Rom

Das Abendland ist ein Labor der Krisen

Wo und was ist das Abendland?  Darf man den Begriff überhaupt noch verwenden? Wenn ja, lässt es sich überhaupt ohne das Christentum verstehen? Der katholische Bestseller-Autor Paul Badde tut es in seinem neuen Buch, ohne sich zu schämen.  Im Gegenteil.

Grabeskirche
Durch die Kuppelöffnung der Grabeskirche fallen Lichtstrahlen. Für Paul Badde ist die Kirche in Jerusalem der "Brunnenraum des Abendlandes". Foto: Picasa (329181230)

Herr Badde, der Ausdruck "Abendland" wurde einerseits von der Linken jahrzehntelang diskreditiert, andererseits wurde er durch Pegida missbraucht. Nun kommen Sie mit einem Buch auf den Markt, das den Titel "Abendland" trägt. Verstehen Sie es als Provokation? 

Auf keinen Fall. Denn sehen Sie: Auch Missbrauch gehört wesentlich zur Signatur des Abendlands. Ein Beispiel: Der Traum einer "Societas perfecta" am Ende der Zeiten hat die Geschichte des Abendlands dynamisch gemacht wie mit einem kosmischen Treibsatz. Diese Sehnsucht aber wurde im letzten Jahrhundert schließlich von den Regimes der Sowjets und Nazis umstandslos auch für deren diabolische Projekte vereinnahmt. Den Begriff "Drittes Reich" haben die Nazis von dem Zisterzienser-Abt Joachim von Fiore und den Begriff "Tausendjähriges Reich" aus der Apokalypse des Johannes gekapert, um ihr Reich der Hölle schließlich in den Kontinent der Kathedralen zu lenken, wie später die Hijacker von New York zwei vollbesetzte Jets in die Twin Towers gesteuert haben. 

 Was bedeutet der Begriff "Abendland" für Sie? 

Es ist eine Geschichte der Verwandlungen und ein Labor der Krisen. Es ist diese Geschichte, der wir unsere Freiheit verdanken.  

Sie gehen der Geschichte als kundiger Historiker, Katholik und Erzähler auf die Spur. Welches Gefühl hatten Sie, als Sie die ganzen christlichen und anti-christlichen Stationen durchmaßen? 

Immer wieder das Gefühl von Heimat. Denn das Abendland lässt sich im heutigen Europa vielleicht am besten an seiner Schönheit erkennen, von Santiago de Compostela bis nach Venedig und von Wilna in Litauen und Krakau in Polen bis nach Sevilla und Lissabon. Das Abendland steckt als ein einziges Schatzhaus in der Architektur Europas. Schauen Sie allein auf Italien. Dieses Land beherbergt circa 80 Prozent des Weltkulturerbes der Unesco, habe ich mir einmal sagen lassen, wovon noch einmal 80 Prozent einen kirchlichen Ursprung hat. Diese Schätze ziehen natürlich auch überall Räuber an. Doch diese Schönheit ist nur das eine. Der größte und schönste Schatz hingegen ist die Freiheit, die über das Abendland in die Welt kam wie nirgendwo sonst. Und auch die ist natürlich immer und genauso gefährdet.  

An welchen Orten fühlten Sie sich am glücklichsten? 

Am heiligen Grab in Jerusalem vielleicht, dem Brunnenraum des Abendlands, abends in der Zeit der Intifada vor bald 20 Jahren, als die Auferstehungsbasilika so leer war wie eine verlassene Dorfkirche oder in der Eremos-Höhle über dem See Genezareth, wo die Pilgerin Etheria aus Nordspanien schon im 4. Jahrhundert die lokale Überlieferung festhielt, dass Jesus von Nazareth sich eben dorthin zum Gebet zurückzog, wenn er allein sein wollte, mit Blick über den Silbersee. 

Wo ist sich das Abendland Ihrer Meinung nach selbst fremd geworden? 

Überall da, wo die Bildung nachlässt   freilich in einem Prozess, der schon vor sehr langem begonnen hat. Persönlich hatte ich beispielsweise in einem bischöflichen Internat in Aachen in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts sehr viel über Sartre, Camus und Hemingway erfahren und rein gar nichts mehr über Ambrosius, Augustinus, Gelasius oder Columban, die den Kontinent und unser Denken und Tun geprägt haben wie kein Dichter jemals.  

Vermissen Sie bei den Europäischen Institutionen den geschichtlichen Bezug? Einen Verweis auf religiöse-kulturelle Herkunft? 

Bezüge und Verweise helfen nichts. Es sind ja nur Worte. Wichtiger scheinen mir Orte wie das Kloster Heiligenkreuz in Österreich und alle Orte, wo die Anbetung der verwandelten eucharistischen Gestalten wiederentdeckt und neu eingeübt wird.   

Was kann uns der Blick zurück auf die Zeit des Abendlands für die Zukunft lehren? 

"Ich fürchte nicht die Stärke des Islam, sondern die Schwäche des Abendlandes", hat die Journalistenlegende Peter Scholl-Latour am Ende seines Lebens einmal gesagt. Das Christentum habe teilweise schon abgedankt. "Es hat keine verpflichtende Sittenlehre, keine Dogmen mehr." Da ist was dran. Dennoch müsste ich ihm widersprechen. Christentum und Abendland waren niemals eins wie etwa Saudi-Arabien mit seiner wahhabitischen Staatsdoktrin. Das Abendland hatte auch niemals Dogmen. Das hatte immer nur der innere Widerpart des Abendlands. Das war die katholische Kirche, die wir uns in der Struktur und der DNA des Abendlandes wie den zweiten Strang in der Spirale einer Doppel-Helix vorstellen dürfen, wo wir in dem anderen Strang alle Kräfte erkennen dürfen, die zu dieser Kirche schon immer in diametralem Gegensatz und in harter Konkurrenz standen. In dieser Kirche mit unserem eigenen Glauben den unglaublichen Glauben an die Menschwerdung Gottes zu stärken, ist das beste und wichtigste und beglückendste, was wir in unserem kurzen Leben tun können. Wir können nicht die Welt und das Klima retten, aber der armen Kirche Christi doch viel von dem zur Stärkung zurückgeben, was sie uns geschenkt hat als unsere Mutter.  

Sie gehören zur raren Spezies der Journalisten, die nicht nur symbolisch denken, sondern auch anschaulich bildhaft beschreiben können. Woher kommt diese Freude daran, durch Sprache neue Räume entstehen zu lassen? 

Das kommt wohl durch mein Unvermögen, es anders und besser machen zu können. Sehen Sie, ich habe das Handwerk nie gelernt. Heute würde ich, könnte ich noch einmal von vorn beginnen, am liebsten gescheit lernen, gute Drehbücher zu schreiben. Denn auch Bilder und erst recht bewegte Bilder haben ja eine eigene Grammatik und Syntax. Und seit ich denken kann, liebe ich Bilder. Bilder bleiben im Gegensatz zu den klügsten Gedanken im Gedächtnis haften. Deshalb habe ich mir oft, wenn ich mir als Reporter vor dem Zeitalter der Digitalkameras und Smartphones etwas als besonders wichtig einprägen wollte, gern kleine Skizzen in meinem Notizblock angefertigt, um sie später am Schreibtisch in Worte zu übersetzen. Für mein Buch über das Abendland kam mir aber wohl eine göttliche Fügung zu Hilfe. Denn mit diesem Buch wollte ich vor vielen Jahren als Journalist und Autor auch irgendwie Frieden schließen mit meiner früheren Existenz als Geschichtslehrer, was ich auch immer gern gewesen war.  

Was machte den Friedensschluss nötig? 

Als Geschichtslehrer hatte ich erfahren, dass es viele intelligente und gute Menschen gibt, die so gut wie nicht historisch denken können. Und im Sommer 1989 wollte ich einen Artikel für das alte FAZ-Magazin über die Europäische Geschichte fertigstellen, an dem ich jahrelang gearbeitet hatte und stand da vor dem gleichen Problem, wie ich Geschichte am besten didaktisch für meine alten Schüler aufbereiten sollte. Gleichzeitig wollte ich damals mit dem Rauchen aufhören. Und im Schock schwerster Entzugserscheinungen kam mir die Idee, den Begriff Gorbatschows vom "Europäischen Haus" als Gliederungsmodell der Europäischen Geschichte zu verwenden, indem ich also alle Kapitel in anderen Räumen ansiedeln würde, um das Zeitliche und Historische räumlich darstellen zu können. Diese Idee war der Durchbruch. Danach ging die Arbeit schnell von der Hand zu einem Artikel, der schließlich zu einem Modell wurde für mein Buch über das Abendland, das ich danach als einen Turm der Zeiträume dargestellt habe, in dem jeder, der sich da ernsthaft hinein begibt, eigentlich kaum anders kann als zu entdecken, dass der Brunnenraum dieses Weltenturms das leere Grab Christi in Jerusalem ist. Und dass die innerste Kammer der Kirche die von einem römischen Legionär mit einer Lanze durchbohrte Herzkammer Jesu wurde, die nach drei Tagen wieder neu zu schlagen und zu leben begann. 


Paul Badde (72) war in seinem Leben schon einiges: Geschichtslehrer und Journalist bei "pardon", "FAZ" und "Die Welt", katholischer Sucher und Finder. Weltbekannt wurde er durch sein Manoppello-Buch "Das Göttliche Gesicht". Der Mitherausgeber der Monatszeitschrift VATICAN magazin, der nach Tätigkeit in Jerusalem längst in Rom heimisch geworden ist, berichtet inzwischen regelmäßig für CNA/EWTN Deutsch aus der Ewigen Stadt.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.