„Wir wollen kein europäisches Saudi-Arabien“

Nicolaus Fest war Vize-Chefredakteur der „Bild am Sonntag“. Der Sohn des Publizisten Joachim Fest („Hitler“, „Der Untergang“, „Ich nicht“) kandidiert in diesem Jahr als AfD-Bundestagskandidat. Er fürchtet eine Islamisierung und die Erosion der Meinungsfreiheit. Von Katrin Krips-Schmidt

„Moscheen schließen“: Nicolaus Fest betont aus Sorge vor einem neuen Totalitarismus die Grenzen der Religionsfreiheit. Foto: dpa
„Moscheen schließen“: Nicolaus Fest betont aus Sorge vor einem neuen Totalitarismus die Grenzen der Religionsfreiheit. Foto: dpa
Herr Fest, Sie sind Direktkandidat der „Alternative für Deutschland“ für die Bundestagswahl im Herbst 2017. Meinen Sie, dass Ihr Vater Joachim Fest damit einverstanden gewesen wäre?

Durchaus. Mein Vater war ein strikter Gegner jeden totalitären Denkens, und er würde die Islamisierung, aber auch die Erosion von Meinungs- und politischer Freiheit ähnlich skeptisch sehen wie ich.

Aber gleichzeitig wollen Sie die Religionsfreiheit von Millionen Muslimen beschneiden. Im Oktober 2016 meldeten viele Zeitungen: „Fest will sämtliche Moscheen in Deutschland schließen“. Sind nicht Sie es, der Freiheiten beschneiden will?

Totalitäre Ideologien wie der Islam, der zentralen Wertungen des Grundgesetzes wie Gleichberechtigung oder Meinungsfreiheit feindlich gegenübersteht, können sich nicht auf die Religionsfreiheit berufen. Wo der Islam herrscht, ist Demokratie so unbekannt wie Frauenrechte, Glaubens-, Presse- oder Meinungsfreiheit. Deshalb sollte man seine Ausübung verhindern, und das heißt: Moscheen schließen. Wir stellen auch nicht Neonazis das Nürnberger Reichsparteitagsgelände für Aufmärsche zur Verfügung. Im Übrigen will nun auch die CDU salafistische Moscheen schließen, ebenso der SPD-Spitzenkandidat Schulz. Da die meisten Moscheen von Saudi-Arabien, Katar und der Türkei finanziert werden, sind das fast alle. Von meiner Forderung ist das nicht weit entfernt.

Aber die riesige Mehrheit der Muslime ist doch friedlich.

Wer nichts tut, ist nicht notwendig ,friedlich‘ im verfassungspolitischen Sinn, also ein Verteidiger des Grundgesetzes. Viele Deutsch-Türken sind nie aufgefallen, doch bei den letzten Referenden zeigten sie deutlich, dass sie unsere Werte offen ablehnen. Auch Parallelgesellschaften sind kein Zeichen von Friedlichkeit, sondern von einem latenten Kampf um eine alternative gesellschaftliche Ordnung. Werden solche Konflikte gewalttätig, spricht man vom Bürgerkrieg. Wer den und den Zusammenbruch des Sozialstaats will, sollte die Altparteien wählen – oder nach Alternativen Ausschau halten.

Aber kann ein Katholik die in Ihrer Partei finden? Immerhin hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Marx, kürzlich gesagt: „Wir distanzieren uns klar vom populistischen Vorgehen und vielen inhaltlichen Haltungen der Partei.“

Von welchen AfD-Positionen sich Herr Marx distanziert, hat er nie gesagt – vermutlich von unserem Widerstand gegen den Islam. Dabei müsste er schon aufgrund der beispiellosen Christenverfolgung in allen islamischen Ländern auf unserer Seite stehen. Doch diese Massenverbrechen werden von den Kirchen kleingeredet. So meinte Bischof Dröge, man solle die tausenden Morde an Christen nicht dramatisieren. Schöne Hirten sind das. Doch ist der Islam nicht nur eine anti-christliche Ideologie; er ist auch eine anti-demokratische, anti-humane, anti-freiheitliche, anti-barmherzige. Auch deshalb steht die AfD klar gegen jede Islamisierung. Wir wollen hier kein europäisches Saudi-Arabien mit öffentlichen Hinrichtungen, Ein-Parteien-Systemen, gelenkten Medien und Frauendiskriminierung.

Aber können Sie nicht verstehen, dass Christen Ihrer Partei kritisch gegenüberstehen? Immerhin hat Bundesvorstandsmitglied Armin Paul Hampel kürzlich zum Kirchenaustritt aufgerufen.

Der Aufruf meines Kollegen Hampel war eine Reaktion auf den skandalösen Slogan „Unser Kreuz hat keine Haken“, mit dem die beiden Kirchen den AfD-Parteitag in Köln kommentierten. Gerade angesichts der rheinischen Kirchengeschichte im 3. Reich ist das eine Ungeheuerlichkeit, mit Blick auf die AfD eine Denunziation. Im Übrigen, das zeigten die Herren Bedford-Strohm und Marx auf dem Tempelberg, haben die deutschen Kirchen momentan eher gar kein Kreuz – weil sie es verraten haben, und Jesus gleich mit. Grund zur Skepsis sollten Christen daher hinsichtlich ihres Führungspersonals haben und auch gegenüber dessen Wertungen. Die Verschiebung der kirchlichen Arbeit weg von Pastoral und Glaubensfragen zur zeitgeistlichen Politisierung treibt seit Jahren die Gläubigen aus der Kirche, auch ohne Herrn Hampel. Heute wirken die Kirchen oft wie politische Parteien mit besonderen Versammlungsräumen. Das sollte weder ihr Ziel noch ihre Aufgabe sein.

Aber warum sollte ein Katholik sein Kreuz bei der AfD machen?

Zum Beispiel, weil wir die einzige Partei sind, die das Recht auf Leben verteidigt, Abtreibungen verhindern will und das Familienmodell der Bibel vertritt. Meines Wissens ist in der Bibel relativ wenig zu Trans-, Cis- und anderen Idiotien der Genderei zu finden, und auch nichts zum Adoptionsrecht von Homosexuellen. Doch gehört es zu den Merkwürdigkeiten dieser Zeit, dass hohe Kirchenfunktionäre wie selbstverständlich Familienmodelle propagieren, die keinerlei Grundlage in der Bibel finden. Wir hingegen halten am traditionellen Familienbild fest. Es gibt keine Gesellschaft, die nicht auf Vater, Mutter, Kinder gegründet wurde. Zudem sagen neurologische wie psychologische Studien, dass diese Form der Familie für die emotional-geistige Entwicklung von Kindern das Beste ist.

Das scheint Ihre Spitzenkandidatin Alice Weidel nicht zu überzeugen. Sie zieht in lesbischer Lebensgemeinschaft Kinder groß.

Dass es daneben auch andere Familienmodelle geben kann, ist richtig. Aber ob man sie staatlich fördern sollte, ist eine völlig andere Frage. Da sagen wir eher Nein.

Natürlich können Ehen und Familien scheitern. Dann muss man etwas für Alleinerziehende machen – ob das nun Mütter oder Väter sind. Aber es kann nicht Ziel eines Staates sein, Alleinerziehende zu produzieren, vor allem nicht mit Blick auf die Kinder. Für Kinder ist es immer das allergrößte Drama, wenn sich Eltern trennen. Warum also behaupten, Alleinerziehen sei das Ideal? Für die Kinder ist es das offensichtlich nicht. Wer eine am Kindeswohl orientierte Politik machen will, muss versuchen, Ehen zu retten. Denn eine gerettete Ehe ist besser als zehn Kitaplätze für unglückliche Kinder von Alleinerziehenden. Das ist die Position der AfD. Warum die nicht christlich sein soll, weiß ich nicht.

Allerdings gibt es unter Christen kontroverse Diskussionen, ob Ihre Flüchtlingspolitik als christlich zu bezeichnen ist. Wie sollen Forderungen nach Grenzschließung für Flüchtlinge mit der Forderung Jesu nach christlicher Nächstenliebe zusammenpassen?

Auch die christliche Nächstenliebe hat ihre Grenze, wenn sie überfordert. Und die Masseneinwanderung überfordert schon jetzt den Sozialstaat. Das ist politischer Wahnwitz. Wie die Deutschen reagieren, wenn der Sozialstaat zerbricht, wenn sie trotz jahrelanger Zahlungen keine Krankenversorgung bekommen, keine Pflege, keine Rente, möchte ich nicht erleben. Dann werden, wie in Weimar, wirklich radikale Parteien auf den Plan treten. Im Übrigen will die AfD nicht nur die christliche, sondern die abendländische Kultur bewahren. Dazu gehört das Christentum, aber auch Freiheits- und Menschenrechte, Demokratie, freie Wissenschaft, Schutz des Individuums. All das ist in anderen Kulturen weitgehend unbekannt. Die Masseneinwanderung bedroht all dies. Kaum einer derjenigen, die aus Nahost oder Afrika zu uns kamen, wird seinen Kindern „Stille Nacht, Heilige Nacht“ vorsingen. Keiner wird ihnen sagen, wer Goethe ist, wer Shakespeare, wer Mozart oder Platon, wer Jesus oder Luther. All diese Leute kommen aus Gesellschaften, in denen die Sippe herrscht; mit unserem Menschenbild, das den Einzelnen in den Mittelpunkt stellt und schützt, kann kaum einer dieser Leute etwas anfangen. Was hier droht, ist ein Kulturabbruch – und das ist eine fundamentale Gefahr. Nach den Verwüstungen durch Nazis und Kommunisten konnte man immer auf das europäische Erbe zurückgreifen, auf seine Denker, Staatsformen, moralischen Konzepte; wenn der Koran hier herrscht, ist kein Rückgriff mehr möglich. Dann ist Europa tatsächlich am Ende, und auch seine Kirchen. Aus und vorbei.

Wie will die AfD die Flüchtlingskrise dann lösen?

Wir können sie nicht lösen, weil das niemand kann. Es ist eine Anmaßung von Frau Merkel, das zu behaupten. 600–800 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, und Frau Merkel, die nicht einmal dieses Land gegen Terroristen schützen und Sozialbetrüger mit 21 Identitäten verhindern kann, will mal eben die Fluchtursachen in Afrika, dem Nahen Osten und Afghanistan beheben. Das ist dummes Zeug. Richtig wäre es, denen zu helfen, die wirklich verfolgt werden – und die ins Land zu holen, die wir brauchen. Dafür brauchen wir ein klares Einwanderungsrecht, beispielsweise nach kanadischem Vorbild. Das will die AfD.

Die AfD beklagt sich, dass über Sie nicht angemessen berichtet wird. Zugleich taucht die AfD häufig in den Medien auf. Was kritisieren Sie daran genau?

Dass falsch berichtet wird. Selbst der ZEIT-Kolumnist Harald Martenstein schrieb mit Blick auf die vielen Unwahrheiten, die über die AfD und ihr Programm verbreitet werden, er erwarte von Kollegen ein Mindestmaß an Recherche, Wahrhaftigkeit und den gelegentlichen Gebrauch von Intelligenz. An allem fehlt es häufig.

Liefern Sie oder einzelne Mitglieder und Konflikte nicht geradezu Steilvorlagen für eine „schlechte Presse“?

Eher nicht. Das Frau Petry unterstellte Zitat vom „Schießbefehl“ war eine klare Entstellung, ebenso die Herrn Gauland untergeschobene Bemerkung über den Nationalspieler Boateng. Und Konflikte gibt es in jeder Partei. Aber bei der AfD sind sie Anlass zu ausschließlich negativer Berichterstattung, obwohl 12-minütiger Jubel oder 100-prozentige Zustimmung in demokratischen Parteien viel eher kritikwürdig sind.

Was kann die AfD dazu beitragen, dass sich der Umgang der Medien mit ihr verändert?

Wer verleumden will, will verleumden. Nehmen Sie Volker Zastrow von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Er schrieb, die AfD sei eine völkische Partei, hat dies aber mit keinem Wort begründet. Das war eine klare Denunziation – die von vielen anderen Blättern gierig aufgegriffen wurde. Völkisch ist nicht die AfD, sondern häufig ihr Beobachter.

Wie informiert die AfD dann die Öffentlichkeit?

Über die sozialen Netzwerke. Aber das ist kein Ausgleich. Denn über sie erreichen wir viele ältere Wähler nicht, bei denen unser Programm gute Chancen hätte. Weil sie das wissen, berichten die etablierten Medien so gut wie nie über unser Programm. Lieber schweigt man uns tot. Dass Justizminister Maas nun versucht, die sozialen Netzwerke unter Kuratel zu stellen, ist der Versuch, der AfD auch diese Möglichkeit zu nehmen.

Sie waren früher aber selber Teil des Establishments. Nach Jurastudium und Promotion arbeiteten Sie zunächst beim Auktionshaus Sotheby's, dann beim Verlagshaus Gruner + Jahr, später in der BILD-Chefredaktion und bis Herbst 2014 als stv. Chefredakteur der Bild am Sonntag. Hatte der Eintritt in die AfD Konsequenzen für Ihr Privatleben?

Ich war und bin kein Mitglied des Establishments. ,Establishment‘ bezeichnet längst keine soziale Klasse mehr, sondern eine moralische, nämlich die der Verkommenheit – also Leute, die auf Kosten der Gemeinschaft rücksichtslos ihre eigenen Interessen durchsetzen, sowie ihre Claqueure und Herolde. Konkret: Viele Banker und Manager, für deren Fehlentscheidungen der Steuerzahler aufkommen musste; dann die EU-Nomenklatura mit ihrer skandalösen Selbstversorgung, sowie die Vertreter parasitärer Wirtschaftszweige wie Windenergie und Sozialdienste; schließlich die meisten Journalisten. Und es gehören auch alle diejenigen dazu, die Politik vor allem dazu nutzen, um höchstdotierte Jobs zu ergattern – bei der Bahn, bei Mercedes, VW, den Energieunternehmen und Lobbyverbänden. Da gibt es viele Beispiele. Ob auch Kirchenvertreter dazugehören, muss jeder selbst entscheiden.

Zu den sozialen Konsequenzen meines Parteieintritts: Ich hatte zuvor eine Liste gemacht, wer meiner Freunde wohl wie reagieren würde. Von „Kontakt abbrechen“, „abtauchen“, „desinteressiert“ bis „Zustimmung“. Das ist keine angenehme Prüfung, weil man sieht, wie wenig man gerade in fundamentalen Fragen auf Freunde bauen kann. Zwei haben besser reagiert als gedacht; ansonsten stimmte meine eher pessimistische Einschätzung.