Berlin

Zeit für eine neue Mauer?

Vor dreißig Jahren begann das „Wunder“ der Wiedervereinigung. Heute ist Deutschland zerrissen wie schon lange nicht mehr. Ein Blick zurück nach vorn.

30 Jahre Mauerfall am 9. November 1989
Gruppenbild ohne Autor? Die unvergessliche Mauerbesteigung am 9. November 1989. Foto: dpa

Es war ein kühler, regnerischer Novembertag. Ich war gerade heimgekommen von einer Vorlesung an der Hardenbergstraße. Da rief ein Kommilitone an. Die Mauer sei auf. Ob ich Lust hätte, zum Brandenburger Tor mitzukommen. Natürlich hatte ich darauf Lust. Und so stand ich bald in einem lebendigen historischen Gemälde: Auf der Berliner Mauer, Blick Richtung Brandenburger Tor, wo die Soldaten der Nationalen Volksarmee der DDR mit Misstrauen auf die Westler schauten, die ihnen „Die Mauer muss weg“ zuriefen. Auch ich rief. Während diejenigen, die mit mir auf der Mauer standen und dem Osten den Rücken zukehrten, von internationalen Kamerateams und Fotografen ins Visier genommen wurden, und ihr Konterfei um die Welt reisen ließen. So dicht liegen Wesentliches und Unwesentliches zusammen.

Nein, ich dachte in diesem Moment nicht an mediale Verbreitung. Ich fragte mich, ob ich träume. Es konnte doch eigentlich nicht sein, dass wir hier so fröhlich und locker auf der Mauer standen. Nach all den Schrecknissen des Kalten Krieges. Der Machthaber der Sowjetunion, Michal Gorbatschow, was tat er jetzt? Mit wem redete er? Mit Bundeskanzler Helmut Kohl, der sich in Polen aufhielt? Und: Auf was für ein Land schaute ich eigentlich? Wie nah oder fern war mir die DDR? Ziemlich fern, dachte ich. Ferner als Holland, in dessen Nähe ich aufgewachsen war.

Es war eine wilde Nacht, damals in Berlin

Es war eine wilde Nacht, die Nacht des 9./10. November 1989. Irgendwann stiegen wir von der Mauer herunter und liefen an ihr entlang, um am Checkpoint Charlie die DDR-Bürger zu empfangen, die mit ihren Trabis Richtung Westen fuhren. Wir klopften auf die Motorhauben und jubelten. Ein surrealer Rausch, der nicht mehr aufzuhören schien.

Auch an den folgenden Tagen und Wochen wehte der „Mantel der Geschichte“ über Deutschland, und insbesondere über Berlin, sodass man aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Bereits ein Jahr später war dann staatlich zusammen, was zusammengehörte, wie Willy Brandt treffend bemerkte, auch wenn sich die Menschen in Ost und West in den Zeiten der unterschiedlichen politischen Systeme ziemlich entfremdet hatten. Das Thema Wiedervereinigung war für die intellektuelle Elite Westdeutschlands kein Thema mehr, vielleicht mit Ausnahme des Schriftstellers Martin Walser, der das Thema erst kurz zuvor angerissen hatte. Doch damit hatte er nur einen prähistorischen shitstorm ausgelöst. Kein Nachdenken.

Auch während des Vereinigung-Prozesses kam nicht viel von den Intellektuellen. Günter Grass wirkte mit seinen Einlassungen wie ein Wirklichkeits-verdrängender Blockierer. Ebenso die Spitze der SPD. Nur und ausgerechnet der bislang eher tolpatschig wirkende CDU-Kanzler schien die Lage begriffen zu haben. Er entpuppte sich als Politiker von Weltformat, der virtuos mit den Alliierten verhandelte und den Zweiten Weltkrieg beendete. Spätestens mit dem Umzug des Bundestages von Bonn nach Berlin – ein paar Jahre später. Von Deutschland, so dachte ich damals, wird bestimmt keine Gefahr mehr ausgehen, deshalb unterstützte ich den Hauptstadt-Wechsel.

Man hatte uns auf der Schule ausreichend nationale Schuldgefühle eingeimpft; die Generation der Politiker, mit der ich groß geworden war (Schmidt, Brandt, Wehner, Scheel, Genscher, Strauss) wirkte bei aller rhetorischen Leidenschaft demütig und geläutert, wenn es um die nationale Rolle Deutschlands ging. Irgendwie waren wir alle Pazifisten geworden. Zufrieden, dass wir uns als Mitglied der Europäischen Gemeinschaft ein wenig verstecken konnten. Für schmutzige Jobs in der Weltpolitik gab es die USA, England und Frankreich – und natürlich Russland, das sich allmählich wieder aus der zusammenstürzenden Sowjetunion herauspellte.

Wenig Sinn für die Vorarbeit von Johannes Paul II.

Erstaunlich in Deutschland war auch: So eindeutig das Scheitern des Kommunismus gewesen war, so eindeutig blieb die linksliberale Kulturhegemonie erhalten. Nicht die Fernseh-Auftritte eines Gregor Gysi, der die SED-Nachfolgepartei PDS (heute: Die Linke) anführte, waren ein Skandal, sondern ein Aufsatz des Dramatikers Botho Strauß („Anschwellender Bocksgesang“), der globale Kulturkämpfe aufziehen sah und die Hohlheit der Institutionen der Bundesrepublik anprangerte. Er registrierte hellsichtig das Fehlen eines geordneten Nationalbewusstseins und auch einen fehlenden Sinn für Metaphysik. Das zeigte sich sehr gut beim Besuch von Johannes Paul II. im Jahr 1996. Als der Papst aus Polen mit dem Bundeskanzler durch das Brandenburger Tor schritt, gab es in Berlin Proteste. Dankbarkeit spürte man weiterhin nur gegenüber Michal Gorbatschow, der die Vereinigung ermöglicht hatte. Für die Vorarbeit dieses Papstes und seiner Verbündeten von „Solidarnosc“, die mit dem Streik von 1980 den Kommunismus herausgefordert hatten, fehlte der Mehrheit der Deutschen der Sinn. Was sich auch an den Polen-Witzen zeigte, die 1990er Jahre in Mode waren.

Erst als ein 1999 aufgedeckter Spendenskandal die CDU und insbesondere das Image von Helmut Kohl, den „Kanzler der Einheit“, erschütterte, fingen die Deutschen zu begreifen an, dass vielleicht nicht nur Kohl, sondern noch andere „Mächte und Gewalten“ das Wunder der Einheit ermöglicht hatten. Doch wer glaubte zu diesem Zeitpunkt noch an ein „Wunder“? Der Solidaritätsbeitrag hatte im Osten tatsächlich die von Kohl prognostizierten „blühenden Landschaften“ produziert, aber renovierte Städte und Straßen allein erzeugen noch keinen attraktiven Industriestandort.

Viele Ostdeutsche fanden eine fair entlohnte Arbeit im Westen. Viele Gegenden im Osten blieben trotz staatlicher Förderung brach. Viele, die dort lebten, trauerten der guten alten schlechten Zeit nach, als noch eine „Ordnung“ existierte, Vollbeschäftigung und eine klare Hierarchie, ohne Pluralismus und Multikulturalismus. Das Gespenst der Neonazis tauchte auf. Und die Medien fütterten es. Ließen es anwachsen, anstatt zu fragen, wie man die jungen, irregeleiteten Geister aufklären und demokratisch erziehen könne.

Inzwischen regierte eine Frau aus Ostdeutschland in Berlin, die Pfarrerstochter Angela Merkel. Eine Physikerin mit bewegter DDR-Biographie, die sachlich auf die aktuellen Probleme zu gucken schien. So wie ihr Vorvorvorgänger, Bundeskanzler Helmut Schmidt trat sie zunächst nicht als Anhängerin der multikulturellen Gesellschaft und einer unbegrenzten Zuwanderung auf. Ihr Stil war das Moderieren. Zwischen Ost und West, Links und Rechts, Europa und dem Rest der Welt. Das machte sie gar nicht mal schlecht, weshalb sie – so wie vorher Helmut Kohl, der 16 Jahre regierte – ständig wiedergewählt wurde. Wen die Deutschen ins Herz geschlossen haben, den lassen sie nicht mehr los. Ein demokratisches Unding, dass nur in Deutschland möglich zu sein scheint. Oder vielleicht in Russland oder Nordkorea.

Heute nach 30 Jahren Mauerfall und fast vierzehn Jahren Merkel-Kanzlerschaft ist das Land wieder gespalten. Von gesellschaftlichem Frieden ist, auch wenn Merkel, ihre Minister und der derzeitige Bundespräsident gern beschwichtigen, keine Rede mehr. Merkel Flüchtlingspolitik, die Willkommenskultur des Jahres 2015 – sage mir, was Du davon hältst und ich sage Dir, wo Du stehst. Bei den Guten oder bei den Bösen. Von Moderation und Differenzierung ist keine Rede mehr. Woran natürlich auch die sozialen Medien ihren Anteil haben. Die Schnelligkeit scheint jede Reflexion zu verunmöglichen. Nicht Argumente zählen, sondern Emotionen. Nicht Zahlen, Daten, Fakten, sondern die richtige Gesinnung. Ein typisch deutsches Problem, wie mir scheint. Denn während andere Länder den „common sense“ pflegen oder die Freiheit lieben, mag die Mehrheit der Deutschen Ideale und einen gemütlichen Konsens. Was die Mehrheitsmeinung ist, kann doch nicht falsch sein, oder?

Das Land ist gespalten und auch die Katholiken

So weit geht diese Mentalität, dass auch Katholiken untereinander zerstritten sind. Und zwar in solche, die schier alles gut finden, was die Kirche bunter, vielfältiger und progressiver macht, ergo nach links rückt, und solchen, die sich nach Ordnung und einer stärkeren Einbindung in die überlieferte Lehre der Kirche sehnen, was als rechts gilt. Für die zweite Gruppe ist auch der Lebensschutz sehr wichtig, weshalb der Lebensschutz als ein rechtes Thema abgestempelt wird. Nicht wirklich sexy. Im Unterschiede zum Umwelt- oder Klimaschutz oder dem Engagement für Flüchtlinge. Als könnte man die Menschenrechte in verschiedene politische Lager und Milieus aufgliedern.

30 Jahre nach dem Fall der Mauer wirkt dieses Deutschland so zerrissen und chaotisch wie schon lange nicht mehr. Es hat weniger mit der Bonner Republik als mit der Weimarer Republik, der instabilen Republik vor der Nazi-Machtergreifung, Ähnlichkeit. Das lässt für die Zukunft nichts Gutes ahnen. Die einen fürchten eine „Machtergreifung“ der AfD, der neu aufgekommenen Partei rechts und weit rechts von der Mitte, die anderen die „Islamisierung“; die einen machen sich für LGBT-Rechte stark und wollen auch die Sprache „gendergerecht“ verändern, die anderen wünschen sich die Sicherheit des öffentlichen Raumes zurück und eine deutsche „Leitkultur“.

Ist die Zeit reif für eine erneute Teilung Deutschlands?

Ist – provozierend gefragt – die Zeit reif für eine erneute Teilung Deutschlands? Ist der Bau einer neuen Mauer nötig, diesmal auf Basis eines echten Volksentscheids und nicht, weil bestimmte Machthaber es wollen? Zugegeben, eine zynische, eine destruktive Idee. Doch wenn ich mich in den deutschen Medien über mein Heimat-, Vater- oder Herkunftsland informiere und mit Menschen rede, die dort leben, dann steigt dieser sarkastische Gedanke in mir auf: Wäre es nicht ein Experiment wert? Ein „linkes“ und ein „rechtes“ Deutschland? Diesmal vielleicht spiegelverkehrt zu BRD und DDR?

Mir kann das nicht egal sein, auch wenn ich mich 2007 nach Polen abgesetzt habe. Manche sagen, es war der Heilige Geist, der mich in die Freiheit und das Land der europäischen Zukunft geführt hat, andere sind erstaunt, wie man freiwillig in einer „PiS-Diktatur“ leben kann. Fest steht: Mit Deutschtümelei kann ich bis heute nichts anfangen, aber wenn ich sehe, wie in meiner Geburtsstadt (Duisburg) die überlieferte Kultur immer stärker an den Rand gedrückt wird, tut es mir doch weh. Wie kann man Europäer oder gar Weltbürger sein, ohne in seiner lokalen Herkunft verankert zu sein?

Über solche Fragen werde ich wohl am 9. November 2019 nachsinnen und mich erinnern an meine persönliche Mauerbesteigung vor 30 Jahren. Ich trug übrigens einen hellen Mantel und hatte volles dunkles Haar. Nur für den Fall, dass Sie mich zufällig entdecken. Vielleicht bin ich ja doch auf einem Foto verewigt worden.