Wo sich die Geister scheiden

Mit „kolonialem Blick“ geht die Diskussion um das Humboldt Forum im Berliner Schloss weiter. Von Ingo Langner

Land unter in Berlin? Politiker, Professoren und Journalisten kritisieren das Museumskonzept für das Humboldt-Forum im Berliner Stadtschloss. Es verharre im kolonialen Blick auf seine Objekte. Der Leiter der Stiftung Preußischer Kulturbesitz widerspricht.“ So kündigt „Cicero“, das Magazin für politische Kultur im aktuellen Septemberheft eine Replik von Hermann Parzinger an. Parzinger schreibt dort auch in seiner Eigenschaft als einer der drei Gründungsintendanten des Humboldt Forums. Die beiden anderen Herren sind Horst Bredekamp und Neil MacGregor. Doch bevor wir uns Parzingers Sicht der Dinge widmen, muss rekapituliert werden, wie es zum Wiederaufbau des Berliner Schlosses mit dem eingepflanzten Museumsprojekt überhaupt kommen konnte.

Die Baugeschichte des Schlosses beginnt 1442 und endet 1854. In diesen 412 Jahren erhält das Residenzschloss der Hohenzollern seine finale Gestalt. Im Zweiten Weltkrieg wird es schwer getroffen und brennt nahezu vollständig aus. Verloren war das Schloss gleichwohl nicht. Schloss Charlottenburg oder die Neue Wache, die kriegsbedingt auch ruinös waren, sind gute Beispiele dafür. Der Wiederaufbau wird allerdings von den im Ostteil Berlins regierenden deutschen Kommunisten abgelehnt. 1950 macht die Sozialistische Einheitspartei tabula rasa. Die enorme Freifläche wird Marx-Engels-Platz genannt und in den darauffolgenden Jahren Schauplatz zahlreicher Großdemonstrationen zum Ruhme der Partei.

Warum das Schloss nicht bewohnbar machen?

Das bleibt so, bis Walter Ulbricht 1971 unfreiwillig seinen Parteichefsessel für Erich Honecker räumt. Honecker lässt auf einem Teil des Platzes ein Mehrzweckgebäude mit Kultureinrichtungen und Volkskammer bauen, das unter dem pompösen Namen Palast der Republik am 23. April 1976 eröffnet wird. Als am 3. Oktober 1990 die DDR Geschichte geworden ist, steht die Frage im Raum, was aus dem Palast werden soll. In dieser Situation bilden sich zwei Fraktionen. Für den Erhalt plädieren Menschen, deren Herz immer noch links schlägt. Für Abriss und Wiederaufbau des Schlosses in seiner historischen Gestalt ist das konservative Lager. Das nach öffentlich ausgetragenen Fehden obsiegt. Mit diesem Sieg ist auch die Idee vom Tisch, den Palast durch zeitgenössische Architektur zu ersetzen. Am 12. Juni 2013 wird der Grundstein gelegt, am 12. Juni 2015 kann Richtfest gefeiert werden. Im Herbst 2019 soll das Schloss glanzvoll wiedereröffnet werden.

Auch nach ihrer Niederlage gibt sich die Opposition nicht geschlagen. Jetzt wird über die Frage der Nutzung die nächste Front aufgemacht. Das Schloss als Museum seiner selbst, ist auch für Konservative keine Option. Einen Moment lang scheint wieder alles verloren zu sein. Jedoch dann betritt, wie ein Deus ex machina, das Humboldt Forum die Hauptstadtbühne. Dessen komplexe Genese dürfte dereinst Stoff für mehr als nur eine Doktorarbeit hergeben. Soviel lässt sich immerhin sagen: die mit diversen „fortschrittlichen“ Attributen daherkommende Idee, das Schloss mit musealen Sammlungen, Fachbibliotheken und Veranstaltungsräumen zu füllen, auf denen respektheischend der Name der Brüder Alexander und Wilhelm Humboldt prangt, soll vor allem die Gegner der Schlossrekonstruktion mundtot machen. Heute lässt sich allerdings feststellen, dass dieses Ziel verfehlt worden ist, bislang jedenfalls.

Warum, lässt sich an einem Beispiel exemplifizieren. Wenn Katholiken sich über wen oder was auch immer in der katholischen Kirche zu lange geärgert haben, treten sie aus. Anders die Anhänger der sozialistischen Idee. Obwohl das Konzept von Russland bis Nord-Korea Abermillionen Menschenopfer gekostet hat und mehr als einmal krachend gescheitert ist, gibt es immer Menschen, die unbeirrt daran festhalten. Manche aus einer Art nostalgischem Tick heraus, andere weil sie jung und darum naturgemäß utopieanfällig sind. Wäre es anders, so gäbe es heute weder „Die Linke“ noch einen „Schwarzen Block“. Um es mit Joseph de Maistre zu sagen: „Wer die Freiheit und das Tugendideal der Gleichheit über alles stellt, muss demnach mit Notwendigkeit alles bekämpfen, was der Verwirklichung dieser Utopie widerspricht. Wer die Freiheit zum obersten Gesetz der politischen Ordnung erklärt, muss alle Traditionen und sozialen Gefüge, die den Einzelnen tragen und prägen, unweigerlich infrage stellen.“

Auf das Humboldt Forum bezogen heißt das: alles, womit man den Schöpfern dieses Projekts das Leben schwer machen kann, kommt den Schlossgegnern gerade recht. Der heftige Protest gegen das Kreuz auf der Schlosskuppel in diesem Frühjahr ist ein Beispiel dafür. Doch gewichtig ist auch das Problem mit den ethnologischen Artefakten.

Die nämlich beherbergt das aus der königlichen Kunstkammer hervorgegangene und 1873 gegründete Berliner Ethnologische Museum, in dessen Sammlungen sich nach eigenen Angaben „circa 500 000 ethnographische, archäologische und kulturhistorische Objekte aus Afrika, Asien, Amerika, Australien und der Südsee“ befinden. Noch vor dem Museumsumzug von Dahlem ins Schloss ist eine öffentlich vehement geführte Kolonialismus-Debatte entzündet worden. Ihre Themen sind: wo kommen die Artefakte ursprünglich her? Unter welchen Bedingungen sind sie außer Landes gegangen? Welches Menschenbild hatten die Ethnologen einst? Welches sollten sie heute haben? Das Zauberwort dazu heißt Provenienzforschung.

Nun könnte man einwenden, das Kolonialzeitalter sei längst passé und besonders das deutsche wäre gegenüber dem englischen und französischen zwar nicht unbedingt eine zu vernachlässigende Größe, aber in Bezug auf die Verbrechen des Nationalsozialismus von vergleichsweise geringem Gewicht. Überdies böte die derzeitige Weltlage genügend Stoff, um sich ganz andere Sorgen zu machen. Doch wer so denkt, hat seine wissenschaftspolitischen Lektionen nicht gelernt.

Denn Provenienzforschung bedeutet für eine nach Meriten dürstende nachwachsende Wissenschaftsgeneration ein weitgehend unbeackertes Feld. Ergo zukunftssichere akademische Arbeitsplätze. Entscheidend ist allerdings, dass vom Staat die finanziellen Mittel dafür bereitgestellt werden. Um solche Mittel fließen zu lassen, müssen die richtigen Argumente gefunden werden. Sicherheitshalber, denn genau das funktioniert in Deutschland besonders gut, sollten das solche sein, bei denen einschüchternde Sachkenntnis und moralische Überhöhung ein schwer zu widerlegendes Amalgam ergeben. Oder um es in den Worten des eingangs erwähnten Hermann Parzinger zu sagen: „Es muss das vordringliche Ziel sein, die in den Köpfen der Menschen vorhandenen Reste kolonialen Denkens zu bekämpfen, wenn wir künftig in einer friedfertigen Gesellschaft leben und Populisten jeglicher Couleur keine Chance geben wollen. Hier wartet eine entscheidende Aufgabe auf das Humboldt Forum: es geht um Toleranz und Respekt gegenüber Menschen anderer Herkunft, Religion, Kultur oder Hautfarbe. So kann das Humboldt Forum seiner historischen Verantwortung in ganz besonderer Weise gerecht werden.“

Parzinger weiß wie man?s macht. In seinem Statement ist auf engstem Raum alles zusammengerührt, was derzeit politisch korrekt ist. Ob es ihm und dem Humboldt Forum helfen wird, die grassierende Kritik abzuschütteln, wird sich zeigen. Auch in konservativen Kreisen ist man über die Neuauflage einer moralisch überhöhten Schulddebatte nicht unbedingt glücklich. Doch wer dort ehrlich ist, wird zugeben müssen, dass es an guten Ideen, womit die Schlosshülle gefüllt werden könnte, schon immer gemangelt hat. Erstaunlicherweise ist nie ernsthaft darüber nachgedacht worden, ins Schloss Menschen einziehen zu lassen. Frei nach dem Motto: Da wo einst der Kaiser wohnte, leben jetzt die Berliner! Hätte man das seinerzeit Walter Ulbricht vorgeschlagen, wäre das Schloss zu einem sozialistischen Prestigeobjekt geworden und schon vor einem halben Jahrhundert aus Ruinen auferstanden.