Osnabrück

Der Mensch wird gezeugt, er wird nicht gemacht

Vor zwei Jahren verstarb Robert Spaemann. Wie kein anderer katholischer Philosoph hat er in den heiß diskutierten bioethischen Fragen Position bezogen. Grund genug, seine Sichtweisen genauer unter die Lupe zu nehmen. (Bioethikserie Teil 1)

Robert Spaemann
Der Philosoph hat sich wie kaum ein Anderer stets mit den drängende Fragen zum Anfang und zum Ende des Lebens und mit der Würde des Menschen befasst. Foto: KNA

Zeugen und Sterben sind elementare Lebensvorgänge. Sie betreffen jeden Menschen, das Zeugen meist in doppelter Hinsicht. Der Mensch ist nicht nur die Frucht einer Zeugung, sondern er zeugt als Mann zusammen mit einer Frau und als Frau zusammen mit einem Mann auch seinerseits Menschen. Gemeinsam geben sie das Leben weiter. Die Bioethik, die, wie jede Ethik, nach den Bedingungen eines gelingenden Lebens fragt, befasst sich mit dem richtigen Verhalten des Menschen im Zeugen und im Sterben – sowohl im eigenen Sterben als auch in der Begleitung von Sterbenden. Robert Spaemann hat sich mit diesen Fragen zum Anfang und zum Ende des Lebens immer wieder befasst, nicht nur in Büchern, sondern auch in Zeitungsartikeln und in Interviews – oft veranlasst durch politische Debatten und legislative Projekte.

Der Mensch ist Person

Zwei Überlegungen sind für Spaemanns Bioethik zentral: zum einen die Unterscheidung zwischen einer moralischen und einer technischen Perspektive, zum anderen die Feststellung, dass der Mensch Person ist. Die Unterscheidung zwischen einer moralischen und einer technischen Perspektive knüpft an der aristotelischen Unterscheidung zwischen der Poiesis, dem technischen Verfügungs- und Herrschaftswissen, und der Praxis als dem richtigen Handeln des Menschen im Hinblick auf sein letztes Ziel an. Die moralische Perspektive beurteilt eine Handlung als gut oder schlecht im Hinblick „auf das Leben als Ganzes“, die technische „im Hinblick auf die Erreichung partikularer Zwecke“. Einen Menschen als „Person“ zu bezeichnen bedeutet, ihm den Status der Unantastbarkeit zuzuschreiben, den einzigen Status, „der niemandem von anderen verliehen wird, sondern der jemandem natürlicherweise zukommt“. Die Verwendung des Begriffs „Person“ ist deshalb „gleichbedeutend mit einem Akt der Anerkennung bestimmter Verpflichtungen gegen denjenigen, den man so bezeichnet“. Anerkennung heißt, „dass ich den Anderen als jemanden ansehe, der sein Selbstsein nicht mir verdankt, so wie ich das meine nicht ihm verdanke“. Personen stehen „a priori in einer auf Anerkennung basierenden wechselseitigen Beziehung“. Personen „haben ein Gesicht, durch das sie sich einander als Personen zeigen. Personen sind füreinander Personen. Personen gibt es nur im Plural.“

Wann beginnt der Mensch?

Die Frage, wann der Mensch beginnt, Person zu sein, ist für jede Bioethik eine zentrale Frage, die sehr kontrovers diskutiert und sehr verschieden beantwortet wird. Für Spaemann „kann und darf (es) nur ein einziges Kriterium für Personalität geben: die biologische Zugehörigkeit zum Menschengeschlecht“. Es gehöre „zur Würde der Person, dass sie nicht als kooptiertes, sondern als geborenes Mitglied ihren Platz innerhalb der universalen Personengemeinschaft einnimmt“. Die Person sei ein „jemand“ und nicht ein „etwas“. Es gebe keinen Übergang von etwas zu jemand. Alle Versuche, Personalität von der Existenz eines menschlichen Organismus abzulösen, nennt Spaemann kontraintuitiv, unvereinbar mit dem Sprachgebrauch jedes normalen Menschen. Eine Mutter pflege zu ihrem Kind zu sagen: „Als ich mit dir schwanger war“ oder „Als ich dich geboren habe“ und nicht: „Als ich einen Organismus in mir trug, aus dem dann später du wurdest“. Das Bundesverfassungsgericht hat diese Sicht geteilt, als es in seinem Urteil zur Reform des Abtreibungsstrafrechts 1993 feststellte, das ungeborene Kind entwickle sich in der Schwangerschaft nicht zum Menschen, sondern als Mensch.

Die Würde des Menschen

Spaemanns Unterscheidung zwischen einer moralischen und einer technischen Perspektive und sein Verständnis von Person als Zentralbegriff der Anthropologie haben erhebliche Konsequenzen für seine Überlegungen zur Zeugung des Menschen und darüber hinaus zu allen bioethischen Themen, die an die Zeugung anknüpfen: Abtreibung, künstliche Befruchtung, Präimplantationsdiagnostik, Forschung an embryonalen Stammzellen und Gentherapie. Zu allen Themen hat Spaemann Stellung bezogen.

Philosoph Robert Spaemann

 

„Zeugen ist eine Weise des Umgangs zwischen Menschen,
und zwar jene Weise, durch die neue Menschen
‚von Natur‘, also ohne gemacht zu werden, entstehen.“

Robert Spaemann

Neben der Zeugung sollen nur zwei dieser Probleme näher betrachtet werden: die Abtreibung und die künstliche Befruchtung. Die Zeugung sei kein Produktionsvorgang. „Zeugen ist eine Weise des Umgangs zwischen Menschen, und zwar jene Weise, durch die neue Menschen ‚von Natur‘, also ohne gemacht zu werden, entstehen.“ Allein diese Entstehungsweise sei „mit der Würde des Menschen vereinbar“. Allein sie bringe zum Ausdruck, „dass Menschen nicht Kreaturen anderer Menschen sind und dass sie nicht auf Grund von Kooptation, sondern kraft eigenen Rechts in den Kreis der einander als Personen anerkennenden Rechtssubjekte eintreten“. In der Zeugung durch einen Beischlaf komme die „Selbsttranszendierung des Menschen“ zum Ausdruck. Der Beischlaf sei die „Überschreitung des Bei-sich-Bleibens im Rahmen einer vorbehaltlosen Übereignung zweier Personen aneinander“.

 

 

Vom Subjekt zum Objekt

Die künstliche Befruchtung unterscheidet sich „von der Zeugung dadurch (…), dass sie eine zweckrationale Handlung, eine poiesis ist, nicht die natürliche Folge eines zwischenmenschlichen Umgangs“. Auch die Schwangerschaft sei dementsprechend kein Produktionsvorgang, in dem die Schwangere die Verantwortung für ein Produkt trägt. Sie ist vielmehr „der ganzheitliche Zustand einer menschlichen Person, eine anthropologische Grundbefindlichkeit“. In der Ablehnung der assistierten Reproduktion unterstützte Spaemann immer die Position der katholischen Kirche, wie sie in der Instruktion der Glaubenskongregation „Donum vitae“ 1987 dargelegt wurde. Die assistierte Reproduktion mache das Kind zum Produkt des Reproduktionsmediziners. Sie verwandle das Kind „aus einem Subjekt und einem personalen Gegenüber mitmenschlichen Umgangs in ein Objekt technischen Machens“.

Der Reproduktionsmediziner sei „der eigentliche Demiurg“, die Eltern liefern das „Rohmaterial“. Auch wenn das auf diesem Weg erzeugte Kind als Geschöpf und Ebenbild Gottes wie jeder andere Mensch geachtet werden müsse, so bleibe die künstliche Befruchtung doch „ein schweres Unrecht“, ein in sich schlechter Akt, in moraltheologischer Terminologie ein „actus intrinsece malus“, weil er die fundamentale Gleichheit der Menschen verletze. Er verfälsche „die wesentliche Gestalt des Personalen“. Den Machern stehen die Gemachten gegenüber. Die künstliche Befruchtung verletzt für Spaemann die fundamentale Gleichheit der Menschen, die erfordert, „dass wir alle den gleichen ‚naturwüchsigen‘ Ursprung haben und nicht die einen Menschen sozusagen die Geschöpfe der anderen sind“. Sie überschreite eine Grenze, „die Grenze zwischen Zeugen und Machen“. Wenn „die einen die Planer der anderen“ sind, ist die fundamentale Gleichheit der Menschen, auf der die universale Solidarität des Menschengeschlechts beruhe, verletzt.

Fatale Konsequenzen

Die Abkoppelung der Weitergabe des Lebens vom Zeugungsakt hat in mehrfacher Hinsicht fatale Konsequenzen, die Spaemann andeutet und die eine Generation später unübersehbar sind. Sie eröffne erstens „ein Grauen erregendes Feld, das durch Stichworte wie Handel mit Embryonen, Experimente mit Embryonen, Leihmütter usw. gekennzeichnet ist“. Sie eröffne zweitens die Möglichkeit, dass Kinder von ihren Eltern Rechenschaft für ihre Erzeugung verlangen. Wenn ein Kind wegen seiner vielleicht unglücklichen Existenz „seine Eltern zur Rechenschaft ziehen würde, dann bräuchten Eltern diese Rechenschaft nicht zu geben“, weil sie das Kind nicht „gemacht“ hätten. Es sei „von Natur entstanden, als sie etwas anderes taten. Anders das Retortenbaby. Es ist ins Leben gezwungen worden“.

Eine dritte fatale Konsequenz der Abkoppelung der Weitergabe des Lebens vom Zeugungsakt sind die verwaisten Embryonen, die vor ihrer Beseitigung „nützliche Dienste“ für die Forschung und für die Gesundheit leisten sollen. Die Menschheit will sich „mithilfe von Kannibalismus sanieren“. Eine weitere Konsequenz der Abkoppelung der Weitergabe des Lebens vom Zeugungsakt ist die erhöhte Scheidungsrate bei Paaren, die sich einer künstlichen Befruchtung unterzogen haben. Spaemann spricht von einer „dreifach erhöhten Scheidungsrate“ und von vermehrt unglücklichen Kindern und psychotherapeutischen Behandlungen. Die assistierte Reproduktion scheint der Beziehung ungewollt kinderloser Paare eher zu schaden als zu helfen.

 

 

Kein Produkt einer Herstellung

Um Kinder zu zeugen, so Spaemann, brauche man keinen Grund. Menschenwürdige Zeugung ist die Folge einer Praxis, nicht einer Poiesis, die Folge eines Umgangs, nicht das Produkt einer Herstellung. Deshalb bezeichne der Satz im Großen Glaubensbekenntnis der Christenheit „,Genitum non factum‘ nicht nur die Weise des Ursprungs des göttlichen Logos, sondern auch die einzig angemessene Weise der Entstehung jedes Menschen“. Dem so gezeugten Menschen stehe von Anfang an das Recht auf Leben zu, weil er Person ist, und der Status einer Person bedeute, „dass er nicht verliehen wird, sondern dass jede Person kraft eigenen Rechts in den Kreis der Personen eintritt“. Spaemann hat sich deshalb immer wieder an den Debatten um den Lebensschutz und die Reformen des Abtreibungsstrafrechts beteiligt.

 
Der Autor ist emeritierter Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Universität Osnabrück.

Teil 2 dieser Serie zur Bioethik folgt an gleicher Stelle in der kommenden Ausgabe der Tagespost. Holen Sie sich das ePaper dieser Ausgabe kostenlos hier.