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In einem offenen Brief verteidigen 153 weltbekannte Intellektuelle die Meinungsfreiheit und warnen vor neuen gesellschaftlichen Tendenzen der Zensur. Droht eine „Cancel Culture“ auch in Deutschland?

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Symbolbild: Daten löschen Foto: Roland Weihrauch (dpa)

153 Intellektuelle haben sich in einem Brief für die Freiheit des Denkens und der Meinungsäußerung ausgesprochen. Die Unterzeichner des vielbeachteten Briefs, zu denen vor allem renommierte Autoren und politisch als eher linksliberal einzuschätzende Denker wie Margaret Atwood, Noam Chomsky, Mark Lilla, Steven Pinker, J.K. Rowling oder Salman Rushdie gehören, sprechen sich angesichts immer aggressiver in Politik, Publizistik und Sozialen Netzwerken auftretender Vertreter illiberaler Denkströmungen inklusive dazugehörender Ausgrenzungstendenzen gegenüber den eigenen Ansichten konträren Meinungsäußerungen für eine Stärkung der Meinungsfreiheit aus und bringen ihre Opposition gegenüber „einer neuen Reihe von moralischen Grundhaltungen und politischen Bekenntnissen“ zum Ausdruck, „die darauf abzielen, unsere Normen in Bezug auf eine offene Auseinandersetzung zu schwächen.“ Zudem prangern die Verfasser eine ihrer Ansicht nach zunehmende „Intoleranz in Bezug auf abweichende Meinungen“ an. Dies habe zur Folge, dass „der freie Austausch von Informationen und Ideen, der ja gerade der Lebenssaft der liberalen Gesellschaften ist, (…) jeden Tag immer mehr eingeschränkt“ werde, so die Autoren und Intellektuellen.

Unbequeme Wahrheiten unterdrückt

Dass die „Cancel Culture“ im Journalismus jedoch eher als eine inneramerikanische Angelegenheit zu betrachten sei und in Europa beziehungsweise Deutschland eine ganz andere Debattenkultur herrsche, wird jedoch bezweifelt. Zum Beispiel von Simon Strauß, Schriftsteller („Sieben Nächte“) sowie Feuilletonredakteur in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. In dem Artikel „Lebensader in Gefahr“ für das Feuilleton der FAZ nennt er beispielsweise den Fall des Journalisten Birk Meinhardt, der viele Jahre für die berühmte Seite drei der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb. Meinhardt, gebürtiger Ost-Berliner und seit 1996 Redakteur bei der SZ, verließ seinen langjährigen Arbeitgeber, nachdem dieser sich weigerte, zum wiederholten Male einen von ihm erstellen Text zu veröffentlichen. In diesem Text ging es um zwei zu Unrecht verurteilte Rechtsradikale, von denen einer vier Jahre in Haft saß, bevor sich seine Unschuld herausstellte. Als die Chefredaktion der „Süddeutschen“ seine Reportage nicht drucken will, weil Neonazis sie als Beweis für ihre Unschuld werten und für ihre Zwecke ausnutzen könnten, muss er sich laut Strauß „an Zeiten erinnert gefühlt haben, in denen unbequeme Wahrheiten unterdrückt wurden, weil sie dem ‚Klassenfeind‘ nützen könnten.“ 2017 verließ Meinhardt schließlich seine Zeitung und veröffentlichte ein Buch über seine Erfahrungen („Wie ich meine Zeitung verlor“).

 

DT/mee

 

Stefan Ahrens über den Widerstand gegen die „Cancel Culture“. Lesen Sie den ganzen Text in der kommenden Ausgabe der Tagespost.  Holen Sie sich das ePaper dieser Ausgabe kostenlos hier .