Zuhause im Zwischenreich

Der Schauspieler Bruno Ganz ist gestorben: Er war mehr Geistwesen, als Normalsterbliche es sein können. Von Ingo Langner

Ikone des Films "Der Himmel über Berlin": Bruno Ganz als Engel
Ikone des Films: Bruno Ganz als Engel, der auf Berlin herabschaut.dpa Foto: Foto:

Wir sind ja noch wegen der Schauspieler ins Theater gegangen. In welchem von wem inszenierten Stück sie auftraten war zweitrangig. Wir taten genau das, was die Altvorderen vor uns auch taten. Vor dem ersten Weltkrieg wollten die Menschen Alexander Moissi oder Josef Kainz auf der Bühne leuchten sehen. Unsere Generation durfte sich an Bruno Ganz berauschen. Noch im Rang des Kieler Opernhauses, definitiv weit weg vom Bühnengeschehen, hat uns sein Prinz von Homburg in Trance versetzt. So wie er sprach Anfang der siebziger Jahre sonst niemand die Sätze des genialen Heinrich von Kleist. Eben noch weltabgewandter Träumer, im nächsten Akt todesmutiger Ritter in der Schlacht bei Fehrbellin und zum Ende ein zitterndes Menschlein am Rande des eigenen Grabs. So gespielt war uns dieser Mensch aus weit entfernten Zeiten ganz nah. So wie Bruno Ganz den Prinzen verkörperte, wollten auch wir im wirklichen Leben sein.

Bald nach dem Kieler Gastspiel der Berliner Inszenierung von Peter Stein konnten wir diesen Ausnahmeschauspieler zusammen mit anderen Ausnahmeschauspielern an der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer in anderen Aufführungen sehen. Als Henrik Ibsens „Peer Gynt No. 8“ „Im Zeichen der Zwiebel“ kriecht Bruno Ganz im Schlussakt der von der lieblichen Jutta Lampe verkörperten ergrauten Solveig auf den Schoß und verharrt dort in einer embryonalen Pose. Ein Bild, das in die Theatergeschichte eingehen sollte. Auf immer unvergessen gewiss auch sein Jakow Schalimow, der narzisstische Schriftsteller in Peter Steins „Sommergästen“ nach Gorki.

So könnten wir, Rolle für Rolle aufzählend, fortfahren und kämen doch stets zu dem gleichen Ergebnis, dass Bruno Ganz, als sei er in einem Zwischenreich zuhause, immer anders war und doch dabei stets derselbe blieb. Wie er das machte ist, wie alle hohe Bühnenkunst, nicht bis ins Letzte zu ergründen. Auch wer selbst am Theater arbeitet, wird nicht vernünftig erklären können, was beim Übergang vom Privatmann zum Prinzen eigentlich geschieht. Es lässt sich bestenfalls mit einem großartigen Zaubertrick eines weltberühmten Magiers exemplifizieren. Eben noch war der weiße Tiger auf der Bühne, nach einem Abrakadabra ist er wie vom Erdboden verschluckt. Alle im Saal wissen, dass es mit rechten Dingen zugegangen sein muss und der Tiger nicht wirklich im Nichts verschwunden ist. Doch sie wissen nicht wie.

Bei einem Schauspieler wie Bruno Ganz einer war, möchten wir annehmen, er sei mehr Geistwesen gewesen als es Normalsterbliche sein können. Im Film „Der Himmel über Berlin“ (Regie Wim Wenders) ist Bruno Ganz ein Engel, der, für Menschen unsichtbar, mit ihnen auf höchst eigentümliche Weise verkehrt. Mal ist er ihr Schutz und Schirm, mal mitleidender Zuhörer, und dies solange, bis ihn heftig die Sehnsucht übermannt, genau zu ergründen, wie es sich anfühlt, ganz und gar und unwiderruflich ein Sterblicher zu sein. Bruno Ganz spielt den Engel so, wie wir uns als Kind Engel immer vorgestellt haben, wenn wir im letzten Licht vor dem Einschlafen noch einen Blick auf das Bild werfen konnten, auf dem Bruder und Schwester, von ihrem Schutzengel behütet, die morsche Brücke über dem felsigen Abgrund trotz aller Wahrscheinlichkeit sicher überqueren. Im Film schließlich zum Menschen geworden, ist Bruno Ganz immer noch besonders, doch erst jetzt spüren wir den Mann aus Fleisch und Blut. Es ist nur eine Nuance, mit der Ganz jetzt anders agiert als vorher. Genau diese Winzigkeit macht den Unterschied aus.

In Peter Steins „Faust Projekt“, das im Jahr 2000 auf der Expo in Hannover uraufgeführt wurde, schien Bruno Ganz als Titelfigur an seine Grenzen gekommen sein. Die Premiere am 23. Juli musste krankheitshalber ohne ihn stattfinden, er wurde umbesetzt und Insider munkelten schon, er wäre an sich selbst gescheitert. Doch schon im Berliner Gastspiel drei Monate später machte Ganz solchen Gerüchten ein Ende.

Wir hatten noch Will Quadflieg in der Faust-Verfilmung von Gustaf Gründgens als die bestmögliche moderne Verkörperung eines Goetheschen Faust vor Augen, als wir einen Menschen an der Schwelle des dritten Jahrtausends sahen, der vollkommen und glaubwürdig die alte Figur gleichzeitig an sich riss und von sich abstieß. Wissen zu wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält, ohne dabei mit den mickrigen Lächerlichkeiten eines säkularen Atheisten zu hantieren, wie es leider auf unseren Bühnen zum Schaden fürs Theater und für sein Publikum üblich geworden ist, und darüber vom Pakt mit dem Teufel gleichzeitig niedergedrückt und erhoben zu sein, so spielte Bruno Ganz den Dr. Faustus und schritt „in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus“. Er wandelte dabei wirklich „vom Himmel durch die Welt zur Hölle“, wie es im „Vorspiel auf dem Theater“ vom Direktor gefordert wird.

Unzweifelhaft ist etwas von der Dämonie seines mephistophelischen Gegenübers in sein Spiel eingegangen, als Bruno Ganz vier Jahre später in Oliver Hirschbiegels Film „Der Untergang“ zu Adolf Hitler wird und im Führerbunker tief unter dem Berliner Himmel noch als tablettensüchtiger Zittergreis fronterfahrene Generale zu willfährigen Marionetten degradiert. Die, zu Tode geängstigt, längst nur noch auf dem Papier existente Truppen von A nach B verschieben, um die nur tausend Meter vom Bunker entfernte Rote Armee in die Flucht zu schlagen.

Nicht wenige Kritiker haben Ganz die Annahme dieser Rolle übel genommen. Oder angemahnt, er hätte sie zumindest so burlesk anlegen sollen, wie Charlie Chaplin in „Der große Diktator“ den Hitler gespielt hat. Bruno Ganz hat sich für genau den Realismus entschieden, mit der er alle seine Figuren in die Welt gestellt hat. Auch sein „Prometheus“, den er 1986 in einer Inszenierung von Klaus Michael Grüber gespielt hat, ist ja, vom Olympier Zeus an den Felsen gekettet, weil er gegen dessen Befehl den Menschen das Feuer gebracht hat, obzwar selber Titan und damit göttlicher Abstammung, eine ebenso realistische Gestalt wie der Engel im Himmel über Berlin. Bruno Ganz ist am 16. Februar in seiner Schweizer Heimat gestorben. Ihn nicht zu vergessen, fällt leicht.