WIen

DER DICKE HUND: Wer fürchtet sich vor betenden Menschen?

Ein friedliches Beisammensein im Advent, das gemeinsame Gebet von sechs christlichen Konfessionen gemeinsam mit Menschen mosaischen Glaubens, wird in der Zeitung "Der Standard" von einem Vertreter der Sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ) zum Impuls für eine alarmistischen Warnung benutzt.

Gudrun Kugler (ÖVP) am Rednerpult während der Gebetsveranstaltung
Eine überkonfessionelle und Religionen zusammenführende Gebetsveranstaltung in den Räumen des österreichischen Parlamentes sorgt für Aufregung: Die Zeitschrift "Der Standard" heizt die Debatte mit einem eindringlichen Warnruf gegen ein "Wiedererstarken des politischen Katholizis... Foto: Parlamentsdirektion / Johannes Zinner

Ganz Österreich diskutiert – spätestens seit dem Wiener Terroranschlag vom 2. November– über die Gefahren, die vom „Politischen Islam“ ausgehen. Ganz Österreich? Nein, eine lachsfarbene Zeitung mit dem selbstbewussten Namen „Der Standard“ warnt stattdessen unermüdlich vor den Gefahren, die vom „politischen Katholizismus“ ausgehen. Hier scheint den journalistischen Hohepriestern des Laizismus die wahre Gefahr zu lauern.

Warnung vor „erzkatholischen Glaubenseiferern“ im Parlament

Ausführlich schilderte die Zeitung, wie es christlichen Finsterlingen gelang, im Advent im Parlament zu beten, wie sie dafür den Parlamentspräsidenten gewannen und Vertreter von sechs christlichen Konfessionen – und übrigens, in den Polemiken gerne vergessen, auch den Wiener Oberrabbiner. Nicht nur zwischen den Zeilen war da zu spüren, wie die Republik in ihren Grundfesten zu wanken drohte.

Drei Wochen nach der adventlichen Gebetsstunde ließ „Der Standard“ nun den SPÖ-Abgeordneten Thomas Drozda nochmals großflächig Alarm schlagen: Die „Gebetsstunde konservativer, bibeltreuer und erzkatholischer Glaubenseiferer im Parlament“ sei „geschichtsvergessen und gefährlich“, lesen wir da. Nämlich als „Zeichen für das Wiedererstarken des politischen Katholizismus“. Und der führe „zu bitteren Enden“, belehrt uns der SPÖ-Politiker, etwa zum „Ende von Toleranz und Miteinander“.

Alarmismus im „Standard“ 

In einem Land mit zwei Erzbischöfen und zahlreichen Erzherzögen sind es Katholiken schon gewohnt, als „erzkatholisch“ geadelt zu werden. Doch wie kommen ein Rabbi, ein evangelischer, ein koptischer und zwei orthodoxe Bischöfe dazu, von einem SPÖ-Abgeordneten zu Komplizen des „politischen Katholizismus“ erklärt zu werden? Es ist ein dicker Hund, wenn Drozda ausgerechnet im Namen von „Toleranz und Miteinander“ seinen Abgeordnetenkollegen verbieten will, zu beten. Toleranz herrscht, wenn jeder beten darf und keiner beten muss. Wenn aber eine Minderheit von militanten Atheisten und Kirchenhassern meint, den Christen und Juden das Gebet verbieten zu dürfen, zeigt sich eine intolerante Gesinnung.

Auch die Religionsfreiheit dürfte Drozda missverstanden haben: Anders als in Nordkorea, in der Sowjetunion und in der Nazi-Tyrannei können Atheisten den Christen und Juden in Österreich heute nicht vorschreiben, wo und wann sie beten dürfen. Religionsfreiheit schließt Ghettoisierung aus; die gemeinschaftliche und öffentliche Ausübung des Glaubens ist ein Menschenrecht. Freie Religionsausübung gilt für die katholische Mehrheit im Lande ebenso wie für die religiösen Minderheiten, die bei der Gebetsstunde zugegen waren: für Juden, evangelische, koptische und orthodoxe Christen.

Nachhilfe braucht Herr Drozda auch zum Sinn von Demokratie: Wenn mehr als 60 Prozent der Bevölkerung Christen sind, ist es nur naheliegend, dass auch Christen dem Parlament angehören. Von ihnen zu erwarten, dass sie ihren Glauben an der Pforte des Hohen Hauses abgeben, ist unlogisch, menschenrechtswidrig und undemokratisch. In einem demokratisch gewählten Parlament spiegelt sich die weltanschauliche und die religiöse Vielfalt des Gemeinwesens. Dass eine sich selbst liberal verstehende Tageszeitung das alles ausblendet, ist wohl auch ein dicker Hund.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.