‘ vor dem Holocaust Educational Trust“. 

Unterstützer von Jeremy Corbyn

Darüber hinaus seien viele Leute, „die derzeit Theater um das Buchregal der Goves machen, glühende Unterstützer von Jeremy Corbyn“ gewesen, der „wie wir wissen, ein äußerst ernstes Problem mit Antisemitismus, einschließlich Holocaustleugnung, hatte“.

Der Spectator resümiert: „Leute, die Corbyn zum Idol machten – der mit Holocaustleugnern verkehrte – wüten auf der Grundlage eines sich auf dem Regal seines Hauses befindenden Buches gegen Michael Gove, der dafür sorgte, dass der Holocaust britischen Schulkindern ordentlich vermittelt wurde. Es wäre lustig, wenn es nicht so pervers wäre. Diese Leute sind nicht nur ambitionierte Zensoren – sie sind auch tobende Heuchler“.

DT/ks

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .