Washington, DC

Bestraft von der eigenen Kulturkritik

Eine Professorin in den Vereinigten Staaten kämpfte jahrelang mit fragwürdigen Mitteln gegen Rassismus. Jetzt flogen ihre Lügen auf.

Black-lives-matter Demonstrant
Für diejenigen ohne Stimme wollte auch die im Beitrag beschriebene Professorin Jessica Krug sprechen. Doch wie sich nun zeigte, hat sie in ihren psychischen Problemen nur für sich selbst gesprochen. Foto: imago images

Vor einigen Wochen gab es in den USA den aufsehenerregenden Fall rund um eine Universitätsdozentin. Jessica Krug, Assistenzprofessorin an der George Washington Universität für Afrikanische- sowie Postkoloniale Geschichte, gestand in einer Erklärung auf der Plattform „Medium“, sich jahrelang als Afroamerikanerin ausgegeben zu haben. Unter dem Pseudonym „Jess La Bombalera“ war sie als „Black Lives Matter“-Aktivistin unterwegs, die nach dem Tod George Floyds sogar zu einer Anhörung des New Yorker Stadtrats zur Polizeigewalt gegen Schwarze eingeladen wurde und sich dort über die ungerechte Behandlung ihrer „schwarzer und brauner Geschwister“ echauffierte.

Als Grund nennt sie psychische Probleme und Traumata

Die Weiße mit jüdischen Wurzeln nahm, wie sie selber berichtete, ihr ganzes Erwachsenenleben hindurch verschiedene Identitäten an, in denen Schwarz-sein zentral war. In dem Vorwort ihres 2018 veröffentlichten Sachbuchs „Fugitive Modernities“ schreibt sie, es sei ein „Liebesbrief“ an ihre, vermeindlichen, Vorfahren, die „unbekannt und ohne Namen in eine Zukunft bluten“. Die Karriere der Ex-Dozentin profitierte von ihrem Identitätsschwindel. Für ihr Buch über Sklavenhandel erhielt sie finanzielle Unterstützung von Kulturinstitutionen wie dem „Schomburg Center for Research in Black Culture“, wie der „Guardian“ berichtete.

Am 3. September deckte Jessica Krug ihre Lebenslügen in einem Blogeintrag unter dem Titel „Die Wahrheit und die antischwarze Gewalt meiner Lügen“ auf. Hier bezeichnet sie ihre angenommenen Identitäten als „unethisch, unmoralisch, kolonialistisch und antischwarz“. Als einen Grund für ihr Verhalten nennt sie psychische Probleme und Traumata, die sie seit ihrer Kindheit mit sich trägt. Diese werden jedoch niemals ihr Fehlverhalten entschuldigen, schreibt sie. Um das Ausmaß der Tragik zu verstehen, die dieser Fall mit sich brachte, muss man den Kulturkampf verstehen, der in der USA im akademischen Bereich sowie in den sozialen Medien tobt. Der Begriff „Cancel culture“ fand 2017 Einzug in das kollektive Bewusstsein von Social Media-Nutzern. Er bezeichnet das „canceln“, also das „Löschen“ nicht nur von rassistischen, sexistischen oder diskriminierenden Aussagen, sondern auch von den Personen, die die Statements machen. Lisa Nakamura, Professorin der Universität Michigan, die zu Themen der digitalen Medienwelt forscht, bezeichnet diese Taktik in einem Artikel der „New York Times“ als „kulturellen Boykott“.

„Ihr solltet mich absolut löschen
und ich lösche mich selber absolut.“

Ein Opfer der „Cancel culture“ wurde beispielsweise David Shor, ein Demokrat, der in Barack Obamas Wahlkampfkampagne beteiligt war, und der auf Twitter die Studie eines multi-ethnischen Princeton-Professors zusammenfasste. Die Studie handelte von der politischen Wirksamkeit friedlicher Proteste und kam zu dem Ergebnis, dass diese in den 1960er Jahren effektiver waren als gewaltsame Demonstrationen. Eine Woche später war David Shor seinen Job los.

Was war passiert? „Black Lives Matter“-Aktivisten wurden auf den Post des Data Analysten aufmerksam und und werteten ihn als Ratschlag, die BLM-Bewegung solle auf Gewalt verzichten. Als Weißer habe er sowieso nicht das Recht, dies zu beurteilen. Nur paar Tage später wurde Shor von seiner Firma gefeuert. Der Druck des Twitter-Mobs war zu stark.

Für Jessica Krug ist „Cancel culture“ ein vertrautes Konzept, mit dem sie sich in ihren Studien höchstwahrscheinlich beschäftigte. So lautet ihr hartes Selbsturteil, ganz im Sinne der „Cancle culture“: „Ihr solltet mich absolut löschen und ich lösche mich selber absolut.“

Mit Dreadlocks und Kleidung "aus anderen Kulturen fischen"

Ein weiteres neumodisches Vokabular aus dem Pool des World Wide Webs lautet „Cultural appropriation“, zu deutsch „kulturelle Aneignung“. Der Begriff kritisiert das Übernehmen von Elementen anderer Kulturen in die eigene. Besonders kritisch wird es, wenn die übernommenen kulturellen Merkmale von benachteiligten und ehemals unterdrückten oder gar kolonialisierten Kulturen stammen. In letzter Zeit tappten einige junge Celebrities in die „Cultural appropriation“-Falle. Allen voran die schwedische Influencerin Emma Hallberg. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man glauben, die 21-jährige sei gemischtrassig. Das liegt daran, dass sie sich mittels dunklem Make-up, Selbstbräuner und Körpermodifikation als Schwarze inszeniert. Ähnliche Vorwürfe fielen bei der Popsängerin Ariana Grande oder der deutschen Rapperin Shirin David.

Dazu kommt, dass sie ihre Songs mit R&B- und Hiphop-Elementen versehen, obwohl das die klassischen Musikrichtungen schwarzer Sängerinnen sind. Dadurch werden Women of Colour nicht nur auf sexualisierte Stereotypen und Äußerlichkeiten reduziert, sondern ihr Aussehen wird sich auch angeeignet, ungeachtet der Problematiken wie Rassismus und Diskriminierung, mit denen „echte“ Schwarze tatsächlich konfrontiert sind, nicht aber die eigentlich weißen It-Girls. „Black Culture“, generell Multi-Ethnizität, scheint im Trend zu sein: Japanische Kimonos, das indische „Holi Festival of Colours“, Azteken-Prints auf Kleidung und Decken, afrikanische Frisuren wie Dreadlocks. Natürlich gibt es den passenden Begriff für dieses „Fischen aus anderen Kulturen“: „Blackfishing“.

Getarnt als "aggressive, schwarze Frau"

Auch diese „Sünde“ beging Jessica Krug. „Zu den Vorlesungen erschien sie mit riesigen Creolen, Nasenring, bauchfreien Tops und enger Hose mit Leoparden-Muster“, beschreibt ein Student in einem Artikel des Magazins „The Cut“ seine ehemalige Dozentin. Eine Ex-Kollegin, die anonym bleiben möchte, äußerte: „Sie identifizierte sich mit dem schlimmsten Stereotypen, nämlich mit dem der aggressiven, schwarzen Frau. Ich glaube, sie drängte oder ermutigte mich, eine radikalere, politische Position einzunehmen.“

Kurz nach ihrer Erklärung kündigte Jessica Krug ihre Stelle als Assistenzprofessorin, nachdem die George Washington Universität ein Statement auf ihrer Homepage veröffentlichte, welche sie aufforderte, von ihrem Posten zurückzutreten.

Die Identitätsschwindlerin wollte unbedingt und mit allen Mitteln Teil der schwarzen Community sein. Um das zu erreichen, scheute sie sich nicht, die gesellschaftlichen „No-Go?s“ zu begehen, die sie selber eisern verachtete. In Wahrheit war es nicht weit her mit ihrem vermeintlichen Einsatz gegen Rassismus und Diskriminierung: „Meine Feigheit war stets stärker als meine Ethik.“ So ihr eigenes Urteil.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.