Demut: Anzuerkennen, dass man nicht alles lösen kann

Was ist heute "von Belang"? Welche Dimensionen muss derzeit "Belang" haben, um gesellschaftlich wahrgenommen zu werden? Welche Gefahren verbergen sich hinter zu ambitioniertem, zu hohem "Belang" im Leben? Eine Betrachtung.

Larchant, Frankreich, September 20, 2020. Artisten nutzen die alten Mauern
Man muss nicht gleich die Welt retten: Ballett auf einer Kirchen-Ruine in Frankreich. Foto: Imago Images

Neulich stolperte ich in einem Interview über den Satz, der Interviewte würde unter anderen Umständen vielleicht ein ganz belangloses Leben führen. Belanglos war hier abwertend als „unerheblich“, „unwichtig“ oder „überflüssig“ zu verstehen. Und ungeachtet der Großspurigkeit hinter dieser Bemerkung, kam sie mir im Augenblick ganz falsch vor. Ich hatte das deutliche Gefühl, dass Belanglosigkeit durchaus sehr wünschenswert sei, was aber gleichzeitig eine Begründung verlangte.

Was bedeutet es, wenn etwas „von Belang“ oder eben „belanglos“ ist? Das ursprüngliche „belangen“ das unter anderem „ergreifen“ und sich „sehnen nach“ meinte, ist heute auf die Bedeutung „bestrafen“ oder „zur Verantwortung ziehen“ zusammengeschrumpft. Ein „Belang“ ist aber noch immer ein „Interesse“ und verwandt mit dem englischen „belong“, was man mit „angehören“ übersetzen kann.

Es geht um gesellschaftliche Dimension 

Interessen und Sehnsüchte gehören so eindeutig zu einer Person, dass man sich ein recht gutes Bild von ihr machen kann, wenn man nur diese kennt. Freilich kann man auch die Auffassung vertreten, dass die Person ihren Sehnsüchten gehört. Dann sind es tatsächlich so etwas wie Süchte, Leidenschaften, denen man folgt, auch wenn sie Leiden schaffen. Der Buddhismus vertritt bekanntlich die These, dass man die Glückseligkeit erlangt, wenn man diese Leidenschaften aufgibt. Allerdings war mit der Rede von der „Belanglosigkeit“ wahrscheinlich nicht das exotische und selbstgenügsame Leben eines buddhistischen Mönchs gemeint. Und das Gegenbild sollten vermutlich auch nicht die Leidenschaften einer dandyistischen Existenz sein. Nein, hier ging es vermutlich sehr viel seriöser zu. Es ging um „Zweck“ oder um „Bedeutung“. Ein Leben von Belang führen hieße dann vermutlich, „Interessen“ zu einem bestimmten „Zweck“ zu verfolgen. Auch das erlaubt, sich ein hinreichend genaues Bild von einer Person zu machen.

Ich gehe davon aus, dass es weniger um eigennützige Zwecke ging, als vielmehr um solche von mindestens gesellschaftlicher Dimension. Damit wäre der Anspruch noch bescheiden formuliert. Dem Zeitgeist entspräche es ja eher, gleich die Rettung der Welt ins Auge zu fassen und Fragen kosmischer Relevanz zu stellen. Bedauerlicherweise folgen immer häufiger solche Menschen diesem Ansinnen, die auch in einfachen Zusammenhängen, die sie unmittelbar betreffen, einen erheblichen Mangel an Faktenkenntnis zeigen.

„...  ja, dass sie förmlich von ihrer Bedeutung besoffen sind.“

Von Schlüssen, die dann in korrekter Weise gezogen werden sollten, wollen wir schweigen. Schaut man sich die Selbstdarstellung dieser Menschen in den Medien genauer an – die Inhalte einmal beiseite gelassen – kann man den Eindruck gewinnen, dass sie ihre Wichtigkeit sehr genießen – ja, dass sie förmlich von ihrer Bedeutung besoffen sind. Ein Blick in die Geschichte kann uns zeigen, wie wenig ein Einzelner, so befähigt er auch sein mag, zu erreichen imstande ist. Zumindest, solange wir von etwas Konstruktivem sprechen. Zerstörung scheint leichter machbar.

Wer der Hybris der Pubertät entwachsen ist, sollte dem Gedanken zugänglich sein, dass wir alle immer wesentlich mehr nicht wissen, als wir wissen und mehr nicht können, als wir können. Das gilt in der Regel sogar in den Bereichen, in denen wir Experten sind. Daraus könnte man schließen, dass wir nicht geeignet sind, die Welt zu retten. Vielleicht sogar, dass der Versuch mehr schaden als nutzen könnte. Das zu akzeptieren, nennt man Demut und bedeutet ein erhebliches Maß an menschlicher Reife.

Die Schadwirkung „belangvoller Existenz“ kann groß sein

Das Gegenteil der Demut könnte man im Hochmut argwöhnen, der nach Augustinus eine Todsünde und nach Siddhartha Gautama vermutlich eine der Leidenschaften ist. Jedenfalls: wenn eine Person, die ganz offensichtlich von ihrer belangvollen Existenz geblendet, über alle Maßen von ihren Aufgabe überfordert, dennoch von ihrer Rolle nicht lassen mag – gleich welche Verheerung das bedeutet – sehe ich nicht den Unterschied zum Spielsüchtigen, zum Alkoholiker oder Nymphomanen. Eine bedauernswerte Existenz – indes mit großer Schadwirkung. Wenn wir auch die Welt nicht retten können, sieht es mit dem Augenblick ganz anders aus. Vielleicht nicht mit jedem; uns allen sei eine gelegentliche Überforderung zugestanden.

Aber mit zunehmender Erfahrung wird es besser. Die Zeit ist der Stoff, aus dem sich unser Leben bildet und hierin ist der Augenblick die einzige Zeit, die für uns wirklich existiert, denn die Vergangenheit existiert nicht mehr und die Zukunft noch nicht. Die Physik legt zwar nahe, dass wir hier einer Täuschung aufgesessen sind, was aber lebenspraktisch erst einmal ganz unerheblich bleibt. So empfiehlt es sich, dem jeweils aktuellen Augenblick einige Aufmerksamkeit zu schenken. Und darin sind es vor allem unsere eigenen Gedanken, Worte und Taten, die wir gestalten können. Größer sind unser Aufgabenbereich und unser Werkzeugkasten im Grunde nicht.

Und natürlich stellt sich in manchen Augenblicken die Frage, ob eine Entscheidung oder eine Handlung eigentlich sinnvoll ist oder einem Zweck – also einem Belang – dient. Vermutlich aber sind es nicht die meisten und schon gar nicht die wichtigsten Augenblicke. Nicht die, an die man sich am Lebensabend wohlig erinnert. Nein, unsere wichtigsten und kostbarsten Augenblicke dienen sicher keinem Zweck, denn soweit sich unser menschliches Leben aus diesen Augenblicken webt, unterliegen sie ebenfalls der kantischen Formel des Selbstzwecks.

Die Zeit, die uns bleibt, ist der Augenblick

Das Leben und jeder unmittelbare Ausdruck des Lebens wie Emotion, Kunst oder Neugier sind zunächst einmal „Zweck an sich“. Lebenspraktisch können sie aufgefasst und umgesetzt werden wie ein Tanz, der im Hinduismus eine Allegorie kosmischer Schöpfung ist, oder wie ein Spiel, das uns – mit Schiller gesprochen – erst in voller Bedeutung des Wortes Menschen sein lässt. Das Spiel aber ist ganz belanglos, da es sich vollständig in sich selbst erfüllt und der angemessene Umgang mit Kunst entspringt dem interesselosen Wohlgefallen.

Besonders an der „Schönheit der Kunst“ lässt sich zeigen, dass sie – gegenüber der „Ästhetik des Designs“, soweit es den Zweck der Konsumier- oder Nutzbarkeit verfolgt – um diese metaphysische Dimension gehaltvoller ist. Natürlich wäre es abgehoben, ein Leben jenseits jeglicher Zwecke und Interessen führen zu wollen. Vereinfacht gesagt, muss gelegentlich der Müll hinausgetragen und das Geschirr gespült werden. Sie repräsentieren die Logistik des Lebens, seine notwendigen Bedingungen. Doch wie die Menschen nicht der Forschung, Wirtschaft oder dem Staat zu dienen haben, sondern diese den Menschen, so sind die Belanglosigkeiten nicht die Nebensache unserer Existenz, sondern deren eigentliches Wesen und daher das eigentliche Ziel jeden Zwecks. Es geht somit wohl darum, heiter und mit ein wenig Demut das Leben zu ertanzen.

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