Zurück zur Gottesfrage

Vor fünf Jahren starb Bischof Kurt Krenn. Er wurde als Kirchenpolitiker gehasst und geliebt, als Theologe und Philosoph jedoch übersehen und verkannt. Von Stephan Baier

Kurt Krenn
1936 im oberösterreichischen Rannariedl geboren, studierte Kurt Krenn in Rom, Tübingen und München, lehrte Philosophie in Linz, St. Pölten und Regensburg und wurde 1987 zum Weihbischof in Wien ernannt. Von 1991 bis 2004 war er Bischof von St. Pölten. Foto: Archiv
Kurt Krenn
1936 im oberösterreichischen Rannariedl geboren, studierte Kurt Krenn in Rom, Tübingen und München, lehrte Philosophie i... Foto: Archiv

Von kleinen Kreisen abgesehen, ist von dem vor fünf Jahren verstorbenen Kurt Krenn in der österreichischen Öffentlichkeit nur ein vorurteilsschweres Ressentiment geblieben. Das kirchenamtliche Österreich gab ihn nach seinem Amtsverzicht als Diözesanbischof von St. Pölten im Jahr 2004 gerne dem Vergessen preis. Als philosophischen und theologischen Denker hatte man ihn schon zuvor nicht wahrnehmen wollen. Ein Versäumnis, wie all jene bestätigen können, die Krenn zwischen 1975 und 1987 als Professor an der Universität Regensburg erleben konnten.

Die Grundfragen nach dem Menschen und seiner Wahrheitsfähigkeit, nach Gott und unserer Beziehung zu Ihm, das waren jene Fragen, um die das philosophische Denken Krenns kreiste. Dass die Wahrheit erkennbar und mitteilbar sei, dafür hatte Professor Krenn in seinen Metaphysik-Vorlesungen eine theologische Begründung: „Gott kann nicht täuschen oder getäuscht werden. Gott kann nicht unwahrhaftig sein oder sich unwahrhaftig mitteilen.“

Kurt Krenns Vorlesungen waren besonders geprägt von Thomas von Aquin

Krenns Vorlesungen waren geprägt von der Erkenntnissuche der großen Denker: Augustinus, Thomas von Aquin, Duns Scotus, Wilhelm Ockham, Bonaventura, Descartes, Kant, Hegel und Wittgenstein. Ihr Denken der Wirklichkeit Gottes war ihm Mittel zu dem Zweck, die Studierenden selbst zu einem metaphysischen Denken anzuleiten.

Insbesondere mit Thomas von Aquin machte Kurt Krenn seine Studenten vertraut. Wer durch diese Schule ging, musste die Wirklichkeit des Glaubens und der Vernunft auf einen Nenner bringen, konnte die Rede über Gott nicht mehr der reinen Emotionalität ausliefern. Die Auflösung überzeitlicher, geoffenbarter und vernunftmäßig erkannter Wahrheit in einem Brei von Meinungen, die scheinbar gleichwertig nebeneinander stehen, wurde mit der Ernennung zum Weihbischof in Wien 1987 auch zu seinem Kirchen-Thema:

„Jedermann hält sich heute für kompetent, Kirche und Religion nach Belieben zu thematisieren; selbst die Unkundigsten stellen ihre Meinungen dazu gleichrangig neben die offiziellen Aussagen der Kirche, so dass ein bunter Markt besteht, in dem alles als Meinung und nichts mehr als die Lehre der Wahrheit gilt.“

Nicht aus Besserwisserei, sondern aus der Überzeugung, dass der Mensch aufgrund seiner Würde ein Recht auf die Wahrheit hat, konnte Kurt Krenn dort nicht schweigen, wo er Menschen Unwahrhaftes tun oder sagen sah, wo er Irrtum wähnte und Verdunkelung der geoffenbarten Wahrheit. In einem Vortrag, den er auf Einladung des damaligen Professors und späteren Kardinals Marian Jaworski an der Universität Lublin hielt, deutete er diesen Zusammenhang in der Anthropologie von Papst Johannes Paul II.:

„Der Mensch steht als Mensch von Anfang an in einer Wahrheit, für die der Mensch von sich aus niemals genügend Ursachen aufbringen kann; der Mensch kann sich darin in seiner Geschichte niemals selbst einholen oder gar entscheidend verändern.“

So sei der Grundauftrag des Menschen, „die Wahrheit des Menschen“ zu erfüllen. Der Papst bringe den „Deus Redemptor“ mit dem „Deus Creator“ zusammen: „das Werk der Erlösung bezieht sich wieder zuinnerst auf das Werk der Schöpfung als eine Wahrheit und Erfüllung der Schöpfung“.

Der Mensch hat ein „Recht auf die Wahrheit“

Der Mensch habe ein „Recht auf die Wahrheit“, weil er von der Schöpfung her „auf Gott hingeordnet und einer natürlichen Gotteserkenntnis fähig ist“, argumentierte Krenn. Die Kirche diene dem Menschen, indem sie ihm Christus vor Augen stellt, in dem sich dem Menschen die Wahrheit des Menschen zeigt. Die „Gottesfähigkeit des Menschen“ sei eine Vorgabe Gottes selbst, ein „Ineinandertreten von Schöpfung und Erlösung im selben Menschen“.

Kurt Krenn war überzeugt, dass nur die volle Wahrheit über den Menschen diesem Einsicht in seine Bestimmung für das ewige Leben gibt. Damit aber handelt der gegen die Würde des Menschen, welcher ihm diese Wahrheit vorenthält, etwa weil er im Spiel der Meinungen nicht als vorlaut, arrogant oder intolerant gelten will, weil er als gesellschaftlich verträglich oder modern angesehen sein will. Dem Menschen seine Wahrheit zu sagen, ihm die Augen für seine Würde als Mensch zu öffnen und ihm Christus zu zeigen als den, der dem Menschen das Menschsein offenbart, war Krenns Anliegen.

Er zeigte sich überzeugt, „dass die Krisen in Kirche und Theologie von heute engstens mit der Frage aller Fragen zusammenhängen, mit der Frage nach der Wirklichkeit Gottes“. Mit der „Verneinung des metaphysischen Personseins des Menschen“ trete auch eine „Entfremdung von der Wirklichkeit Gottes“ ein.

Kritik am Einbruch des säkularisierten Denkens in die Theologie

Immer wieder kritisierte der Professor und Bischof Kurt Krenn den Einbruch des säkularisierten Denkens in die Theologie. Einer Theologie, die sich in Disziplinen aufspalten lasse und mit nur linguistischen, historischen, kulturwissenschaftlichen oder psychologischen Methoden arbeite, drohe die Mitte verloren zu gehen:

„Will die Theologie eine eigenständige Wissenschaft und nicht nur die Summe von einzelnen religionswissenschaftlichen Bemühungen sein, muss die Wirklichkeit Gottes also Gegenstand und begriffliches Movens aller theologischen Disziplinen sein. Die Wiederkehr Gottes in der Theologie ist das Gebot der Stunde.“

Die Theologie müsse sich der Gottesfrage als „durchgehender Struktur aller Einzelfragen“ stellen. Die Gottesfrage auszuklammern würde der Kirche ihre Identität rauben, meinte Krenn.

Wenn der Mensch ein Recht auf die Wahrheit hat, dann hat die Kirche – als Gottes Volk – die Pflicht, die Wahrheit sichtbar, erkennbar und bekennbar zu halten. Die Last dieser Verantwortung ruhe in besonderer Weise auf den Bischöfen:

„Die Wahrheit ist Personen anvertraut, die in der Fülle des Weihesakraments das Prägemal als rechtmäßig bestellte Bischöfe erhalten haben. Für jeden Bischof ist es eine unabdingbare und persönliche Verantwortung, den ganzen Glauben zu lehren, zu verkündigen, zu verteidigen und zu entfalten.“

Das Amt des Bischofs entziehe sich einer rein funktionalen Deutung, sondern ist „vorgeschichtlich im heilsökonomischen Trinitarischen konstituiert“.

Eine differenziertere und gerechtere Würdigung

Krenn teilte die Ambition seines vormaligen Regensburger Professorenkollegen Joseph Ratzinger, den christlichen Glauben als vernünftig, und die menschliche Vernunft als Gott-fähig zu erweisen. Mögen ihre argumentativen Wege sich unterscheiden wie sich ihre theologischen Disziplinen unterschieden, so teilten sie doch das Ziel einer Wiederversöhnung von fides und ratio.

Fünf Jahre nach seinem Tod, fast eineinhalb Jahrzehnte nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit sollte sich der Pulverdampf vergangener Gefechte ausreichend verzogen haben, um Kurt Krenn differenzierter und gerechter zu würdigen.