Matthiaskirche Budapest

Budapests Matthiaskirche: Geschichtsträchtiger Sakralbau

Das ist ein geschichtsträchtiger Sakralbau: In Budapests Matthiaskirche spiegeln sich Glanz und Tragik des ungarischen Schicksals .

Matthiaskirche, Budapest
Die Matthiaskirche in Budapest im Glanz der Morgensonne. Das prächtige Bauwerk war Schauplatz europäischer Geschichte und hat Höhen und Tiefen erlebt, deren Spuren man noch immer am und im Gebäude finden kann. Foto: Milan Gonda, imago-images

Ministerpräsident Viktor Orbán hätte von seinem Amtssitz in der Szinhaz Utca nur ein paar Schritte zu gehen. Auch der Primas von Ungarn, Kardinal Péter Erdö, ist fast ein Nachbar der prachtvollen Budapester Matthiaskirche, die die Ungarn „Mátyás Templom“ nennen. Vor dem Amtssitz des europaweit heiß umfehdeten Regierungschefs lungern nur wenige Polizisten herum, die die vorbei schlendernden Touristen kaum beachten. Vor der unauffälligen Residenz des höchsten kirchlichen Würdenträgers ist gar kein Wachmann zu sehen. Bürgerlich und friedlich, fast verschlafen wirkt alles hier – wie auf der gegenüberliegenden Donauseite, rund um das prachtvolle Parlament. Hätten wir angesichts der ausländischen Medienberichte über Orbáns ach so autoritären Fundamentalismus nicht irgendetwas Martialischeres erwartet?

Eineinhalb Jahrhunderte als Moschee genutzt

Vor der Matthiaskirche zählt eine digitale Uhr die verbleibenden Tage, Stunden und Minuten bis zum Beginn des Internationalen Eucharistischen Kongresses, zu dessen Abschluss am 12. September auch Papst Franziskus erwartet wird. Auf der anderen Seite drängen sich die Touristen auf den Arkaden der Fischerbastei, um das Reiterstandbild des heiligen Königs Stephan oder die Donau-Seite des gegenüberliegenden Parlaments zu fotografieren.

„Ohne Impfnachweis kein Ticket, ohne Ticket kein Eintritt“, erklärt mir der junge Wächter am Eingang. Wir einigen uns schließlich darauf, dass ich die Kirche nicht als Tourist, sondern zum Gebet betrete – ohne Impfnachweis und Ticket. Das üppige Trinkgeld, das ich ihm dankbar zustecke, schiebt er sogleich in die Spendenbox der Kirche. Sympathisch. Märchenhaft hübsch ist die Mattiaskirche nur von außen. Innen präsentiert sie sich gewaltig, imposant, atemraubend, beeindruckend. Ein Monument heiliger Herrschaft, eine Erinnerung an gekrönte Häupter, die ihr Knie vor dem Allgewaltigen beugten. Hierher muss pilgern, wer nach dem fast Unmöglichen strebt: Ungarn zu verstehen. Man muss aus der Kurzatmigkeit der Tagesnachrichten heraustreten, in den Raum des Sakralen eintreten, um ein Land zu spüren, dessen erster König – Stephan I. (969 bis 1038) – ein Heiliger, und dessen letzter König – Karl I. (1887 bis 1922) – ein Seliger der Kirche ist.

„Wenn Du in Betracht ziehst,
dass alle Gewalt von Gott dem Herrn ist,
durch den die Könige regieren und die Gesetzgeber bestimmen,
was Recht ist, wirst auch Du Gott selbst Rechenschaft ablegen
über die Dir anvertraute Herde.“

Der von Papst Johannes Paul II. 2004 zur Ehre der Altäre erhobene Karl aus dem Hause Habsburg trug als Letzter die Stephanskrone, die Papst Silvester II. im Jahr 1 000 dem ebenso frommen wie tatkräftigen König Stephan aus der Dynastie der Arpaden übersandte. Über Jahrhunderte war diese Krone das Symbol der Reichseinheit; heute ist sie erneut ein Teil des ungarischen Wappens. Karls Erstgeborener und Erbe, Otto von Habsburg, meinte, dass die Stephanskrone – und nicht ihr Träger – der eigentliche Souverän Ungarns sei. Er muss es wissen, war er doch als Vierjähriger hier in der Matthiaskirche dabei, als sein Vater im Dezember 1916 diese Krone empfing. Da blitzte noch einmal auf, was Gottesgnadentum meint. Bevor er mit der Stephanskrone gekrönt wurde, gelobte der noch fast jugendliche Habsburger:„Ich, Karl, nach Gottes Willen künftiger König der Ungarn, bekenne und verspreche vor Gott und seinen Engeln, hinfort zu sorgen für Gesetz, Gerechtigkeit und Frieden zum Wohle der Kirche Gottes und des mir anvertrauten Volkes.“

Der Fürstprimas von Ungarn – traditionell die zweithöchste Autorität des Landes nach dem König – sprach dieses Gebet: „Die königliche Würde empfängst Du heute und übernimmst die Sorge, König zu sein über die Dir anvertrauten gläubigen Völker. Einen herrlichen Platz fürwahr unter den Sterblichen, aber voll Gefahr, Arbeit und banger Sorge. Aber wenn Du in Betracht ziehst, dass alle Gewalt von Gott dem Herrn ist, durch den die Könige regieren und die Gesetzgeber bestimmen, was Recht ist, wirst auch Du Gott selbst Rechenschaft ablegen über die Dir anvertraute Herde.“

Kaiser und Könige knieten in der Kirche vor Gott

Hat der kleine Otto, der damals von einem Balkon der Matthiaskirche aus die Zeremonie rund um seine Eltern verfolgte, hier bereits begriffen, dass Macht Verantwortung ist, dass alle Herrschaft sich vor Gott zu rechtfertigen hat? Haben es die Usurpatoren und Besatzer, die Regierenden und Mächtigen erfasst, die seither die Pracht dieser Kirche bestaunten?

 

Hier in der Matthiaskirche kniete der österreichische Kaiser und ungarische König Karl nieder, um gesalbt und mit dem Schwert des heiligen Stephan gegürtet zu werden. Dann, draußen auf dem Vorplatz, ritt er auf den Krönungshügel, um mit Stephans Schwert Hiebe in alle Himmelsrichtungen anzudeuten. Vor den Gefahren, die Ungarn im 20. Jahrhundert aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen bedrohten, ja überrannten, bis hin zur zweifachen sowjetischen Besetzung, konnte er das Vaterland nicht bewahren.

Wie könnte man an diesem sakralen Ort nicht an das tragische Schicksal des letzten Trägers der Stephanskrone denken, der – durch seinen Eid gebunden – nach zwei glücklosen Restaurationsversuchen im Jahr 1921 verarmt und verbannt auf der Atlantikinsel Madeira starb? Wie könnte man nicht an das noch tragischere Schicksal seines Ungarn denken, das doppelt zum Opfer der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts wurde, weil es die nationalsozialistische wie die kommunistische Gottlosigkeit zu ertragen hatte? Ein Volk von Freiheitskämpfern wurden die Ungarn oft genannt. Kein Wunder, denn in der Geschichte dieses Landes gab es nicht nur heiligmäßige Könige, sondern auch Tyrannei und Fremdherrschaft. Lange vor den Nazis und den Bolschewiken waren die Osmanen hier als Besatzungsmacht. 1541 eroberten die türkischen Heere Buda.

Tragik und Stolz, Demütigung und Auferstehung 

Die Matthiaskirche wurde für eineinhalb Jahrhunderte zur Moschee. Ihre Einrichtung wurde zertrümmert, die Heiligen enthauptet, die Wände weiß getüncht, die christlichen Ungarn unter das osmanische Joch gezwungen. Hier, in Budas Großer Moschee (Büyük Camii), dankte Sultan Süleyman seinem Allah für die Eroberung der Stadt. 1686 wurde Buda befreit, aber die zur Moschee gewandelte Kirche fast ganz zerstört. Sie – und vieles vom Katholizismus der Region – wurde von den Jesuiten wieder aufgebaut.

Tragik und Stolz, Demütigung und Auferstehung der Nation spiegeln sich im Schicksal dieser Kirche. Der Habsburger-Kaiser Franz Joseph und seine bis heute bei den Ungarn überaus populäre Gattin Elisabeth wurden 1867 in der Matthiaskirche gekrönt. Viele Wappen und die Fahnen der Länder der Stephanskrone erinnern bis heute daran.

Selbst im Kleinsten monumental

In einer Seitenkapelle finden wir die Statuen der heiligen Könige Stephan und Emmerich – Vater und Sohn, flankiert vom heiligen Bischof Gellert. Gleich daneben die Ruhestätte von König Bela III., der die Zisterzienser nach Ungarn holte, dann die Legende des heiligen Königs László (Ladislaus) in Wandbildern. Heilige Monarchen, zentnerschwere Geschichte.

Selbst das kleinste Mosaik oder Symbol spiegelt noch monumentale Größe. Oder große Tragik. Im Königlichen Oratorium finden wir die Stephanskrone – nein, nur eine Kopie. Das Original ist nach Jahrzehnten abenteuerlicher Irrfahrt heute in der Kuppelhalle des ungarischen Parlaments zuhause.

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