Toronto

DER DICKE HUND: Pornhubs Masken fallen

Man ist bemüht, sich ein harmloses Mäntelchen umzuhängen: Pornohersteller und -anbieter reiten den Mainstream, positionieren sich öffentlichkeitswirksam gegen Rassismus und sponsern kommunale Fuhrparke. Missbrauch Minderjähriger, Vergewaltigung, Bruch der Privatsphäre sind dennoch Grundlagen der menschenverachtenden und gegen die Menschenwürde gerichteten Geschäftspraktiken. Pornhub ist jetzt angezählt.

Logo des kanadischen Pornoanbieters  Pornhub
Trotz aller PR-Gags und das Bemühen um ein seriös wirkendes Auftreten, bleibt am Ende nur ein menschenfeindliches Geschäftsmodell. Dafür muss der kanadische Porno-Anbieter "pornhub" letztlich "Lehrgeld bezahlen". Foto: Christoph Hardt, imago-mages

Das sexy, unschuldige, hippe Bild, das der weltgrößte Pornokonzern Pornhub von sich zeichnet, bekommt Risse. Dem YouTube für Pornos ging es durch einen „New York Times“-Artikel mit dem Titel „Die Kinder von Pornhub“ an den Kragen. Darin sprechen sich junge Frauen darüber aus, wie Nacktvideos, die sie mit 14 ihrem Freund schickten, plötzlich auf der Pornoplattform für alle abrufbar zu sehen waren. Sie erlitten massives Mobbing durch Mitschüler. Es folgten Schamgefühle, Umzug in eine andere Stadt, dort wieder Mobbing und Selbstmordversuche. Tausend ähnlich betroffene Frauen klagten Pornhub an, sie mögen die gegen ihren Willen hochgeladenen Videos von ihrer Plattform nehmen. Viele hatten Erfolg und die Clips verschwanden. Einige Jahre später tauchen sie dort aber erneut wieder auf.

Auf der Pornoplattform kann jeder Videos hochladen. Leider findet man nicht nur Material von Pornodarstellern und freiwilligen „Laien“, sondern zahlreiche Clips, in denen Minderjährige zu sehen sind. Videos, die Vergewaltigungen zeigen oder heimlich gefilmte Frauen in Umkleidekabinen stehen auf der Tagesordnung. Unter Suchbegriffen wie „14yo“ oder „young teen“ lassen sich über 100 000 Videos finden. Der Artikel geht auch der Frage nach, warum es die kanadische Politik noch immer erlaubt, dass das Unternehmen Pornhub, welches den Hauptsitz in Toronto hat, ungestört von Missbrauch und Ausbeutung profitieren kann.

Nur finanzieller Verlust bringt die Branche zum Handeln

Pornhub gehört nämlich dem noch größeren Konzern MindGeek, der genauso in Toronto beheimatet ist und die weltweit größten Pornofirmen besitzt. Die Reaktionen auf den besagten Zeitungsartikel waren überwältigend: PayPal, sowie die Kreditkartendienstleister Visa, Mastercard und American Express stoppten Überweisungen an Pornhub und kündigten ihre Dienstleistungen. Das brachte den Pornokonzern anscheinend ins Schwitzen. Er löschte einen Großteil seiner Videos. Von den 13,5 Millionen Clips sind jetzt nur mehr 2,9 Millionen übrig. Einige Tage darauf verkündete die Plattform, nur mehr Inhalte von verifizierten Nutzern zu erlauben.

Diese Veränderungen sind aber nicht allein der Verdienst des „New York Times“-Artikels. Bereits im Frühling dieses Jahres ging eine Petition der Kampagne „Traffickinghub“ online, die eine Schließung des Pornoriesen aufgrund des Verdachts der Unterstützung von Kinder- und Menschenhandel fordert. Sie wurde über zwei Millionen mal unterzeichnet. Die Aktion wurde von 300 Organisationen getragen, die sich für Kinderschutz und gegen sexuelle Ausbeutung von Menschen einsetzen. Es ist das erste Mal seit seiner Gründung im Jahr 2007, dass Pornhub unter dem Druck der Öffentlichkeit kapituliert und Änderungen zugunsten des Schutzes von Menschen vornimmt. Denn dass es dem Pornokonzern nun für alle offengelegt nicht um ethisch vertretbares Material geht, passt gar nicht in das Bild, das sie nach Außen hin von sich präsentieren wollen.

Menschenunwürdige Geschäfte, aber gegen Rassismus?

Die Pornowebsite hatte Werbeplakate am New York Times Square hängen oder finanzierte Schneeräumfahrzeuge für die Stadt Boston – natürlich nicht, ohne ihr Logo sichtbar zu platzieren. Im Zuge der Anti-Rassimus-Demonstrationen gaben sie sich auf Twitter solidarisch, verurteilten den Tod von George Floyd und warben für Organisationen, die sich gegen Rassismus einsetzen. Falls Pornhub vor seinem aufgedeckten Skandal das Vertrauen einer breiten Bevölkerung genoss, ist dieses nun angekratzt. Darüber, Vergewaltigung und Kindesmissbrauch einzudämmen, herrscht ein einmütiger gesellschaftlicher Konsens. Ob auch der sicherste und freiwilligste Porno moralisch vertretbar ist, darüber braucht es die nächste Debatte. Kommt sie nicht, wäre das ein Dicker Hund.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.