„Wir lebten immer in diesem Mikrokosmos“

Der Dokumentarfilm „Zonenmädchen“ erzählt von fünf Dresdnerinnen – und was nach der Wende aus ihnen wurde. Von Josefine Janert

Die „Zonenmädchen“ blicken auf ihre Heimatstadt Dresden. Foto: Schüle
Die „Zonenmädchen“ blicken auf ihre Heimatstadt Dresden. Foto: Schüle

Die Filmemacherin Sabine Michel sucht nach Spuren der DDR in ihrer eigenen Biografie und in den Lebensläufen von vier gleichaltrigen Freundinnen. Sie kennen sich seit ihrem 16. Lebensjahr. Zur Wende waren sie junge Erwachsene, schafften im Sommer 1990 ihr Abitur. Sie wuchsen in Dresden auf, das in der DDR-Zeit „Tal der Ahnungslosen“ genannt wurde, weil die Menschen dort kein Westfernsehen empfangen konnten. Kaum waren die Grenzen gefallen, kaum hatten sie die Westmark in der Tasche, brachen die fünf Frauen auf in die große weite Welt. Ihre erste große Reise führte sie nach Paris. Von dieser Stadt hatten sie alle lange geträumt, hatten sich von Frankreich ein ungezwungenes, lässiges Leben erhofft.

Michels Dokumentarfilm, der am 14. November in den Kinos anläuft, heißt „Zonenmädchen“. Der Titel erinnert an das autobiografische Buch „Zonenkinder“ von Autorin Jana Hensel. Nach seinem Erscheinen 2002 stand es ein Jahr lang auf der Bestsellerliste. Die „Zonenmädchen“ aus dem Film sind etwas älter als die Generation, welche die 1976 geborene Jana Hensel beschrieb. Doch die Voraussetzungen, unter denen sie 1990 ein neues Leben begannen, ähneln sich: Die DDR hatten sie so lange miterlebt, dass sie sich als deren Bürger ein Urteil über sie bilden konnten. Und 1990 wechselten sie, ohne es erhofft oder geplant zu haben, in ein Gesellschaftssystem über, „für das sie nicht erzogen worden waren“, wie es im Film heißt.

Diesen Schritt haben die Fünf aus Dresden gut bewältigt: Alle haben eine interessante Arbeit, scheinen mit ihrem Leben zurecht zu kommen. Auch ihre Freundschaft haben sie bewahrt, über Kilometer und Jahre hinweg. Da ist die Deutschlehrerin, die wegen der Liebe in Paris geblieben ist und inzwischen französische Staatsbürgerin ist. Da ist die Anwältin, die zwischen Berlin, Paris und New York pendelt. Da ist die Psychologin und vierfache Mutter, und da ist Sabine Michel, die Filmemacherin, die beim Sender Freies Berlin volontiert und den Grimme-Preis gewonnen hat. Da ist die Kneipenwirtin, die mit einer Frau verheiratet ist. Dass zwei Protagonistinnen Claudia heißen und zwei Vera, führt zu Verwirrung, zumal die beiden Claudias ähnliche Frisuren haben und allein deshalb schwer auseinanderzuhalten sind.

Die Kamera begleitet die Fünf durch ihr heutiges Leben und zu den Orten ihrer Kindheit. Sie schauen sich in Plattenbausiedlungen um und gehen zu einer Schule, die inzwischen geschlossen und mit Brettern vernagelt ist. Das ist melancholisch, aber gleichzeitig schön, da man sieht, wie sehr die Frauen inzwischen über dieses Leben hinausgewachsen sind. Super-8-Filme und Fotos aus den siebziger und achtziger Jahren ergänzen die Zeitreise. Kleine Mädchen fahren auf dem Dreirad, begrüßen den Nikolaus und essen auf Familienfeiern Kuchen. Sie singen im Chor, und die Stimme aus dem Off erzählt, dass sie sich dazumal nichts anderes vorstellen konnten, als in der DDR zu leben. Jedoch gab es Abweichungen von diesem Plattenbau-Leben: Die Eltern von Sabine Michel gingen Anfang der Siebziger für drei Jahre nach Afrika, wo ihr Vater Studenten in Naturwissenschaften unterrichtete. Ihr Kind nahmen sie mit. Eine der Frauen hatte einen russischen Vater. Sie verlebte ihre Kindheit in einem bürgerlichen Villenviertel Dresdens, dem Weißen Hirsch. Wir hören vom Leben ohne Gardinen und von Partys, während derer die Eltern auf den Tischen tanzten. Und wir erfahren auch, wie sich die Großeltern darüber echauffierten und wie toll die Mädchen das fanden. Der Film erzählt von privaten Katastrophen, und das nicht zu knapp. Als Elfjährige musste eine der Veras miterleben, wie ihre Mutter, eine völlig überforderte alleinerziehende Lehrerin, den Gashahn aufdrehte. Die Tochter wollte Hilfe holen, die Mutter verwehrte es ihr. „Wir blieben immer in diesem Mikrokosmos“, erzählt Vera heute. Einer anderen Mutter glückte der Selbstmord, nachdem ihr Baby bei der Geburt gestorben war. Die Filmemacherin Sabine Michel berichtet auch davon, wie sie als Kind gemobbt wurde, und von ihrer Einsamkeit: Wegen einer Erkrankung ihrer Wirbelsäule musste sie jahrelang in einem Gipskorsett zubringen. Es ist dem Film zugute zu halten, dass er solchen Berichten folgt, ohne sich mit vorwitzigen Fragen einzumischen. Mit ihrer Mimik und Gestik offenbaren die Frauen in diesen Situationen oft mehr als mit Worten.

Auf der Premiere in einem Berliner Kino fragte der Moderator Sabine Michel, was denn die Frauen nun aus der DDR mit in ihr heutiges Leben genommen hätten. „Na, das zeigt doch der Film!“, konterte Michel. Er liefert keine platten Antworten, das ist sein großes Plus. Jenseits aller Klischees über Ostdeutschland zeigt er, dass es das Bedürfnis nach Emanzipation ist, das diese Generation antreibt: sich von Rollenbildern befreien, auch denen des Westens, den eigenen Weg finden, auch wenn man manchmal dabei stolpert. Befreit hat sie sich auch von dem unangenehmen Beigeschmack, den das Wort „Zone“ ursprünglich einmal hatte. Für die Emanzipation findet Sabine Michel ein eindrückliches Bild: das Gipskorsett, das sie so lange tragen musste und auf das sie als Sechzehnjährige endlich verzichten durfte. Es bleibt zurück wie eine Puppe, aus der sich der Schmetterling befreit hat.