Paris

Der König von Patagonien

Er liebte das Abenteuer, die Menschen und die Monarchie: Ein Nachruf auf den Schriftsteller Jean Raspail, der im Alter von 94 Jahren verstorben ist.

Jean Raspail
Der letzte Träumer: Jean Raspail. Der Schriftsteller ist am 13. Juni im Alter von 94 Jahren verstorben. Foto: Ulf Andersen/Aurimages via AFP

Jean Raspail hätte sich keinen schlechteren Termin zum Sterben aussuchen können. Wenn ein bekennender Monarchist in Zeiten von „I can't breathe“ das Zeitliche segnet, dann schnürt das auch dem Verfasser seines Nachrufs fast den Atem ab.

Raspails bekanntestes Werk, der 1973 erschienene Roman„Le camp des saints“(„Das Heerlager der Heiligen“), schildert die Invasion Europas durch mehrere tausend Migranten aus Indien. Als das Buch 2011 neu aufgelegt wurde, kam es in Frankreich zu erheblichen Protesten. Dem Autor wurde Rassismus vorgeworfen. Die französische Rechte trug das Ihrige dazu bei, indem sie den Roman als ein visionäres Schlüsselwerk unserer Zeit der Lektüre anempfahl.

Raspail war kein Rechter, sondern ein Monarchist

Auch hierzulande hat sich die extreme Rechte Raspails angenommen und ihn, ähnlich wie Ernst Jünger, zu einer ihrer Galionsfiguren gemacht. Wer vor dem Hintergrund anti-rassistischer Proteste einen Nachruf zu Raspail schreibt, der kann sich über das Verzagen, das sich dabei einstellt, nur hinwegsetzen, wenn er sich eben nicht auf den von der öffentlichen Meinung vorgeschriebenen Diskurs einlässt und sich auch nicht von den Instrumentalisierungen politischer Außenseiter beeindrucken lässt, sondern indem er den Autor so einordnet, wie es der Wahrheit dieses Lebens entspricht, das ein abenteuerliches, reaktionäres, menschenliebendes Leben war.

„Ihm ging es um das Streben nach einem Ideal,
dem man auch im Scheitern die Treue hält“

Raspail liebte die einsamen Träumer, auch gefallene Menschen („La misericorde“, 2019), die Haltung bewahrten. Ihm ging es um das Streben nach einem Ideal, dem man auch im Scheitern die Treue hält. Zunächst: Raspail war kein Rechter, sondern ein Reaktionär und Monarchist. Die Rechte ist eine menschenverachtende, revolutionäre Bewegung, die an der Vernichtung der Eliten arbeitete und arbeitet und die mit Gott wenig am Hut hat, obwohl übereifrige Publizistinnen hierzulande ihre ganze Lebensenergie daransetzen, genau das zu widerlegen. Die Monarchisten streben das Gegenteil einer rechten Diktatur an: Sie verteidigen eine strukturierte, gerechte Gesellschaft, in dem jedem das ihm Eigentümliche zukommt. Raspail war durch und durch ein Träumer, dem eine katholische Monarchie als gesellschaftlicher Idealzustand vorschwebte und der sich mit diesem Denken in die Tradition Joseph de Maistres und Bonalds stellte. Viele seine Werke sind von diesem katholisch-monarchischen Enthusiasmus getragen, allen voran „Sire“ (1991), der ihm zwei renommierte französische Literaturpreise einbrachte.

Abenteuer: 20 Jahre durch die Welt

Das Abenteuer suchte Raspail aber nicht nur auf dem Gebiet der Politik. Als junger Mann reiste er zwanzig Jahre lang durch die Welt und besuchte Völker, die vom zerstörerischen Einbruch der Moderne bedroht waren: Mit dem Kanu paddelte er von Québec nach New Orleans („En canot sur les chemins du roi“, 2011), er begab sich auf die Spuren des jesuitischen Missionars Jaques Maquette, der 1675 am Lake Michigan starb und dem man die Entdeckung der Mississippi-Quellen zuschreibt, trieb sich in Feuerland und Alaska herum und leitete schließlich eine französische Expedition zu den Stätten der Inkas.

„Wenn ein Utopist mit seinen Utopien ernst macht,
dann wirkt das nur auf den politischen Gegner naiv“

Raspail investierte 20 Jahre seines Lebens, um sich mit fremden oder verschütteten Kulturen vertraut zu machen. Sein besonderes Interesse galt dabei Patagonien. In seinem 1981 veröffentlichten Roman „Moi, Antoine de Tounens, roi de Patagonie“ schildert Raspail das spektakuläre Leben des Abenteurers Antoine de Tounens, der 1862 das Königreich von Araukanien und Patagonien gründete, sich selbst zu dessen erstem König, Orélie-Antoine I., machte und der auch nach seiner Rückkehr nach Frankreich mit einem kleinen Hofstaat diese politische Fiktion aufrechterhielt. Parallel zum Erscheinen des Buches ernannte sich Raspail selbst zum Ersten Konsul von Patagonien. Das war keine Kinderei, sondern Raspail meinte das ernst. Wenn ein Utopist mit seinen Utopien ernst macht, dann wirkt das nur auf den politischen Gegner naiv.

Die Linke hatte – bis auf wenige Ausnahmen wie Arthur Koestler – nie Sinn für das Abenteuer, weil all das, was man dabei erleben kann, sie aus dem Konzept bringt. Das Konkrete macht den Linken Angst, ihre eigenen Gefühle erscheinen ihr suspekt. Raspail verabscheute Gehirnakrobaten und Schreibtischtäter. Alle seine Bücher verdanken sich echtem Erleben, tatsächlicher Gefahr, wirklich Gesehenem.

Die Geschichte als Wunderkammer voll Schönheit und Tragödien

Die Geschichte war für ihn kein linearer Prozess des Fortschritts, sondern eine Wunderkammer, die zu jeder Zeit und in jedem System Schönheit und Erhabenheit hervorgebracht hat. Aber auch Tragödien: Und hier kommt das „Heerlager der Heiligen“ ins Spiel, dem man nur schwer eine prophetische Vorausschau absprechen kann. Aber das ist nicht das Entscheidende. Denn Romane werden ja nicht geschrieben, um Wirklichkeiten vorweg zu nehmen, sondern um eigene Wirklichkeiten zu erschaffen. Die Wirklichkeit, die Raspail hier zeigt, ist die einer kollabierenden Gesellschaft, die sich auf die Prinzipien der Aufklärung beruft und sich dabei selbst richtet.

Wogegen er zu Felde zieht, das ist die Verfasstheit der aus der französischen Revolution hervorgegangenen Gesellschaft, deren konkretisierte kapitalistische Prinzipien zu einer globalen Ungerechtigkeit führen, mit der diese Sozietät am Ende selbst nicht mehr fertig werden kann. Von ferne vernimmt man selbst noch in der päpstlichen Enzyklika „Laudato si‘“ das Echo des „Heerlagers“ – als eine Anklage gegen Ausbeutung, Spekulation und daraus folgender Migration.

Die Tränen des Schriftstellers und Menschen Raspail gelten sowohl den letzten Weißen, die selbst zu einer Art schützenswerter Minderheit geworden sind und sich gegen die Invasion stemmen, als den hoffnungslosen Menschen auf den vor der Küste gestrandeten Schiffen. Das „Heerlager“ markiert so einen Endpunkt der Möglichkeit des Abenteuers in einer Welt, die von ökonomischem Kalkül und gnadenlos durchexerzierter finanzieller Macht entzaubert wurde. Und dennoch schrieb Raspail weiter an seinen Abenteuerbüchern. Er war, und auch das macht ihn mit Ernst Jünger vergleichbar, nicht nur der König von Patagonien, sondern auch ein Hüter des verlorenen Postens.

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