Krakau

Der Philosoph auf der Cathedra Petri 

Am 18. Mai jährt sich der Geburtstag von Johannes Paul II. alias Karol Wojtyla zum 100. Mal. Ein Kenner meint: Es wird höchste Zeit, dass wir ihn entdecken als einen Philosophen von Rang.

Johannes Paul II. beim Unterzeichen einer Enzyklika
Papst Johannes Paul II. als Philosoph betrachtet. Foto: Arturo_Mari (POOL)

Ohne jeden Zweifel war Johannes Paul II. Karol Wojtyla, 1920 bis 2005, der herausragendste unter den Philosophen, die je die Cathedra Petri bestiegen. Philosophisch geprägt wurde Wojtyla durch herausragende Gestalten: Am Angelicum – der heutigen Päpstlichen Universität Heiliger Thomas von Aquin – in Rom studierte – und promovierte – er mit einer Arbeit über den Glauben bei Johannes vom Kreuz, dem Mystiker, bei Réginald Garrigou-Lagrange, dem wohl gestrengsten Thomisten seiner Zeit. Die Promotion widmet sich der Verteidigung der These, dass zwischen der Lehre des Doctor Angelicus – Thomas – und des Doctor Mysticus – Johannes vom Kreuz – eine „kompromißlose Übereinstimmung“ besteht.

An den Quellen des Thomismus

Von Rom zurück in Krakau, hatte Wojtyla den Thomismus an seinen Quellen geschöpft. Er ist ihm nie untreu geworden, wenn sich ihm auch jetzt eine ganz neue, andere philosophische Sicht eröffnete: im privaten Unterricht bei Roman Ingarden, dem die Kommunisten längst ein Lehrverbot erteilt hatten. Dieser war seinerzeit gemeinsam mit Edith Stein am Lehrstuhl von Edmund Husserl in Göttingen und dann in Freiburg tätig. 

Lehren durch Fragen 

Der Phänomenologie jedenfalls war Wojtyla, seitdem er sie bei Ingarden kennengelernt hatte, verfallen. Dabei hatte das thomistische Fundament seines Denkens keinesfalls ein Nachsehen. Wie Stein von der Phänomenologie herkommend sich der Philosophie von Thomas zuwandte, so ging Wojtyla den umgekehrten Weg: Er kam aus dem Thomismus, der von der Frage nach dem Sein des Seienden geprägt ist, und entdeckte die Phänomenologie, die der Frage nachgeht, wie sich unser Erkennen im Bewusstsein vollzieht. Schüler aus seiner Lubliner Lehrtätigkeit haben eindrucksvoll berichtet, wie ganz und gar phänomenologisch seine Lehre geprägt war: durch Fragen und Nachfragen, weniger durch Antworten versuchte er sein Studenten zum unvoreingenommenen, selbständigen Denken vorzubereiten. 


DT/mee

Christoph Böhr über den Philosophen Karol Wojtyla. Lesen Sie die ganzen Text in der kommenden Ausgabe der Tagespost. Holen Sie sich das ePaper dieser Ausgabe hier .