„Wir lassen uns nicht überwachen“

Während Regierungen weitere Enthüllungen über Datenspionage befürchten, greifen Bürger zur Selbsthilfe. Von Alexander Riebel

Mit Spaß im Widerstand: Immer mehr Menschen treffen sich weltweit auf sogenannten Cryptopartys und wollen das Verschlüsseln ihrer Computer lernen. Im Hintergrund des Plakats das Foto einer Mitarbeiterin der US-Navy, die im Zweiten Weltkrieg den Enigma-Code deutschen Militärs zu e... Foto: IN
Mit Spaß im Widerstand: Immer mehr Menschen treffen sich weltweit auf sogenannten Cryptopartys und wollen das Verschlüss... Foto: IN

Am Wochenende haben sich die Ereignisse in der Datenspähaffäre überschlagen. Am meisten heizte der ehemalige amerikanische Geheimdienstler Edward Snowden die Debatten an. Er soll noch gewaltige Mengen an Dokumenten besitzen, auch über den Aufbau des amerikanischen Geheimdienstes NSA. Der amerikanische Nachrichtensender CCN titelte, Snowden „könnte der schlimmste Alptraum für die Vereinigten Staaten werden“, womit der Journalist der britischen Zeitung „The Guardian“ zitiert wurde, der die Information bekannt machte – der Guardian hatte auch schon als erste Zeitung über Snowden berichtet. Tausende Dokumente habe Snowden an verschiedenen Orten „sichergestellt, dass mehrere Personen weltweit sein Archiv komplett haben“, erklärte der Guardian-Reporter Glenn Greenwald. Er nannte es eine Lebensversicherung für den „Whistleblower“. Denn sollte diesem etwas zustoßen, so würden alle Dokumente veröffentlicht werden. Und das wäre für die Vereinigten Staaten noch schlimmer als die bisherige Entlarvung der Geheimdiensttätigkeit im Auftrag der Regierung. Snowden hält sich seit dem 23. Juni im Transitbereich des Moskauer Flughafens auf, er habe aber noch keinen Asylantrag gestellt, wie russische Behörden gestern erklärt haben.

Weitere Erkenntnisse über Spionagetätigkeiten könnten auch wieder Deutschland betreffen, wo sich zunehmend das Gefühl breit macht, isoliert zu sein. Innenminister Friedrich hatte nach seinem Amerika-Besuch kaum etwas Neues zu berichten – in Deutschland seien durch die amerikanischen Spähprogramme fünf Anschläge verhindert worden: „Dieser edle Zweck, Menschenleben in Deutschland zu retten, rechtfertigt zumindest, dass wir mit unseren amerikanischen Freunden und Partnern zusammenarbeiten...“, meinte Friedrich. Immerhin sagte Bundeskanzlerin Merkel dagegen im ARD-Sommer-Interview am Sonntag: „Der Zweck heiligt nicht die Mittel“, womit sie meinte, dass sich Amerika auf deutschem Boden an deutsche Gesetze halten müsse. Wenn noch mehr Erkenntnisse herauskommen, könnte das für die CDU im Wahlkampf verheerend sein. Will Merkel deshalb schon mal das Problem auf die internationale Ebene verlegen? Auch wenn die Verhandlungen sehr lange dauern würden, hatte sie ein internationales Datenschutzabkommen im Rahmen der Vereinten Nationen angeregt.

Weil der Bundesnachrichtendienst (BND) nach Angaben der „Bild“-Zeitung bereits seit Jahren von den amerikanischen Überwachungstätigkeiten wusste, kann dies der Bundesregierung kaum verborgen geblieben sein. Die Zeitung hat herausgefunden, dass der BND bei der Entführung Deutscher in Afghanistan und im Jemen die amerikanischen Spähdienste in Anspruch genommen habe, um auf die letzten mail- und Telefonkontakte der Entführten zugreifen zu können. Der amerikanische Geheimdienst NSA dürfe in solch einer lebensbedrohlichen Lage 72 Stunden lang ohne gerichtliche Genehmigung auf die Kommunikationsdaten eines Entführten zugreifen. Diese Fälle zeigen, wie präzise das amerikanische System funktioniert.

Was tun, wenn man von Freunden ausspioniert wird? Man zieht sich zurück, spielt nicht mehr mit. Das können Staaten nicht so gut wie einzelne Bürger. Dass die Bürger es aber tun sollten, kommt immer mehr in den deutschen Medien zum Ausdruck, wie etwa die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ titelte: „Der Bürger selbst“: „Denn der beste Beschützer seiner Daten ist der Bürger selbst.“ Seit Jahren sagen Eltern schon, dass ihre Kinder sorgfältig mit eigenen Internetdaten umgehen sollen, weil diese abgespeichert werden. Man hat es schon lange gewusst, wenn auch noch die Beweise über das Ausmaß fehlten.

Damit nicht in Zukunft „digitale Technologien ... über Identität und Wert des Individuums“ entscheiden, wie jüngst FAZ-Herausgeber Schirrmacher befürchtete – immerhin saßen ja in den Fällen deutscher Entführter noch Menschen hinter den Computern –, versuchen die Bürger jetzt eigene Wege zu gehen. Computerlaien lernen auf „Cryptopartys“ das Verschlüsseln ihrer Mails und Festplatten. Digitale Alphabetisierung heißt das inzwischen. Die „Partys“ werden bereits in mehreren deutschen Städten organisiert, am Wochenende in Berlin, aber auch in Münster, Aachen oder Braunschweig. Die Veranstalter sprechen gern von Partys, weil es zuweilen auch Bier und Musik gibt. Wie eine Graswurzelbewegung entstanden die Workshops auf mehreren Kontinenten. Dabei gilt es oft erst einmal zu klären, dass die Verschlüsselungen legal sind, so groß ist inzwischen die Verunsicherung im Netz. Dabei bekommen die Teilnehmer eine Fähigkeit, die zwischen Hackern und normalen Internetnutzern liegt. Sinn der Übung ist es, sich gegen staatliche Internetzugriffe zu schützen, aber auch gegen das Ausspähen des heimischen PC durch Unternehmen, die genaue Nutzerprofile erstellen wollen. Die Botschaft ist: Viel persönliche Sicherheit mit wenig Aufwand, unter dem Motto: „Wir lassen uns nicht überwachen.“

Verschlüsseln ist kein Randthema mehr. In Zukunft wird es einen Wettlauf zwischen privaten Verschlüsslern und staatlichen Entschlüsslern geben. Auf jeden Fall ist die Eigeninitiative der schnellere Weg im Vergleich zur Forderung der Grünen und Linken im Bundestag, einen Untersuchungsausschuss zum Ausmaß der Datenspionage in der kommenden Legislaturperiode zu gründen, um dann aufgrund von Ergebnissen zu handeln. Denn nicht zuletzt könnte das eigene Verschlüsseln auch gegen Cyberangriffe helfen.