Vatikanstadt

Der Glaube als Fundament des modernen Polen

Polen hat eine wechselvolle Geschichte. Trotz aller Widrigkeiten, trotz brutaler Zeiten der Besetzung durch Fremde oder auch brachialer Unterdrückung der eigenen Bevölkerung durch die Schergen des Kommunismus, konnte die Nation sich ihre Identität bewahren. Fundament dieses "Selbstbewusstseins" ist der tief verwurzelte Glaube, der Katholizismus des polnischen Volkes. In diesem Glauben waren die meisten Polen innerlich immer frei und fanden die Kraft, unmenschlichen Ideen zu widerstehen.

Papst Johannes Paul II
Im überwiegend katholisch geprägten Polen koexistieren der Glaube an Gott mit autonomer Selbstbestimmung und religiöser Freiheit des Individuums und der Nation in einem Staat mit demokratischer Verfassung. Foto: imago

Historiker wie Riccardo Altieri, Norman Davis oder Adam Samoyski wissen es längst: Seit den drei Teilungen (1772, 1793, 1795) und trotz einer Politik der totalen Auslöschung ihrer nationalen, kulturellen und religiösen Identität aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes am 23. August 1939, während der deutschen Okkupation im II. Weltkrieg und dann im Kalten Krieg nach der Unterwerfung unter die kommunistische Herrschaft bis zur Selbstbefreiung 1989 vermochten die Polen allein durch den christlichen Glauben und die katholische Kirche ihre physische Existenz und spirituelle Eigenart behaupten. Es bleibt eine beschämende Erinnerung, dass man im westlichen-aufgeklärten Europa ohne Empathie der Tragödie des östlichen Nachbarvolkes zusah.

Im 19. Jahrhundert galten die Polen als revolutionsfreudige Störenfriede der von den Großmächten verfügten reaktionären Ordnung des Wiener Kongresses (1815). Im 20. Jahrhundert hingegen verdächtigte man sie, wegen ihres Konservativismus den Anschluss an die westliche Demokratie und die materialistische Lebensweise verpasst zu haben, weil sie sich nicht den „fortschrittlichen“ Ideen des Kommunismus und heute des Neomarxismus mit dem Programm der Dechristianisierung Europas unterwerfen. In den westlichen Machteliten und Medienhäusern verurteilt man heute – im Namen diktierter „europäischer Werte“(Recht auf Abtreibung, auf assistierten Selbstmord, Ehe für Personen gleichen Geschlechts, Transsexualismus und Posthumanismus) – ihre hartnäckige Weigerung, freiwillig ihre Identität aufzugeben.

Große Opfer für Freiheit und Demokratie

Die Polen jedoch – und auch das wissen die wissenschaftlichen Experten – haben sich als dasjenige Volk in Europa erwiesen und bewährt, das die größten Opfer für Freiheit und Demokratie zu bringen bereit war. Europa ist das Ganze seiner Völker – und nicht nur die westzentrierte Perspektive, der sich die östlichen Nationen einzufügen oder gar zu unterwerfen hätten.

Vollzogen sich die Revolutionen in England (1688), Frankreich (1789) und Russland (1917) als Machtkämpfe im eigenen Land, so erkämpften sich die Polen ihre Freiheit in Aufständen gegen drei ausländische Fremdherrschaften. Allein im Warschauer Aufstand (1944) gegen die Nazi-Okkupanten bezahlten 200 000 Polen die Liebe zur Freiheit mit ihrem Leben. Dieses alte Land von Kultur und Humanität musste die beispiellose Demütigung erleiden, von Hitler und seinen Schergen zum Schauplatz des abscheulichsten Menschheitsverbrechens im Holocaust ausgesucht zu werden.

„Humanismus ohne Gott“: Unmenschichkeit

Im Programm der „Eindeutschung“ raubten die Nationalsozialisten bis zu 200 000 polnische Kinder, um sie bei deutschen Familien, die man meistens über die Herkunft dieser vermeintlichen Waisenkinder von gefallenen deutschen Soldaten nicht aufgeklärt hatte, aufwachsen zu lassen. Viele dieser Menschen haben nie ihre wahre Identität erfahren oder erlebten ein tiefes Trauma bei der Aufdeckung dieses ungeheuerlichen Verbrechens gegen die Menschlichkeit.

Und wie viele Deportierte sahen nach den Aufständen gegen das Zarenregime (1831, 1863) und die kommunistische Diktatur ihre Heimat nicht mehr wieder und wurden in sibirischer Erde begraben? All das gehört zur Tradition des „Humanismus ohne Gott“. So charakterisierte der große französische Theologe Henri de Lubac (1896–1991) das Programm des Nihilismus im 19. Jahrhundert, der die Katastrophen des 20. Jahrhunderts vorbereitete. Polen gehört dagegen zur christlichen Tradition des Humanismus mit Gott und ist damit Vorkämpfer für die Freiheit und Menschenwürde.

Polen: Leuchtturm europäisch-abendländischer Identität

Fernab jeder Idealisierung der immer ambivalenten Historie und des Zwielichts alles bloß Menschlichen ist das katholische Polen in Wahrheit ein Leuchtturm europäisch-abendländischer Identität und des christlichen Humanismus im anspruchsvollsten Sinne des Wortes. Die Zukunft ist das Feld der Bewährung des geschichtlichen Erbes. „Herkunft aber bleibt stets Zukunft.“ (Martin Heidegger) Der Glaube an Gott koexistiert exemplarisch in einem katholisch geprägten Land wie Polen mit autonomer Selbstbestimmung und religiöser Freiheit des Individuums und der Nation in einem Staat mit demokratischer Verfassung. Dazu gehörte die völlige Freiheit und Integration der Juden, die zeitweise ein Viertel der Bevölkerung darstellten.

Die Revolutionen richteten sich in England, Frankreich und Russland gegen den religiös verbrämten politischen Absolutismus. Unter diesem Gesichtspunkt muss es auffallen, dass es in Polen keinen zentralistischen Absolutismus gab und deshalb historisch die Vereinbarkeit des katholischen Glaubens mit den Werten der modernen Demokratie – hier wie auch anderswo – unter Beweis gestellt ist. (Vgl. Hans Maier, Kirche und Gesellschaft)

„Ich bin ein König der Völker,
nicht der Gewissen“

Wie der berühmte deutsche Schriftsteller Heinrich Heine (1797–1856) in seinem Reisebericht „Über Polen“ (1823) erwähnt, hatte ein polnischer König, den man zur zwangsweisen Rekatholisierung der Protestanten bewegen wollte, ein Zeugnis der traditionellen Toleranz des Staates abgegeben: „Ich bin ein König der Völker, nicht der Gewissen – Sum rex populorum, non conscientiarum.“

Das war das bravouröse Gegenstück zu dem Bärendienst, den im Jahre 1685 König Ludwig XIV. (1643–1715) Frankreich und besonders der katholischen Kirche erwies, als er aus rein politischen Gründen das Edikt von Nantes (1598) seines Vorgängers Heinrichs IV. aufhob.

„Schwarzen Legende“ - die Diffamierung der Kirche

Zur kritischen Auseinandersetzung mit der selbstgerechten angelsächsisch-niederländischen, calvinistisch eingefärbten „Schwarzen Legende“, die propagandistisch die katholischen Länder (Spanien, Frankreich, den Päpstlichen Kirchenstaat, das Königreich beider Sizilien) als antimodern diffamierte, sei allerdings auch – in Abhebung von der preußisch-protestantischen, antikatholischen und gegenüber Italien, Spanien und Polen feindseligen Geschichtsschreibung des 18. und 19. Jahrhunderts – an die Tatsache erinnert, dass in den protestantisch dominierten nordischen Staaten den Katholiken erst im Laufe des 19. Jahrhunderts Religionsfreiheit gewährt wurde, nachdem lange Zeit allein schon die Feier der Heiligen Messe als Hochverrat mit der Todesstrafe grausamst geahndet wurde.

Gegen Sebastian Castellio, der die von Jean Calvin betriebene grausame Hinrichtung des Miguel Serveto als Ketzer (1553) im Namen der Toleranz und Humanität kritisierte, wies sein engster Mitarbeiter Theodor Beza im Namen des Hauptes der reformierten Kirche von Genf anders als der genannte polnische König „die Freiheit des Gewissens als Teufelslehre“ („libertas conscientiae diabolicum dogma“) zurück.

Beute der „aufgeklärten Herrscher“

Während die „aufgeklärten Herrscher“ Friedrich II. von Preußen, die Autokratin Katharina II. von Russland und die ebenfalls zeitgeistig agierenden Österreicher von Maria Theresia über Joseph II. bis zu Franz II. zwischen 1772–1795 ein ganzes Volk als Beute unter sich aufteilten, wurde die zweite demokratische Verfassung der Welt und die erste Europas vom polnischen Sejm – vier Monate vor der französischen – am 3. Mai 1791 in Warschau verabschiedet. Sie bekräftigt die individuelle Religionsfreiheit, Gewaltenteilung, Volkssouveränität, und die Parlamentsverantwortlichkeit der Regierung. Sie war beeinflusst von dem Gutachten „Considérations sur le Gouvernement de Pologne, et sur la Réformation projété“ (1771/72; veröffentlicht 1782), das Jean-Jacques Rousseau auf Bitten polnischer Adliger zur Rettung des polnischen-litauischen Staates aus der Anarchie und vor der Raubgier der Nachbarn verfasst hatte.

Polen hat durch zwei Jahrhunderte hindurch unter ungeheurem Leidensdruck und mit unbezwingbarer Freiheitsliebe bewiesen, dass der Glaube an Gott und das katholische Bekenntnis mit den Zielen der Moderne, nämlich sittliche Autonomie der Person, Demokratie, Religionsfreiheit, Volkssouveränität und Selbstbestimmungsrecht der Völker nicht nur vereinbar sind, sondern dass die katholische Kirche – während sie den Offenbarungsglauben verkündet – zugleich auch das natürliche Sittengesetz und die unveräußerlichen Menschenrechte promoviert, die in Gott ihren ersten Garanten und sichersten Grund haben.


Gekürzte Fassung der Dankesrede zum Erhalt des Kardinal-Stefan-Wyszyñski-Preises am 15. Oktober an der Katholischen Universität Lublin. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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