München

Das Gedächtnis wird sich in zwei Teile spalten

Monumente fallen, Kirchen werden geschändet, historische Tatsachen neu bewertet – all das ist kein Zufall, sondern das höchst gefährliche Ergebnis des Zusammenspiels von Digitalisierung und Transhumanismus. An dessen Ende steht die Zerstörung unseres Erinnerns.

Terminator - ein comutergesteuerter Roboter
Erinnerung ohne Sündenbewusstsein? Dieser "Terminator" der Zukunft wird wohl nichts so leicht vergessen. Foto: IMAGO

Den Überfall auf die Geschichte, den wir gerade vor allem in den christlich geprägten Ländern erleben, könnte man leicht als ein sich wiederholendes Ritual der Geschichte dieses Kulturraums zu erklären versuchen. Er ließe sich dann kurz und bündig mit dem Diktum „Der König ist tot, es lebe der König“ zusammenfassen. Denn – wie könnte es anders sein – setzt sich jene Bewegung, Strömung oder Mode (wie immer man es nennen will), die Statuen vom Sockel holtund 200 Jahre alte Buchtitel zensiert, selbst Monumente, indem sie sich einen Namen gibt, ihre Aktionen in den (sozialen) Medien repliziert und Manifeste veröffentlicht. Sie postuliert einen neuen Standard, Vergangenes zu beurteilen und setzt sich selbst als vermeintlich „historisch objektiv gerecht“ als neue Herrschafts- und vor allem verbindliche Denkform in Szene.

Wer allerdings auf der Seite der Geschichte steht und damit auf der Bedingtheit der menschlichen Freiheit beharrt, zu der auch das Leiden und das Unrecht gehören, will sich nicht mitschuldig machen an jenem Vergehen gegen das Vergangene, indem er den Namen, unter dem es sich symbolhaft ereignet, wiederholt und damit zu seiner Verfestigung beiträgt. Diese Verfestigung wäre verkraftbar, wenn es sich bei dem Versuch, das Historische auszulöschen, tatsächlich um eine sich wiederholende Figur der Geschichte handeln würde, um ein rhetorisches Moment, dessen Geste den Raum der Gesellschaft, in dem sie sich ereignet, nicht verletzen kann. Aber so ist es nicht.

Umwertung des Vergangenen ist nachhaltig negativ

Diese Umwertung des Vergangenen verändert den Körper der Gesellschaft tatsächlich. Sie ist nachhaltig im negativen Sinn. Sie hat das Potenzial, die Menschheit zu transformieren. Sie steht in engem Zusammenhang mit anderen Formen einer transhumanen „neuen Gerechtigkeit“ hinsichtlich Geschlecht, Biologie, Leben und Sterben des Menschen. Die Auslöschung des Geschichtlichen ist nichts Spontanes, Zufälliges, sondern sie ist das Ergebnis einer sich in dieser Gesellschaft ereignenden Metamorphose des Erinnerns. Genauer: Sie ist die Auskristallisierung der Differenz zwischen dem Unvergessbaren und dem Unvergesslichen im sozialen Raum.

Die Differenz zwischen dem einen und dem anderen stellt eine tragische, unüberwindbare und wahrscheinlich auch irreversible Kluft dar, weil sie eine jener neuen „Objektivitäten“ ist, mit der sich der Transhumanismus gegen die Subjektivität wendet, auf der die Geschichte des Abendlandes beruht. Das, was prinzipiell erinnerbar ist, und das, was tatsächlich erinnert wird, werden in einer traditionellen Gesellschaft von den Kapazitäten des individuellen Erinnerns definiert. Das Unvergessbare der vortechnischen Welt konstituiert sich in der Berührung des Menschen mit der Zeit. Der auf sich selbst gestellte Mensch, der in seiner Erinnerungsleistung von den verschiedenen Gesellschaftsformationen unterstützt wird, in denen er lebt (Familie, Gruppe, Nation) und dessen Gedächtnishilfen manuelle Aufzeichnungen, Bilder, Fotografien, Filme und orale Übermittlungen darstellen, erlebt nur das als unvergessbar, was für ihn tatsächlich auch unvergesslich war. Es gibt kein objektives Erinnern, nur subjektives.

Erinnern geht nur mit personal Angeeignetem

Das Unvergessbare und das Unvergessliche waren bisher identisch. Unvergessbar wurden eine Person oder ein Ereignis dann, wenn ein subjektiver und wiederholter Vorgang des Erinnerns stattfand, wenn das unvergessbar sein Sollende also personal angeeignet und ritualisiert wurde.

Das solcherart Unvergessbare war gerecht nur in dem Sinn, als sein Bestand einer objektiven Bewertung des erinnernden Kollektivs unterzogen wurde. Dorfgemeinschaften bildeten Unvergessbares als ein Gemeinschaftsgedächtnis aus, weil es in ihrer Geschichte eben eine Rolle spielte. Dasselbe gilt für Familien oder für Personen. Unvergessbar ist das, was zu den Meilensteinen einer Evolution – sei es der eines Individuums oder einer Gruppe – gehörte. Alles andere wurde aussortiert, wurde vergessen. Es gab weder eine Regel noch eine Verhaltensweise, die bestimmte, was erinnert werden durfte und was nicht. Meist standen auch sinnliche Akte, Akte der Unmittelbarkeit, der Interaktion mit konkreten Ausprägungen von Welt, zwischen einem Ereignis und seiner Unvergessbarkeit: Damit etwas ins Gedächtnis einging, musste entweder eine tatsächliche – angenehme oder schmerzhafte – Begegnung mit dieser Wirklichkeit stattfinden, zum Beispiel ein Hochzeitsfest oder ein Kriegs- oder Katastrophenerlebnis, oder aber das Unvergessbare hatte bereits seine eigenen Symbole und Zeichen wie Denkmäler oder Gegenstände ausgeprägt, die Unvergesslichkeit auf einer Symbolebene konstituierten und fortsetzten.

Technisch Erinnerbares und absolut Unvergessbares

Die digitale Speichertechnik ist es nun, die diesen Zusammenhang von Unvergessbarem und Unvergesslichem zerstört. Denn das globale technisch Erinnerbare könnte man das absolut Unvergessbare nennen, denn es ist tatsächlich so, dass unsere Gesellschaft über eine – noch längst nicht ausgereizte – Technologie verfügt, die alles, was diese Welt an Ereignissen, Fakten und Daten hervorbringt, aufbewahren kann; und hierzu zählen selbst subjektive Bewusstseinsinhalte wie Gedanken und Träume, denn auch sie sind der digitalen Aufzeichnung zugänglich, auch sie können registriert und gespeichert und damit objektiviert werden. Das Internet wird uns zugleich das totale Vergessen (die totale Vergesslichkeit) und die totale Erinnerung (das totale Unvergessbare) bescheren. Wahrscheinlich wird es aber so sein, dass das menschliche Gedächtnis sich in zwei Teil aufspaltet: in eine Erinnerung, die ein technisches Fundament hat und daten- und algorithmenbasiert ist, und in eine zweite Erinnerung, die sich im Bewusstsein des Menschen konstituiert.

Es wird dann vermutlich einen Ort geben, der alles Erinnerbare als digitale Kopie enthält; und einen anderen Ort, der weniger genau beschreibbar ist und der sich aus den Fragmenten eines Erinnerten zusammensetzt, die sich im Bewusstsein eines Einzelnen bilden und festsetzen. Das, was früher einmal „Kollektivgedächtnis“ hieß, also jener Bestand an gemeinsam Erinnertem, der durch Institutionalisierung und Ritualisierung des Erinnerungsvorgangs entstand, wird verschwinden, weil an seine Stelle der prinzipiell totale und stets verfügbare Speicher der digitalen Erinnerung tritt, der gesellschaftliche Institutionen und Rituale entweder überflüssig macht oder ersetzt; und zwar deshalb, weil er deren Einzigartigkeit und auch Fragilität durch seine universelle Verfügbarkeit und Perfektion aushebelt.

„Das Christentum ist das totale Gedächtnis,
und schon dadurch ist es einmalig.“

Damit ist nicht nur eine erhebliche Gefahr für die Kontinuität menschlicher Gesellschaften formuliert: Denn ohne eine geschichtliche Begründung des eigenen Standortes, die im kollektiven Gedenken gerade auch der eigenen Fehler und Schwächen besteht, kann diese „Geschichte“ jederzeit ausgelöscht und neu geschrieben werden. Und das ist zugleich eine düstere Perspektive für das Christentum: Denn was ist dieses „Narrativ“ Christentum, wie es im semiologischen Diskurs unserer Zeit bereits relativierend genannt wird, anderes als die radikalst mögliche Geschichte einer auf Schuld und Vergebung gegründeten kollektiven Sinngebung?

Die christliche Tradition ist die höchste Übereinstimmung von Unvergessbarem und Unvergesslichem. Ja man könnte sagen, dass es die einmalige Leistung dieser Überlieferung ist, alles menschlich Unvergessbare tatsächlich unvergesslich gemacht zu haben. Das Christentum ist das totale Gedächtnis, und schon dadurch ist es einmalig. Indem der technologisch aufgerüstete Transhumanismus die Substanz des menschlichen Gedächtnisses angreift, indem er also den Menschen von seiner eigenen Erinnerung trennen will und ihm vorspielt, Maschinen würden sich um die Aufzeichnung seiner Geschichte kümmern, attackiert er in Wahrheit die Keimzelle jeglichen Erinnerns, die Christus ist. Wenn ein vermeintlicher Sklavenhändler des 18. Jahrhunderts von seinem Marmorsockel gestürzt wird, fällt also immer auch ein Stück Christus.

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