Wird die Gleichheit uns frei machen?

Ein Blick in die Gedankenwelt der neuen Linken in Frankreich. Von Urs Buhlmann

"Gelbwesten"-Proteste in Frankreich
Zerstörung auf den Champs-Élysées: Die französische Linke leidet an einem Mangel positiver Visionen. Foto: dpa
"Gelbwesten"-Proteste in Frankreich
Zerstörung auf den Champs-Élysées: Die französische Linke leidet an einem Mangel positiver Visionen. Foto: dpa

Ein Trio zieht durch Frankreich, es ist auf Konfrontation aus. Nicht mit roher Gewalt wie die Gelbwesten wollen Didier Eribon, Édouard Louis und Geoffroy de Lagasnerie das Land aufmischen, sondern mit politischen Thesen und Handlungsaufrufen. Aber es läuft doch in beiden Fällen auf einen Umsturz der bestehenden Ordnung hinaus, der als dringend notwendig angesehen wird. Was aber dann kommen soll, ist nicht so klar. Weder bei den Demonstranten der Gilets Jaunes noch bei den drei Aktivisten.

Der Journalist und Soziologie-Professor Eribon und der Schriftsteller haben gemein, dass sie echte Arbeiter-Kinder aus der Provinz sind. Diese Herkunft haben sie gründlich zurückgelassen – auch wenn sie ständig davon reden – und die Metamorphose zu Pariser Intellektuellen absolviert. Der Dritte im Bunde kann über seine Mutter eine altadlige Abkunft aufweisen, während der Vater gutbürgerlichen Verhältnissen entstammt. In Frankreich kann ein Adelstitel schon einmal täuschen. Auch de Lagasnerie ist Soziologe und Professor, ein kurzer Band gibt Aufschluss über sein Denken und markiert schon im Titel die Ausgangsthese: „Denken in einer schlechten Welt“. Dass Intellektuelle mit dem bestehenden politischen und wirtschaftlichen System nicht einverstanden sind, ist nichts Neues. Aber es fällt doch auf, wie gründlich uneinverstanden der 1981 Geborene, der dem „System“ immerhin einen mit 32 Jahren errungenen Lehrstuhl verdankt, mit der französischen Gegenwartsgesellschaft ist. Das Mantra des Buches, viele Male wiederholt, ist: „Die Welt ist ungerecht, sie ist schlecht, sie ist durchzogen von Systemen der Herrschaft, der Ausbeutung, der Macht und Gewalt, die es aufzuhalten, infrage zu stellen und zu überwinden gilt.“

Nun sind Intellektuelle mit nichts lieber beschäftigt als mit der eigenen Standortsuche, dem angestrengten Nachdenken über die eigene Rolle. Das beginnt mit der Frage: „Wozu ist das, was ich tue, gut? Warum schreiben? Warum publizieren?... Und vor allem: Wie lässt sich das Verfassen theoretischer Literatur mit oppositioneller Praxis in Einklang bringen?“ Zwar kennt de Lagasnerie keine „ontologische Verantwortung“ des Denkers gegenüber dem, was in der Welt geschieht, hält aber daran fest, dass, wer forscht oder publiziert, also Ideen oder Diskurse hervorbringt, sich de facto zum Engagement entschieden hat. Von daher habe alles, was der Intellektuelle in die Welt setzt, eine politische Dimension. Alles ist politisch, wie der Autor unter ausdrücklichem Rückgriff auf Adorno und Horkheimer festhält. „Weil wir in einer ungerechten, kritikwürdigen Welt leben, gibt es keine Neutralität.“ Ein Forscher, der meint, sich rein mit dem Bereich des Theoretischen begnügen zu können, „gibt folglich die Möglichkeit preis, ein ethisches Leben zu führen“. Wenn der Gelehrte und sein Tun in den „gesellschaftlichen Apparat“ eingespannt sind, ist es wahrscheinlich, dass er damit der Selbsterhaltung des Bestehenden dient. Nun kommt auch Marx wieder zu Ehren, der die Trennung von Wissenschaft und Politik immer kritisiert habe. Der Autor fordert also die Propagierung von „dysfunktionalen“ Praktiken – zur Bekämpfung und Infragestellung der Systeme – weil „funktionale“ Praktiken der Reflexion und des Wissenstransfers nur zur „Aufrechterhaltung oder Verstärkung der Machtsysteme“ beitragen. Immer weiter verstrickt sich Lagasnerie in seine Argumentation und macht sich die These seines Gesinnungsgenossen Louis zu eigen, jede Art von Literatur, die wissenschaftliche wie die schöngeistige, sei einem „Kosten-Nutzen-Kalkül“ zu unterwerfen. Daraus folgert er: „Es gibt keinen unbedingten Wert von Kunst und Literatur. Ihr Wert hängt davon ab, dass sie sich in einem politischen Horizont bewegen und an einem emanzipatorischen Unternehmen teilhaben.“ Keine Gnade also für „l'art pour l'art“ und für alle gesellschaftspolitisch-rückständigen Geistes-Hervorbringungen! Doch stellt sich noch die Frage nach dem Maßstab, an dem sich alles misst. Hier führt der Autor den Schriftsteller Pierre Bergounioux an, für den Literatur nur dann eine Bedeutung habe, wenn sie sich mit einem egalitären Projekt verbinde („Ich beziehe alles auf die Gleichheit“). „Reine“ Literatur, die sich nicht mit den „abscheuerregenden Ungleichheiten“ beschäftige, sei überflüssig und habe zu verschwinden. Das gilt mutatis mutandis auch für die Wissenschaften; selbstgenügsame Forschung, die nichts an der Welt ändere, brauche man nicht.

Streng geht es also zu in der schönen neuen Welt der französischen Linken, mit calvinistisch anmutendem Eifer wird Empörung und Engagement angemahnt. Als Urvater der neuen Linken im Nachbarland kann wohl Stéphane Hessel angesehen werden, der in Berlin geborene Diplomat und Schreiber, der 2010 „Indignez-vous!“ (Empört Euch!) veröffentlichte, Bibel und Blaupause für diverse progressive Anliegen und zugleich Manifest einer neuen und totalen Gleichheit. Fast können einem die französischen Nachbarn leid tun, die mehr als zwei Jahrhunderte nach ihrer glorreichen Revolution damit zurecht kommen müssen, dass die „Égalité“ sich noch nicht eingestellt hat. Überflüssig zu sagen, dass Religion im Kosmos dieses Denkens nicht notwendig ist, vielmehr auf der feindlichen Seite verortet wird. Für den Autor hat Religion lediglich eine vernebelnde Wirkung: „Die Beherrschten können ihr Leiden in einer unpolitischen Weise ausagieren, und eben dadurch kann die herrschende Ordnung fortbestehen.“ Wohl wäre es interessant, de Lagasnerie einmal mit dem Anspruch Christi zu konfrontieren: „Ich habe die Welt überwunden.“ So weit scheint das gar nicht weg zu sein von dem, was er sich vorstellt. Doch läuft es auf ein gänzlich anderes Ziel hinaus. Der Essay von Geoffroy de Lagasnerie liefert jedenfalls Erklärungen für das hermetische Denken der neuen Linken in Frankreich, für ihre Weltverneinung und den eklatanten Mangel einer positiven Vision, und lässt nur noch die Frage offen, ob die auf den Champs-Élysées operierenden Gelbwesten so etwas wie der praktische Ausdruck „dysfunktionalen Denkens“ sind.

Geoffroy de Lagasnerie: Denken in einer schlechten Welt. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2018, 117 Seiten, ISBN 978-3-95757-2, EUR 15,–