Regensburg

Das Schweigen der Spatzen

Sind die Knabenchöre durch den Shutdown in ihrer Existenz bedroht?

Regensburger Domspatzen durch Shutdown in ihrer Existenz bedroht?  
Ein Bild aus besseren Tagen. Foto: Armin Weigel (dpa)

 Die Stimmen der Chorleiter sind laut. Vernehmlich warnen Manager und Musiker der berühmten deutschen Knabenchöre derzeit vor den Folgen, wenn die regelmäßige Probenarbeit nicht bald fortgesetzt werden kann. Ihre Sorgen sind nicht unbegründet. Denn die Attraktivität der Regensburger Domspatzen, des Windsbacher Knabenchors, der Leipziger Thomaner, des Dresdner Kreuzchores und der anderen rund dreißig Knabenchöre in Deutschland lebt von der Strahlkraft ihrer Konzerttätigkeit. Die ruht, wie so vieles andere derzeit komplett. Ebenso wie die bisher übliche Form der Probenarbeit. Denn die ist aufgrund der erhöhten Atemfrequenz und der dadurch verursachten Aerosolsäulen laut Experten sogar noch gefährlicher als der Schulunterricht, bei dem man durch das Tragen von Mundschutz und das Einhalten der Abstandsregeln das Risiko einer Ansteckung mit Corona senken kann. Aber wer nicht probt, der verliert unweigerlich das hohe professionelle Niveau der Darbietung. 

"Aber wer nicht probt,
der verliert unweigerlich
das hohe professionelle Niveau der Darbietung."

Natürlich bedeutet die Coronakrise nicht, dass bei den Chören in diesen Tagen überhaupt nichts läuft. Die Aktionen, die man in Regensburg und anderswo gestartet hat, sind fantasievoll und überaus erfolgreich. Die Domspatzen in der Bischofsstadt luden beispielsweise zur Mitsingaktion ein, ein Dankeschön an die Helfer in der Coronakrise, für die jeder der 541 Menschen, die, aus aller Welt kommend, ein Video eingesandt hatten, auf dem sie das Lied „Kommt ein Vogel geflogen“ vortrugen.

Und auch bei den Windsbachern herrscht selbstverständlich kein Schweigen im Walde. Das Vorsingen für die Aufnahme in den berühmten Chor ist ab sofort auch online möglich. Und Chorleiter Martin Lehmann und seine Assistenten Alexander Rebetge und Lukas Baumann bleiben mit ihren Chorsängern über ein Online Tutorial in Verbindung. Im Internet-Probenchor geht es um die konkrete Einstudierung von Chorstimmen. Derzeit üben die jungen Sänger den Chor „And the glory, the glory of the Lord“ aus Händels Messiah, den sie, wie sie hoffen, an Weihnachten gemeinsam vortragen werden.

Sänger arbeiten mit eingespielten Audio-Dateien

Praktisch funktioniert das so, dass die jungen Sänger Audiodateien erhalten, in denen sie einmal ihre Stimme allein, ein weiteres Mal den kompletten Chorsatz hören können. Dazu gibt es selbstverständlich auch die Noten als PDF. Wenn keine Einspielung vorliegt, behilft der Chorleiter sich mit Midifilen, die mithilfe der gängigen Notensatzprogramme erstellt werden können. Auch die Fähigkeit, vom Blatt zu singen, die für Sänger in professionellen Chören eine wichtige Voraussetzung ist, trainieren die Stimmbildner nun online mit den Knaben und erklären ihnen genau, was man beachten muss, wenn man sich eine Einzelstimme ohne die hilfreiche Unterstützung durch ein Instrument erschließen will. Dabei vermitteln sie nicht nur die Grundlagen wie die Fragen: „in welcher Tonart steht das Stück, welches Taktmodell liegt zugrunde, wie bewältige ich rhythmisch besonders schwierige Stellen?“ Sie vermitteln die Inhalte, die sonst Thema der gemeinsamen Probenarbeit, sind auch spielerisch mit Rätseln und Quizfragen.

Eine aufwändige Kleinarbeit, aber sehr hilfreich, wenn man die Chorarbeit in Coronazeiten nicht vollständig zum Erliegen bringen will. Diese Form der Vorbereitung ist zudem nicht vollkommen neu. Mitglieder professioneller Chöre, die nicht regelmäßig, sondern in gezielt angesetzten Probenphasen für bestimmt Projekte zusammenkommen, arbeiten ebenfalls auf diese Weise, wenn sie sich im Vorfeld auf die gemeinsame Einstudierung vorbereiten. Allerdings ist diese fantasievolle und mit viel persönlichem Einsatz aller Beteiligten derzeit durchgeführte Onlinearbeit auf Dauer kein Ersatz für das gemeinsame Singen an einem Ort. Denn der arbeitet durch seine spezifische akustische Situation mit, trägt dazu bei, dass sich die Stimmen miteinander in der genau richtigen Weise mischen und ist durch nichts zu ersetzen. Und das ist noch nicht alles.

Der Stimmbruch setzt dem Engagement Grenzen

Das Zeitfenster, in dem sie mit den Jungen arbeiten, ist eng. Denn der Stimmbruch setzt den kristallklaren hohen Knabenstimmen eine Grenze, die jenseits des Einflussbereiches der Macher der Musikwelt liegt. Irgendwann fängt der Knabe an zu kiksen und dann ist es vorbei mit den in die Höhe schwebenden Tönen; begnadete Solisten, auf deren Verlässlichkeit man gestern noch fest bauen konnte, müssen durch neue Kräfte ersetzt werden. Kinder und ihre Eltern entscheiden sich nur dann für ein Musikgymnasium und damit den Eintritt in eines der berühmten Ensembles, wenn die auch öffentlich zu hören sind. Was den Verantwortlichen aber im Augenblick schmerzlich fehlt, ist eine klare Perspektive.

(DT/ska)

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe .

Hier kostenlos erhalten!