Internet

Der alltägliche Missbrauch durch Pornografie

Digitalisierung braucht wirksamen Kinder- und Jugendschutz. Beratungsangebote helfen weiter. Ein Gespräch mit einer Psychotherapeutin.

Kinder vor Pornos schützen
Viele Familien stehen vor einem Problem: Im Lockdown werden Kinder abhängig von digitalen Angeboten, auch von Pornografie. Foto: yelo34/fotolia
Der alltägliche Missbrauch durch Pornografie
Tabea Freitag erlebt in ihrem beruflichen Alltag die zunehmend die Folgen des frühen Pornografiekonsums. Foto: Eberhard Freitag

Frau Freitag, Sie und Ihre Kollegen in der Fachstelle beobachten seit Jahren die Internet-Szene und auch die Entwicklung des Pornografie-Konsums unter Jugendlichen. Jetzt haben Sie einen Alarmruf und eine Petition gestartet. Was alarmiert Sie?

Wir erleben in Beratung und Therapie wie auch in der Prävention in Schulen seit Jahren zunehmend die Folgen von frühem Pornografiekonsum, insbesondere eine Banalisierung von Sexualität als etwas, das immer verfügbar ist, das man sich jederzeit nehmen kann. Das fördert sexuelle Übergriffe unter Minderjährigen, sowohl online durch eine inzwischen alltägliche sexuelle Belästigung bei Instagram, tiktok, snapchat & Co als auch offline: Kinder machen nicht selten an Geschwistern oder Nachbarkindern nach, was sie im Netz so oft gesehen haben und für normal halten. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsene kommt es häufig zu sexuellen Grenzverletzungen in ihren Beziehungen. Schmerzhafte und erniedrigende Praktiken aus der Pornografie werden übernommen, auch wenn der oder die andere das nicht will.

Durch den Lockdown und die beschleunigte Digitalisierung von Schule und Kinderzimmer, weitgehend ohne technische und pädagogische Schutzkonzepte, haben kindlicher und jugendlicher Pornografiekonsum und sexuelle Übergriffe weiter zugenommen.

Können Sie Zahlen nennen? Was sind Folgen?

Bereits 2017, vor Corona, haben hierzulande mehr als 70 % der 14-17-jährigen Jungen und 10 % der Mädchen täglich bis mehrmals wöchentlich Pornografie konsumiert, 20 % der Jungen sogar täglich. Einer britischen Studie zufolge haben mehr als die Hälfte der 11- bis 13-jährigen Kinder schon Pornografie im Internet gesehen. Eine Mehrheit der Kinder wünscht sich, dass solche Seiten für sie gesperrt wären. Viele Kinder werden die Bilder nicht mehr los, ihre Phantasie wird regelrecht vergiftet, ihre Wahrnehmung auf sich und andere sexualisiert. Mädchen neigen durch frühe Konfrontation mit Pornografie dazu, sich selbst als Sexobjekt wahrzunehmen, versenden dadurch eher Nacktbilder von sich und werden häufiger Opfer von sexueller Gewalt. Jungen erleben oft ambivalent, wie das Kopfkino nicht aufhört, wie sie zwanghaft Mädchen und Frauen abscannen und in der Phantasie erniedrigen, auch wenn sie das nicht wollen, weil sie zu Hause andere Werte gelernt haben.

Hinzu kommt bei vielen eine Suchtentwicklung und eine Abstumpfung, die sie immer härtere, gewalttätige Inhalte suchen lässt, um noch einen Kick zu erleben. Männliche Jugendliche mit hohem Pornografiekonsum schauen laut Studien dreimal so häufig auch Gewalt- und Tierpornografie und sechsmal so häufig Kinderpornografie als seltenere Konsumenten. Aus dem suchtartigen Konsum wird nicht selten der Wunsch, das Gesehene auszuleben: Tägliche Konsumenten sind dreimal so häufig Täter von sexuellem Missbrauch als seltenere Konsumenten.

Wird das Kindeswohl missachtet?

Ja, eindeutig. Aber mit einer Doppelmoral, die Kinder zu Tätern macht. Denn es ist längst keine Seltenheit mehr, dass Minderjährige kinderpornografische Filme über ihr Smartphone oder den schulischen Laptop tauschen. Laut BKA waren 2019 bereits 41 % der Tatverdächtigen im Bereich Kinderpornografie unter 21 Jahren, 23 % zwischen 14 und 18 Jahren. Bei aller gesellschaftlichen Empörung über Kinderpornografie und Cybergrooming: Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Der Eisberg selbst, der frühe ungehinderte Zugang zu Mainstream-Pornografie, wird bisher weitgehend ignoriert und toleriert. Schlimmer noch: Er wird im Zuge der digitalen Bildung technisch befördert und zudem von führenden Sexualpädagogen seit Jahren verharmlost oder sogar befürwortet: Jugendliche könnten Realität und Fiktion in der Regel problemlos unterscheiden, wird gesagt, und Pornos seien nützlich zur Selbstbefriedigung, für neue Ideen für den eigenen Sex und zur Förderung der sexuellen Vielfalt. Dabei wird verschwiegen, dass ein großer Teil der Mainstream-Pornografie körperliche und verbale Gewalt, schwere Misshandlungen und die Entwürdigung von Frauen und Teenagern zeigt. Anachronistisch zur gesellschaftlichen Ächtung von Sexismus, Rassismus, Hassrede und sexualisierter Gewalt wird all dies in der Pornografie toleriert, massenhaft konsumiert und gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Diese Doppelmoral hat das Wohl von Kindern nicht im Blick.

Es wundert schon, dass die vieltausendfache verbale Degradierung und sexuelle Ausbeutung von Frauen, Teenagermädchen oder little thai girls, die als „Tittenluder“, „versaute Göre“ und Schlimmeres beschimpft werden, keinen öffentlichen Aufschrei auslöst. Da die große Mehrheit der erwachsenen Männer regelmäßig Pornos schaut, aber auch immer mehr junge Frauen, sind diese Inhalte sehr vielen bekannt.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang vom größten Missbrauchsskandal unserer Gesellschaft. Anders als beim Missbrauch wird beim Porno-Konsum niemand dazu gezwungen.

Pornografische Bilder sind vielfach mit kindlichen Suchbegriffen verlinkt, drängen sich ihnen also auch ungewollt auf und sind ohne erforderliche Altersverifikation zugänglich. Bei der alltäglichen und immer früheren Konfrontation von Kindern mit harter Pornografie wird nicht nur ausgeblendet, dass Kinder und Jugendliche durch Pornografiekonsum deutlich häufiger zu Tätern von sexuellem Missbrauch werden und dass die Inhalte vielfach Missbrauch abbilden und verherrlichen, sondern vor allem auch, dass sie selbst Opfer sind: Kinder mit pornografischen Inhalten zu konfrontieren, verletzt massiv ihre Grenzen und ist eine Form von sexuellem Missbrauch (§ 176 StGB), da hier durch Bilder oder Filme nachhaltig auf sie eingewirkt wird. Pornografie verändert bei regelmäßigem Konsum ihre Phantasien und Gedanken, prägt ihre Sicht von Sexualität und Beziehung, ihr Frauen- und Männerbild und gefährdet ihre Empathie- und Beziehungsfähigkeit. Sie werden ihrer eigenen Entdeckungsreise zu Liebe und Sexualität beraubt. Pornografie hat also einen großen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung. Darum ist das Überlassen oder Zugänglichmachen von Pornografie an unter 18-Jährige strafbar (§184 StGB). Dennoch haben schon 98 % der 16-19-jährigen Jungen und 80 % der Mädchen Pornografie im Internet gesehen. Diese Gesetze werden also täglich millionenfach unterlaufen und verletzt, ohne dass in Politik und Öffentlichkeit davon Notiz genommen wird. Aktuell wird dies noch verstärkt durch Digitalunterricht, der ohne verpflichtenden technischen Filterschutz umgesetzt wurde.

Missbrauch macht Kinder stumm, sie bleiben mit den verstörenden Bildern meist allein. Ich nenne es Missbrauchsskandal, weil dieser alltägliche Missbrauch durch Pornografie vom Wegschauen der Erwachsenen lebt, auf vielerlei Ebenen in Politik, Bildung und Erziehung. Darum möchten wir mit einer Petition sensibilisieren, zum Hinschauen und Handeln bewegen.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder zu schützen?

Kinder sollten nicht über einen unkontrollierten Internetzugang verfügen, denn sie haben noch nicht den Reifegrad, eigenverantwortlich über Inhalte und Dauer ihrer Internetnutzung zu entscheiden. Filterschutz und Zeitbegrenzungssoftware sind ein hilfreicher Baustein. Technische Hilfen ergänzen, aber ersetzen natürlich nicht das offene und vertrauensvolle Gespräch in der Familie. Eltern sollten das Thema proaktiv und unaufgeregt ansprechen und dabei ihren Kindern signalisieren, dass sie um das Problem wissen und dass sie nicht aus allen Wolken fallen werden, wenn sie mit solchen Inhalten in Kontakt kommen sollten.

Wenn Kinder und Jugendliche wissen, dass ihre Eltern sie nicht für einen wie auch immer zustande gekommenen Kontakt bzw. Konsum bestrafen, können sie auch leichter ehrlich sein und brauchen nichts verheimlichen oder gar lügen. Das offene Reden über Hintergründe der Pornoindustrie wie Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung, über die Risiken wie Sucht und Beziehungsprobleme und das Vermitteln eines positiven ganzheitlichen Bildes von Sexualität wird von Jugendlichen nach unserer Erfahrung dankbar angenommen. Als Gesprächsgrundlage kann auch unsere Broschüre „XXX – return to love“ dienen. Da es nicht nur um die eigenen Kinder geht, lohnt es sich auch, das Gespräch mit Schulleitung oder Lehrkräften zu suchen, um Elternabende zum Thema und Präventionsprojekte für Schulklassen anzuregen.

Tabea Freitag ist Psychotherapeutin und Leiterin der Fachstelle Mediensucht return in Hannover.

 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.