Seine Mutter war eine der ersten Feministinnen

Hilaire Belloc
„Catholic Bull“ mit starker Rhetorik: Hilaire Belloc. IN Foto: Foto:

Es ist ein Entschlusskraft und Widerstandsfähigkeit verratendes Gesicht, das die vorhandenen Fotografien wiedergegeben: Ohne den altmodischen Kragen könnte Hilaire Belloc (1870–1953) auch ein Zeitgenosse von heute sein. Der franko-britische Schriftsteller und Historiker wird wohl dem deutschsprachigen Leser noch weniger sagen als sein Zeitgenosse Gilbert K. Chesterton, den man bei uns allenfalls wegen seiner Pater Brown-Geschichten in Erinnerung behalten will. Doch beide, Belloc und Chesterton, die Freunde waren und zu Lebzeiten häufig Seite an Seite kämpften, haben weit mehr zu bieten als nur intelligente Unterhaltung. Die Encyclopaedia Britannica hebt die Fähigkeit des unweit von Paris als Sohn eines französisches Vaters und einer englischen Mutter Geborenen hervor, über nichts oder über etwas – in der Tat über einige der Hauptkontroversen der Epoche – „delightfully“ zu schreiben, also reizvoll oder angenehm. Das ist eben das gerade Gegenteil von deutschem Bierernst, auf der britischen Insel aber die Voraussetzung, überhaupt ernstgenommen zu werden. Aber war Belloc überhaupt Brite?

Sein Vater Louis, wenig erfolgreicher Rechtsanwalt, der, ruiniert durch einen Börsenkrach, früh starb, war Sohn des Malers Jean-Hilaire Belloc, dem man mittlere Bekanntheit in der Kunstgeschichte attestieren kann. Schon dieser hatte eine Britin geheiratet, wie dann auch sein Sohn. Elizabeth Rayner Parkes, die Mutter des Schriftstellers, selber profilierte Journalistin und Essayistin, ist eine der „Urmütter“ des britischen Feminismus. Sie war mit vielen Größen der Zeit bekannt und gab die erste englischsprachige Zeitschrift für Frauen heraus, das „English Women's Journal“ (1858–1864). Dort trat man nicht nur für gleiche Rechte der Geschlechter ein, sondern nahm auch die in den USA noch übliche Sklaverei aufs Korn. Von munteren Diskussionen zu Hause wird man sicher reden können. Übrigens trat Hilaire Belloc später gegen die Zuerkennung voller Rechte an Frauen auf. Die innige Beziehung zur Mutter, die 1864 katholisch geworden und mit Mitgliedern des sogenannten „Oxford Movement“ befreundet war, litt darunter nicht.

Die junge Witwe begab sich nach England, wo Hilaire die renommierte Oratory School in der Nähe von Reading besuchte, heute die einzige nicht-koedukative katholische Schule im Land. Auch die nächste Station, das Oxforder Balliol College, stach heraus, versteht es sich doch als eines der intellektuellen im bunten Reigen der Colleges. Belloc wurde dort zum Historiker, mit besten Noten, und bekam, alles in allem, eine Ausbildung, die britischer und elite-orientierter nicht sein konnte. Dabei war er noch eine ganze Weile französischer Bürger, der 1891 Wehrdienst leisten musste. Erst 1902 wurde er formal Brite. Der einstmalige Präsident der Oxford Union, jenes berühmten Debattier-Klubs, (1985 hieß dieser Boris Johnson), vervollständigte seine Studien am Gray's Inn in London, einer der vier englischen Anwaltskammern. Nun konnte er auf das Leben losgelassen werden.

Sein politisches Intermezzo war durchaus pointiert

Wenig überraschend für einen Mann seines Profils versuchte er sich in der Politik und war für vier Jahre Parlaments-Mitglied für die Liberale Partei, die heute nur noch ein Schatten ihrer selbst ist, früher aber einmal die Alternative zwischen Tories und Labour war. Doch Politik zog ihn letztlich nicht an. Von nun an und für die nächsten vier Jahrzehnte sollten das Schreiben und das öffentliche Debattieren – eine britische Spezialität – Hauptbeschäftigung und auch Einnahmequelle sein. Reich wurde er damit nicht, aber immerhin doch so wohlhabend, dass er sich am Ende eine Yacht leisten und segeln gehen konnte.

So „britisch“ das alles klingen mag – und uns daran erinnert, dass diese geographisch so nahen Inseln durch Geschichte und Mentalität so weit von uns entfernt sind wie die Erde vom Mond – es gibt doch ein Muster im Leben Bellocs, einen Grund-Akkord jenseits von robustem Selbstbewusstsein und imperialistischem Großmacht-Denken: Es ist grundgelegt in Bellocs festem katholischen Glauben, der ihm letztlich wichtiger war als alles andere. Das zeigte sich, als er als Student ein für ihn wichtiges Stipendium nicht bekam, weil er beim Vorstellungsgespräch den Professor dadurch irritierte, eine kleine Muttergottes-Statuette aus der Tasche zu ziehen und vor sich hinzustellen. Es zeigte sich, als er bei einer Versammlung kurz vor der Wahl ins Parlament auf die Frage eines spöttischen Zwischenrufers, ob man etwa einen Papisten vor sich habe, nicht ohne Stolz seinen Rosenkranz präsentierte und antwortete: „Sir, so weit es möglich ist, höre ich jeden Tag die Heilige Messe und falle jeden Abend auf die Knie, um diese Perlen durch meine Finger gleiten zu lassen. Wenn Sie das verletzt, dann bete ich zu Gott, dass er mir die Unwürdigkeit ersparen wird, Sie im Parlament vertreten zu müssen.“ Lauter, demonstrativer Applaus folgte, Bellocs Wahl war gesichert.

Seine Antwort war schon damals jenseits jeder politischen Korrektheit, aber den Briten imponiert einer, der zu seinen Werten steht, selbst, wenn sie sie nicht teilen. Allerdings muss man auch am Tresen bei einem Glas Ale (ohne Schaum) seinen Mann stehen können, eine Kunst, in der Belloc und sein Freund Chesterton sich auszeichneten. Hilaire, der gerne reimte und mit seinen eigentlich für Kinder gedachten ironischen Sinn-Gedichten bis heute Beachtung findet, verdankt man eine kongeniale Zusammenfassung katholischer Sinnenfreude: „Where the Catholic sun does shine, there's always laughter and good red wine“ = Wo immer die katholische Sonne scheint, findet sich Lachen und guter Rotwein. Doch bevor Belloc zu dieser heiteren Gelassenheit fand, bevor er sein apodiktisches „Europa ist der Glaube und der Glaube ist Europa“ sprechen konnte, liegt eine Jugendphase des Glaubensverlustes. Beim Besuch einer Schweizer Dorfkirche, zur Vesperzeit, kam er wieder, als Belloc sich gerade dachte, wie schön es wäre, nie mehr über Glaubensdinge zweifeln zu müssen. Er, der Offenherzige, nie um ein Wort Verlegene, hat diesen Moment im übrigen nie öffentlich erwähnt und nur an einer einzigen Stelle schriftlich niedergelegt.

Ein Werk mit einer sehr weiten Spannbreite

Das literarische Werk des Franko-Briten, das bei uns weitgehend nicht zur Kenntnis genommen wurde, umfasst rund 150 Nummern und hat eine geistige Spannbreite von Kinderversen bis zu apologetischen Werken, Reiseliteratur und großangelegten historischen Studien. Calderon interessierte ihn wie immer wieder die Französische Revolution und Napoleon. An Ludendorff arbeitete er sich ab und ließ auch Madame Tussaud und ihre Wachsfiguren nicht ungeschoren. Gemeinsam mit Chesterton ist Belloc Vertreter einer Distributismus genannten Theorie zu Politik und Wirtschaft, die den Anti-Kapitalismus der katholischen Soziallehre widerspiegelt und einen Dritten Weg in Abgrenzung zum Sozialismus versucht. Das Proletariat hat Belloc nicht verstanden und hielt stattdessen das Ideal des „Kleinbesitzers“, sei es in der Landwirtschaft oder im Gewerbe, hoch, in einer wohl etwas verklärten Rückschau auf Old England. Den frühen Tod seiner amerikanischen Frau konnte er nur schwer überwinden, ging seitdem jeden Tag im schwarzen Anzug. Doch das Leben in der Countryside, in seinem geliebten West-Sussex, richtete ihn wieder auf, auch darin ganz Brite. Der gegenüber dem Gegner Wortgewaltige und Gott Demütige ist bei uns erst zu entdecken. Nach dem Zweiten Weltkrieg erschien so gut wie nichts mehr von ihm auf Deutsch, umso erfreulicher, dass der Renovamen Verlag in Bad Schmiedeberg und der Steidl Verlag in Göttingen einige Bände unlängst neu vorlegten. Einen unkomplizierten Einstieg ermöglicht zudem eine bekannte Video-Plattform: Da singt Belloc, am 27. Juli vor 150 Jahren geboren, seine eigenen Lieder. Man trinke Ale oder Rotwein dazu.