Zeitgeist bestimmt den Journalismus

„Mediale Welten – Wissen, Information und Kommunikation im digitalen Umbruch“: Eine Veranstaltung in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften – Kritik an der digitalen Welt war nicht erwünscht. Von Katrin Krips-Schmidt

Wer Zeitung lesen will, sucht sich ein ruhiges Plätzchen abseits des Rummels der digitalen Welt. Und er taucht nicht sofort in Statistiken über die Nutzung von Artikeln der Online-Ausgaben auf. Foto: dpa
Wer Zeitung lesen will, sucht sich ein ruhiges Plätzchen abseits des Rummels der digitalen Welt. Und er taucht nicht sof... Foto: dpa

Kann ein Blazer Leben retten? Vernetztes Lernen über das Internet und angewandte Forschung machen es möglich. Eine 23-jährige Studentin der Fachrichtung Modedesign entwickelte ein Kleidungsstück, durch das im Notfall etwa bei Schlaganfallpatienten ein Arzt herbeigerufen werden kann. Sie platzierte einen von ihr programmierten Chip in die Jacke, die bei Berührung die nötigen Signale an die Notfallzentrale aussendet. Neben ihrer bereits vorhandenen Nähfertigkeiten hatte sich die Studentin für diese Idee, die sie nun für eine Doktorarbeit über „interaktive Textilien“ verwertet, die erforderlichen Kenntnisse in Elektrotechnik und Informatik aus dem Internet geholt: eines von vielen positiven Beispielen für eine nicht mehr aufzuhaltende Digitalisierung unserer Lebenswelten.

Neben der wichtigen Rolle, die digitale Medien etwa im Bereich der Medizin spielen, bieten sie auch Chancen für die Erhaltung von Kulturgütern. Nicht mehr wegzudenken sind die Digitalisierungsprojekte großer Bibliotheken – die Vorteile liegen auf der Hand: Durch das Einscannen ganzer Bestände wird es möglich, Dokumente nicht nur international, sondern auch interdisziplinär verfügbar zu machen und sie zudem auf diese Weise der Langzeitarchivierung zuzuführen. Durch das Erstellen von Digitalisaten werden fragile Originalwerke somit der Nachwelt erhalten, was der Sicherung des nationalen Erbes dient.

Welche Rolle „Mediale Welten“ in der Zukunft spielen werden – mit diesem Thema befasste sich kürzlich eine Wissenschaftsrunde in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am Gendarmenmarkt in Berlin. Die eingeladenen Medien-, Kultur- und Naturwissenschaftler versuchten sich gemeinsam mit Publizisten, Archivaren und Museumsexperten mit den Vor- und Nachteilen von „Wissen, Information und Kommunikation im Umbruch“ auseinanderzusetzen.

Die fünfstündige Tagung der Akademieunion und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2014 ließ eine inhaltsreiche Auseinandersetzung erwarten. Der Rahmen war weit gesteckt. Und so erhoffte man sich Antworten auf Fragen nach der „Schönen Neuen Welt“, den „Einfluss auf die digitalen Informationsmedien auf unsere Gesellschaft“ und wollte erfahren, wer die „Hoheit über die Algorithmen der Suchmaschinen“ eigentlich habe.

Wer sich von den sieben Kurzreferaten und vier Talkrunden (Er-)Klärungen versprach, wurde indes enttäuscht. Die Digitalisierung kann zwar – was ihre Anwendungen in etlichen Bereichen angeht – auf eine erstaunliche Erfolgsgeschichte zurückblicken. Gleichwohl räumte man einer Betrachtung der Auswirkungen der Digitalisierung auf das gesellschaftliche Gefüge und seiner „Risiken“ – wie es im Flyer zu der Veranstaltung immerhin auch angekündigt wurde – wenig Platz ein. In der Gesellschaft durchaus existierende Einwände wurden als realitätsfremde Kritik der wenig innovationsfreudigen Deutschen an internationalen Entwicklungen marginalisiert. So etwa, wenn es um deren ablehnende Haltung gegenüber der Wissenschaftssprache Englisch gehe, wie die Journalistin und Kulturwissenschaftlerin Mercedes Bunz von der Lüneburger Leuphania-Universität beklagte. Da müsse man eben seine eigene „Perspektive entwickeln und wandeln“.

„Offline sein, online existieren“

Für den Vollzug eines Perspektivwechsels – offenbar ist dies die moderne Umschreibung für das Aufgeben eigener Positionen – und eine Anpassung an die veränderten Rahmenbedingungen plädierte auch Joachim Müller-Jung – seit 2003 Ressortleiter für Natur und Wissenschaft bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Eine dramatisch gestiegene Nutzung der Informationsangebote über das Internet bei einer zugleich instabilen Situation der Produktion gedruckter Zeitungen und Zeitschriften zwinge – so Müller-Jung – die Verlagshäuser zu Veränderungen, wobei es um Themen, Inhalte und Textlänge ihrer Artikel geht. Mehr als elf Stunden täglich verbringen die Deutschen – laut einer neuen Erhebung (www.absatzwirtschaft.de vom 29. August 2014) – mit der Beschäftigung mit Medien, davon entfallen 7,5 Stunden auf die Bildschirmmedien. Auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ nutze digitale Analyseinstrumente, um bei ihrer elektronischen Ausgabe, dem FAZ-Newspaper, die Beliebtheit der einzelnen Beiträge statistisch zu ermitteln und in Bezug auf Optimierung ihre Konsequenzen zu ziehen. Die Journalisten müssten sich an das veränderte Verhalten ihrer Leser anpassen, was im Klartext heißt: „Hype“-Themen aufgreifen, diese mit Unterhaltungsfunktionen verbinden, kürzere Beiträge schreiben und die Leser interaktiv und partizipativ einbinden. Auch der „Roboterjournalismus“, den es in großen Verlagen vor allem in Sport-Redaktionen in Testläufen gebe, ist für Müller-Jung kein Tabu mehr.

Der Direktor des Vorderasiatischen Museums Markus Hilgert und der Vizepräsident der Georg-August-Universität Norbert Lossau diskutierten über die Rolle von Museen und Bibliotheken in der virtuellen Welt von Morgen, und die Leiterin der Abteilung Wissenschaftskommunikation an der Universität Karlsruhe, Annette Leßmöllmann, widmete sich den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter.

Für den derzeit vieldiskutierten „Open Access“, den freien Zugang zum Internet, gibt es für Martin Grötschel, Präsident des Konrad-Zuse-Zentrums für Informationstechnik und für Wolfgang Coy, Professor für Informatik an der Humboldt-Universität zu Berlin, keine Alternative: Informationen sollen grundsätzlich frei zugänglich sein. Für Coy verbindet sich damit die Vision von einer besseren Welt: „Humboldts Traum allgemeiner Bildung kann wahr werden.“ Hürden auf dem Weg zum „Open Access“ sehen die beiden Wissenschaftler nur auf der rechtlichen und der technischen Ebene.

Doch ob ein unbeschränkter Zugang zu Informationen aller Art tatsächlich anzustreben sei? Günter Stock, der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, hatte da seine Bedenken, als er auf die Do-it-yourself-Biologen, die sich durch das Internet Kenntnisse zur Züchtung pathogener Keime verschafften, oder auf die Verbreitung von Propagandamaterial der IS-Terroristen hinwies.

Verhaltene Kritik artikulierte auch Professor Siegfried Zielinski von der Universität der Künste Berlin als „Ambivalenz“, die er bei dem Umgang mit „telematisch basierten Sozialitäten“ – oder verständlicher ausgedrückt – bei der Kommunikation über das Internet, empfinde. „Das Schreibwerkzeug schreibt an unseren Gedanken mit“, zitierte er Nietzsche und vielleicht war das einer der wenigen Sätze, die – wenn auch nur für einen kurzen Augenblick – so etwas wie ein nachdenkliches Aufhorchen aufkommen ließen. Er fügte noch einen weiteren Satz an: „Denn was passiert, wenn das Schreibwerkzeug wesentlich Denkwerkzeug geworden ist, oder mit Denkwerkzeugen zumindest hochgradig gekoppelt sein wird?“ Denn das sei ja das Projekt, das in den nächsten Jahren auf uns zukäme, ergänzte er ironisch, „quasi intelligente Maschinen – Maschinen, die kognitionsfähig sind, wenn auch nicht bewusstseinsfähig, sollen mit anderen Kognitionsprozessen anderer Art verkoppelt werden und unsere Intelligenz noch einmal hochgradig steigern.“ Er versuche, sich mit einem Plädoyer zu helfen: „Offline sein, online existieren“, womit er eine Aufforderung zu einer Art „Schizophrenie“ verstanden wissen wollte: die Verständigung im Internet auf der einen Seite zu betreiben, auf der anderen Seite jedoch den Prozess des Nachdenkens und des Schreibens im Wissenschaftsbetrieb in die autarke Einsamkeit zu verlagern.

Welchen weitreichenden Einfluss digitale Medien auf unsere Gesellschaft haben? Diese Frage – insbesondere die damit verbundene moralische Dimension – wurde trotz der Expertise der vielen Teilnehmer an der Veranstaltung letztlich nicht geklärt.