Wissenschaft zielt auf Wahrheit

Nutzenerwartungen prägen das gesellschaftliche Denken – Auch Forschung und Wissenschaft stehen immer stärker unter Rechtfertigungsdruck. Von Christoph Böhr

Die Schauspielerin Angelina Jolie beim Treffen der G8-Außenminister in London. Foto: dpa
Die Schauspielerin Angelina Jolie beim Treffen der G8-Außenminister in London. Foto: dpa

Es ist uns heute eine geläufige Vorstellung geworden, dass sich Wissenschaft über ihren Nutzen für die Gesellschaft zu rechtfertigen habe. Und deshalb stellt man sich die wissenschaftliche Forschung gerne als eine Auftragsarbeit vor, an deren Anfang die Bestimmung einer Nutzenerwartung steht, die dann möglichst bald durch neues Wissen zu befriedigen ist. Für den Fall des Gelingens winken Lob und Anerkennung, Geld und Einkommen. So kam es, dass Wissenschaft hierzulande in weiten Teilen das verloren hat, was sie doch gerade ausmacht: ihre Zweckfreiheit, die nur einem Ziel verpflichtet ist, der Wahrheit. Wenn darauf heute jemand hinweist, ruft er oft Kopfschütteln hervor. So mag es ja früher vielleicht gewesen sein, denken viele, aber heute – raunt die öffentliche Meinung – kann und darf sich doch niemand dem Rechtfertigungsdruck entziehen und auf den Nachweis des gesellschaftlichen Nutzens seiner Forschung verzichten.

Gefragt sind heute vor allem angewandte Wissenschaften

Tatsächlich versammelt sich in dieser längst zum Selbstverständnis vieler Wissenschaftler hochgepäppelten Meinung eine Erwartung der Gesellschaft, die sich als Maßstab förderungswürdiger Forschung inzwischen durchgesetzt hat. Da liegt es auf der Hand, dass bestimmte Fächer an unseren Hochschulen abgewickelt – sprich: geschlossen – werden, weil sie nutzlos erscheinen, und die Lehrverpflichtungen der Hochschullehrer in die Höhe geschraubt werden, damit deren Nutzwert steigt. Gefragt sind sogenannte applied sciences – angewandte Wissenschaften –, die Rezepturen an die Hand geben, wie der gesellschaftliche Nutzen hergestellt werden kann. Wo der nicht ersichtlich ist, gibt es auch keine Unterstützung, kein Geld und keine Stelle. Die Wissenschaft befindet sich im Teufelskreis: Wer viel Auftragsforschung betreibt – vornehmer ausgedrückt: wer viele Drittmittel einwirbt –, erhält umso mehr öffentliche Mittel, weil der Drittmittelerfolg als Erweis für die Fähigkeit zur Befriedigung von Nutzenerwartungen genommen wird. Da passt nur zu gut, dass gestandene Lehrkräfte verkünden, es sei das wichtigste Ausbildungsziel der Hochschule, jungen Menschen beizubringen, wie sie sich gut verkaufen können. Fremd- und Eigennutz gehen dann nämlich Hand in Hand. Wirtschaft und Wissenschaft brauchen einander wie Koch und Kellner. Kann man sich mehr wünschen? Ja, man kann. Denn: Was ist gesellschaftlicher Nutzen? Wie kann man ihn überhaupt bestimmen?

Die Schwierigkeit allen Denkens, das am erwarteten Nutzen seinen Maßstab findet, liegt darin, dass es unmöglich ist, zu sagen, worin denn Nutzen besteht. Schon der Volksmund sagt: Alles hat zwei Seiten – und des einen Uhl ist des anderen Nachtigall. Zweifellos kann es von Nutzen sein, dass wir unser Genom entschlüsselt haben und – infolge dieses Wissens – erfahren können, welche gesundheitlichen Fährnisse unser Erbgut beinhaltet. Die Frage aber ist: Wie bestimmen wir diesen Nutzen – aus der Sicht von Versicherungen und Arbeitgeber beispielsweise? Angelina Jolie hat die Frage nach dem Nutzen auf ihre Weise beantwortet: Sie hat das Wissen über ihre genetischen Risiken genutzt, um einer möglichen Brustkrebserkrankung durch eine vorsorgliche Amputation zuvorzukommen. Wer in diesem Sinne seine Nutzenerwartung bestimmt, muss seinen Körper als eine lebenslange Baustelle betrachten, an der gezimmert, gehämmert und nachgebessert wird – unter dem ständigen Druck der Anstrengung, künftig drohenden gesundheitlichen Gefahren zwei Schritte vorauszueilen und im Fall des Falles durch die Chirurgie der Sorge um die Gesundheit zu entkommen – bis die nächste Sorge auf dem Fuße folgt. Ob Nutzen, wenn man ihn so versteht, das eigene Lebensglück mehrt? Nun ist es gar nicht die Frage nach dem Glück, um die es hier gehen soll. Da hat jeder Mensch so seine eigenen Vorstellungen. An einen ganz anderen Zusammenhang soll erinnert werden: Wenn wir den Schleier des Nichtwissens lüften, was wird uns dann offenbar? Ein Wissen? Mitnichten. Offenbar werden uns Vermutungen, über deren Wahrscheinlichkeit wir wiederum auch nur Vermutungen anstellen können, selbst wenn wir ihnen statistisch-prozentualen Ausdruck verleihen, um so den Anschein zu erwecken, berechnen zu können, was tatsächlich nicht berechenbar ist. Und damit steht erneut auf dem Prüfstand, was wir denn meinen, wenn der Wert des Wissens nach seinem Nutzen bestimmt wird. Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Peter Strohschneider, hat daran erinnert, um was es der Wissenschaft geht: „Im Wissenschaftssystem“, sagt Strohschneider, „müssen die Strukturen so gebaut sein, dass der produktive Irrtum kein Fehler ist, dass es nicht nur die Beschleunigung von Erkenntnissuche gibt, sondern auch Momente der Muße und Versenkung.“ Eindringlicher könnte man den Unterschied zur Alltagswirklichkeit heute kaum beschreiben.

Um nicht missverstanden zu werden: Hier soll nicht gegen Auftrags- und Drittmittelforschung angebellt werden. Die macht Sinn, und Hochschulen sollen getrost auch der Wirtschaft zuliefern. Aber das ist nicht Wissenschaft. Nur weil gegen gutes Geld Forschung nach wissenschaftlich erprobten Verfahren durchgeführt wird, entsteht noch keine Wissenschaft. Die nämlich zielt auf Wahrheit. Wissenschaft versteht sich als Suche nach der Wahrheit der Dinge – und deshalb beugt sie sich ständig auf ihr eigenes Tun zurück. Denn sie weiß um die Vorläufigkeit ihrer Ergebnisse. Dem Rechtfertigungsdruck, dem Wissenschaft unterliegt, ist nicht durch Hinweise auf ihren Nutzen zu begegnen, sondern allein durch das Nachdenken über die Wahrheit. Wissenschaft braucht einen Begriff von Wahrheit, sie rechtfertigt sich um der Wahrheit willen. Gerät diese aus dem Blick, gibt sie sich auf. Wissenschaft, die sich als Wahrheitssuche versteht, ist nicht planbar und nicht steuerbar. Sie stolpert von Vermutung zu Vermutung, von Irrtum zu Irrtum, von Antwort zu Frage.

Damit aber kann sie gerade jene Nutzenerwartung nicht erfüllen, die aus dem menschlichen Bedürfnis nach Sicherheit wächst. Wer nach Sicherheit strebt, will schwarz auf weiß nach Hause tragen, worauf er glauben, sich verlassen zu können. Dabei wird vergessen, dass es eine Art Hoffnung ist, auf den hin Menschen sich in Sicherheit wähnen. Auf diese Hoffnung hin kann man sich zur Amputation eines Körperteils entschließen. Aber man muss dann wissen, dass es anschließend tatsächlich keinen Deut mehr an Sicherheit gibt. Der Beweggrund des Entschlusses – das Bangen um die Fährnisse des Lebens – lässt sich durch Wissenschaft nicht aus der Welt schaffen. Warum das so ist und wie wir damit umgehen können: darüber nachzudenken ist Aufgabe unserer Vernunft.

Weil die Wissensbestände des Vielwissenden sich von denen des Nichtswissenden nur um Nuancen unterscheiden, ist es ihm versagt, andere zu bevormunden – und so zu tun, als könne er berufener sagen, was zum Nutzen seiner Mitmenschen sei. Wenn unsere Gesellschaft sich heute als Wissensgesellschaft versteht, dann ist es doppelt wichtig, sich klar zu machen, was gemeint ist, wenn von Wissen und Wissenschaft die Rede ist. Ansonsten ist die Gefahr groß, dass bloße Vermutungen für bares Wissen genommen werden. Dann kippt die Wissensgesellschaft in eine Bevormundungsgesellschaft.