Wir sind keine Roboter

In vielen Feuilletons wird mit großer Euphorie das Ende der Menschheit beschrieben: Jetzt kommen die Roboter. Doch entgegen aller technischen Hybris wird die Abschaffung des Menschen dank Gott nicht gelingen. Von Burkhardt Gorissen

Die Band „Kraftwerk“ frönt seit langem dem Roboter-Kult. Musikalisch ist das durchaus akzeptabel, für die Umsetzung in die Realität allerdings nicht empfehlenswert. Foto: dpa
Die Band „Kraftwerk“ frönt seit langem dem Roboter-Kult. Musikalisch ist das durchaus akzeptabel, für die Umsetzung in d... Foto: dpa

Es klang, als wenn Eisen mit dem Drall eines Gummiballs durch einen schalldichten Kanal katapultiert wird und zu einer flirrenden Schallwelle mutiert. Der treibende Synthesizerbeat setzte ein, neongrünes Licht strahlte auf. Hinter vier Pulten standen vier in Neoprenanzügen gekleidete Männer. Regungslose, entmenschte Figuren. So begann am 11. April 2012 im New Yorker Museum of Modern Art das exklusive Konzert der Düsseldorfer Elektropop-Pioniere Kraftwerk. Eine Stimme ertönte aus allen Ecken des Raumes. Ihr Klang wurde durch einen Vocoder verfremdet und über Tasten polyphon modifiziert, sodass sie wie ein künstlicher Chor tönte: „We are the robots“ (Wir sind die Roboter), ein Hit aus dem 1978 erschienenen Studioalbum „The Man-Machine“, die Menschen-Maschine. Zwei Titel, die heute in weiten Teilen der digitalen Forschung und Wissenschaft Programm sind, wenn die Ausdrücke selbst auch keine Erfindung der Gegenwart sind. Der Ausdruck Roboter ist abgeleitet vom tschechischen Wort „robota“, was soviel bedeutet wie Fronarbeit. Der tschechische Schriftsteller Josef Èapek (1890–1938) gilt als Urheber des Begriffs im Kontext der technologischen Entwicklung.

Bereits 1748 schrieb der französische Aufklärer Julien Offray de La Mettrie in seinem bekanntesten Werk „L' Homme Machine“ über die Menschen-Maschine die kühnen Worte: „Ziehen wir also den kühnen Schluss, dass der Mensch eine Maschine ist und dass es im ganzen Universum nur eine Substanz gibt.“ Eine Substanz, aus der man angeblich bauen und konstruieren kann, was man will und was einem nützlich erscheint. Eine materialistische Haltung, die als blinder Fortschrittsglaube die nachfolgenden Jahrhunderte überlebt hat. Gut überlebt hat. Denn mittlerweile, im Zeitalter der Postmoderne, scheint es zu dieser Haltung kaum noch eine Alternativen zu geben.

Die Devise des alten Humanismus, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei, scheint obsolet geworden zu sein. Oder man interpretiert den Homo-Mensura-Satz in einem völlig neuen Sinne: Nicht um Maßhalten im herkömmlichen Sinne geht es mehr, also um das, was dem Menschen dienlich ist – stattdessen legt man nun das menschliche Maß an bei der Konstruktion von Maschinen, kopiert es, schafft den Menschen aus Fleisch und Blut dabei aber ab. Reduziert und ersetzt ihn. Wodurch Schimären an seine Stelle treten, keine mythologischen Mischwesen wie die geflügelte Sphinx, eher Maschinenmenschen wie Darth Vader, einer der Protagonisten aus der „Star Wars“-Science Fiction-Serie. Willkommen im Kino, willkommen im Maschinenpark.

Dabei muss man zugeben: Die Versuche, die menschliche Arbeits- und Leistungsfähigkeit durch Mechanik zu ersetzen, sind alt. Bereits in der Antike erfanden die Griechen einfache Automaten, die ohne direkte Einwirkung mechanische Tätigkeiten ausführen konnten. Jahrhunderte später, zur Hochzeit der Aufklärung, konstruierte Wolfgang von Kempelen den „Schachtürken“, eine mechanische Figur in türkischem Kostüm, die angeblich selbstständig Schach spielen konnte. Doch die Figur war manipuliert, statt dem Innenleben eines Roboters verbarg sich ein erfahrener Schachspieler im Inneren der Maschine.

Manipuliert scheint seit der Aufklärung in der Tat vieles zu sein. Seitdem Gott offiziell für tot erklärt wurde, gefallen sich manche Bereiche der modernen Wissenschaft in einer selbstvergottenden Attitüde: der Homo-Mensura-Satz wird immer ungehemmter verfälscht. Statt groß, also mit echtem Respekt vor dem göttlichen Schöpfer und dem ebenbildlich geschaffenen Geschöpf zu denken, verfängt man sich in technologische Kleingeisterei. Die Krone der Schöpfung wird zum Ersatzteillager erklärt, zum Maßstab-Geber für technische Innovationen. Wobei der Ausgang derartiger Experimente völlig offen ist. Selbst warnende Beispiele in Film und Kultur können den moralisch ungehinderten Forscher- und Konstruktionsgeist der Postmoderne, so wie es aussieht, nicht mehr aufhalten. Aldous Huxleys Zukunftsroman „Schöne neue Welt“, für viele Menschen seit langem eine Warntafel vor einer technisch normierten Zukunft ohne menschliche Freiheit – manche Wissenschaftler und Konstrukteure deuten ihn inzwischen unausgesprochen als Manifest einer Neuen Weltordnung. So und nicht anders könnte, müsste die Zukunft aussehen.

Immer stärker kann man den Eindruck gewinnen: Menschmaschinen, Klone und Roboter sollen gesellschaftsfähig gemacht werden. Trotz vieler früher Warnungen. In Fritz Langs Film „Metropolis“ beispielsweise betrat 1927 erstmals eine menschliche Maschine die Kinoleinwand. Zwar schrieb Science-Fiction-Autor H. G. Wells („Die Zeitmaschine“) in seiner Rezension für die New York Times vom 17. April 1927, der Film präsentiere „eine turbulente Konzentration aus fast jeder denkbaren Blödsinnigkeit, Klischee, Plattitüde und Chaos über den mechanischen Fortschritt und den Fortschritt im Allgemeinen, serviert mit einer Sauce von Sentimentalität […]“, doch das Motiv einer technik-dominierten Welt, in der der freie Mensch zum Diener einer komplexen Maschinerie degradiert wird, hat seitdem nichts an Aktualität verloren. Der Klassiker der expressionistischen Filmkunst ist bis heute verblüffend aktuell. Auch wenn die Botschaft kaum noch vernommen wird: Die Welt stürzt in der Filmhandlung nämlich ins Chaos, weil ein Roboter ein destruktives Eigenleben entwickelt.

Verblüffend kritisch und hellsichtig ist auch ein anderer Film: Stanley Kubricks cineastisches Meisterwerk „2001 – Odyssee im Weltall“, in dem der Raumschiff-Computer „HAL“ sich als digitaler Soziopath entpuppt. Ohne verlässlichen moralischen Kompass, dafür mit kognitiver Intelligenz ausgestattet, erwacht er zu eigenständigem Leben und wendet sich gegen die Besatzung. Der einzige überlebende Astronaut des von „HAL“ getöteten Astronautenteams enthirnt daraufhin den monstergewordenen Meisterrechner, der auch prompt degeneriert. Als ihm der Arbeitsspeicher entzogen wird, singt er am Ende ein Kinderlied, bis er endgültig verstummt.

In der Realität auf der Erde sieht es mittlerweile verdächtig ähnlich aus. Schon heute sind die Einsatzgebiete „Künstlicher Intelligenz“ vielfältig: Roboter entschärfen Bomben und tauchen in die Tiefen der Ozeane. Auch die Raumfahrt ist bei ihren Missionen auf die Unterstützung von Robotern angewiesen. Bereits in den 1960er Jahren setzte General Motors Roboterarme ein, die inzwischen in der weltweiten Industrieproduktion unentbehrlich sind. Im Medizinbereich führen Roboter Operationsabschnitte im Tausendstel-Millimeter-Bereich durch, präziser, als ein Chirurg es jemals könnte. Zum Schreiben bestimmter Artikel ist das Textverständnis künstlicher Intelligenz heute schon weit fortgeschritten. US-Unternehmen wie „Marketbrief“ und „Narrative Science“ lassen ihre Programme auf Basis strukturierter Daten Artikel für Kunden schreiben. Damit nicht genug. Längst ersetzen technische Spielzeuge, lernfähige Mini-Roboter und Computerprogramme in Kinderzimmern Puppen und Teddys.

Die Forschung arbeitet währenddessen emsig daran, die Maschinen humaner zu machen und den menschlichen Körper zu optimieren. Dem von Verfall und Krankheit bedrohten Menschen wird ein ökonomisch besser verwertbares Modell, der „robo sapiens“, gegengestellt. Vielleicht ist es eines Tages sogar möglich, immer mehr Teile des Gehirns durch Chips zu ersetzen. Doch geht dann das menschliche Bewusstsein tatsächlich komplett in einen Computer über? Und falls ja: Handelt es sich dann wirklich noch um einen Menschen oder schon um eine Maschine oder eben um einen Maschinen-Menschen a la La Mettrie? Ernste Fragen, auf die man bislang noch keine ausreichenden Antworten hat. Weder technisch noch ethisch.

Doch wieso eigentlich ethisch? Kann man den ganzen Fortschritt nicht als großes Spiel, als große Performance wie Kraftwerk betrachten? Tatsächlich wirken viele technische Neuerungen im Maschinenbereich auf den ersten Blick ganz harmlos, wie 1997 in Philadelphia, als der Computer „Deep Blue“ den damals amtierenden Schach-Weltmeister Garri Kasparow schlug. Dazu bedurfte es eines tonnenschweren Ungetüms mit 256 parallel geschalteten Computerprozessoren. Der Sieg der Maschine gegen das menschliche Genie war vielen Agenturen eine schmunzelnde Nachricht wert. Dass es bei derartigen Begegnungen zwischen Mensch und intelligenter Maschine aber nicht nur um die Rubrik Spiel und Spaß geht, wissen wir eigentlich schon seit den 1950er Jahren. Damals entwickelte der britische Mathematiker Alan Turing den Maßstab für maschinelle Intelligenz: Der mittlerweile nach ihm benannte Test sollte die Frage beantworten, ob Maschinen denken können. Dazu chattet ein Tester parallel mit einer Testperson und einer Maschine, ohne zu beiden Sicht- oder Hörkontakt zu haben. Testperson und Maschine müssen den Tester von ihrer denkenden Existenz überzeugen. Sobald die Maschine die menschliche Kommunikation so gut imitiert, dass keine Unterscheidung mehr möglich ist, darf sie als intelligent gelten. Bis heute ist das nicht gelungen.

Die radikalen Wissenschaftspropheten tangiert das allerdings wenig. Der Futurist Ray Kurzweil („Menschheit 2.0“), für seinen unerschütterlichen Glauben an den Fortschritt bekannt, erklärt: „Ein simuliertes Gehirn kann lernen wie ein Kind“ – und glaubt an Maschinen, die wie Kinder lernen. Das gebe, so Kurzweil, Aussicht für die Hoffnung auf ewiges Leben. Womit wir schließlich doch noch bei der religiösen oder pseudoreligiösen Dimension der Maschinenwelt gelangt sind. Denn: die Sehnsucht, auf diese Weise den biologischen Tod zu überleben, kann man eigentlich nur religiös deuten. Mag diese Sehnsucht bei Kurzweil& Co. auch durch die Hybris der technischen Selbstvergottungsabsicht entstellt sein. Doch dies zeigt nur eins: Was in unserer verkopften Wissenschaftswelt dringend gebraucht wird, ist eine Aufklärung von der Aufklärung. Der aufklärerische Ansatz, ein Ansatz ohne Gott und Ehrfurcht vor den menschlichen Grenzen, führt in die Irre, führt den Menschen und sein Streben ad absurdum. Einfach dadurch, dass man vergisst, dass der Mensch selbst keine Maschine ist, sondern viel mehr Potenzial besitzt. So ist der Mensch ein Wesen, das nicht nur Handlungen ausführt und denkt, sondern ein Geschöpf, das fühlt, das Phantasie besitzt und – was vollkommen übersehen wird – zum spirituellen Kommunikationsprozess (Gebet) geeignet ist. Hyperintelligenzprogramme können kein menschliches Denken und Glauben ersetzen. Echte humane Forschung kann also nicht in ihren eigentlich viel zu engen technischen Grenzen existieren, in die sie seit der Aufklärung gepfercht wird; sie muss, wenn sie wieder wesentlich und wahrhaft großartig werden will, auch Gott mitdenken. Ansonsten bleibt die moderne Wissenschaftstheorie immer im Zukurzgedachten ihrer engen, funktionalen Logik hängen. Doch genau dort liegt momentan die große Gefahr: Durch die Atomisierung der Fakultäten hat die Wissenschaft offenbar die Übersicht verloren. So kommt es, dass Ex-Bhagwan-Jünger Peter Sloterdijk nicht nur über die Umstimmungserfahrung im Ashram meditiert, sondern, von fatalem Leichtsinn angekränkelt, aus seinem materialistischen Elfenbeinturm zum Klonen aufruft. Die Wiedergeburt bekommt auf diese Weise noch einmal eine neue Bedeutung, ein Teil des „robo sapiens“ würde, wenn man auf diesen grotesken Gedankenwellen weiterspinnt, in Techniklabors wiederverwendungsfähig für den nächsten Menschapparat gemacht werden.

Besorgniserregende Phantasien, besorgniserregende Wirklichkeit. Doch das Kalkül der Fortschrittsgläubigen wird nicht aufgehen. Ebenso wie das Hexeneinmaleins der Alchimisten keinen Homunkulus erzeugte und die Kabbalisten keinen Golem ins Leben setzen konnten, ebenso wenig wird der beseelte Roboter auftreten. Er wird ein Traum, ein Alptraum bleiben. Gott lässt sich nicht ins Handwerk pfuschen. Ob der verirrte, forschende Mensch vor Ihm jedoch vollkommen straffrei bleiben wird angesichts seiner hybriden Experimente, das ist offen. Vermutlich wird er sich bei seiner technologischen Odyssee selbst bestrafen. Und sei es durch eine falsche Programmierung oder Einrostung.