„Wir haben hier nicht einfach einen demokratischen Prozess“

Kardinal Marx betont Rolle des Lehramtes im Dialog der Kirche – bessere Debattenkultur gefordert. Von Clemens Mann

Kardinal Reinhard Marx. Foto: dpa
Kardinal Reinhard Marx. Foto: dpa

Für eine offenere und tolerantere Debattenkultur innerhalb der katholischen Kirche hat sich der Münchner Kardinal Reinhard Marx ausgesprochen. „Wir müssen fähig werden, Unterschiede auszuhalten und trotzdem einmütig zusammenzubleiben“, sagte der Erzbischof am Montag bei einem Podiumsgespräch in der katholischen Journalistenschule ifp in München anlässlich des 40. Jahrestages der Pastoralinstruktion „Communio et progressio“. Die Kirche müsse eine Streitkultur entwickeln, die vorbildhaft und kulturbildend für die Gesellschaft sei. Nach Marx befinde sich die Kirche in Deutschland derzeit in einer Zeit des Umbruchs, die von einer wachsenden Polarisierung geprägt sei. Nicht zuletzt durch das Internet und verschiedene Informationsplattformen würden die Reibungspunkte zwischen den kirchlichen Gruppierungen stärker zutage treten und die Reaktionen schärfer werden. Dass progressive und traditionelle Gruppen sich gegenseitig das Katholischsein absprechen und sich diffamieren, gehöre für Marx nicht zum christlichen Umgang. Während des Gesprächs bewertete der Kardinal – ohne explizit Namen zu nennen – die Aussage des früheren geistlichen Direktors des ifp, Pfarrer Michael Broch, Papst Benedikt XVI. fahre die Kirche an die Wand, als „kühn“. Broch musste nach umstrittenen Interviewaussagen sein Amt im August 2010 räumen.

Zum Dialogprozess der Deutschen Bischofskonferenz erklärte Marx, dass ein in der Kirche geführter Dialog keine Kommunikation darstelle, „die bei Null beginnt“. Kommunikation in der Kirche sei immer auch Kommunikation mit der Tradition und früheren Generationen von Gläubigen. Es gebe Grundeckpunkte innerhalb der Kirche, die lehramtlich verankert seien und an denen nicht gerüttelt werden dürfe. „Unter diesem Niveau können wir nicht bleiben“, sagte Marx und unterstrich dabei die Deutungshoheit des kirchlichen Lehramtes. Die Autorität des Papstes und der Bischöfe sei aus einem bereits zugelegten Kommunikationsweg in der Geschichte der Kirche erwachsen. „Wir haben hier nicht einfach einen demokratischen Prozess“, betonte Marx. Ebenso stelle der Dialogprozess keine „politische Debatte“ dar, bei der bereits bestehende Positionen diskutiert würden. Vielmehr gehe es um die Fragen, wo Kirche heute stehe und wie Kirche in der Zukunft aussehen könnte. Dennoch gebe es beim Dialogprozess die Möglichkeit, auch störende Themen zu benennen. Laut Marx sei es aber wenig hilfreich, immer die gleichen Themen anzusprechen, wie beispielsweise das Priestertum der Frau. Innerhalb der Kirche gebe es hierzu eine starke Gegenposition. Daran zu rütteln, führt zu einer Zerreißprobe, glaubt Marx.

In einer pluralen Welt den Glauben überzeugend künden

Das Internet und Web 2.0 bezeichnete der Münchner Erzbischof als eine neue Form, Gemeinschaften zu bilden. „Wenn ich in der Gesellschaft meine Position voranbringen will, brauche ich Verbündete“, erklärte Marx. Angesichts einer pluralen Gesellschaft, die dem Einzelnen große Freiheitsräume eröffne, stelle sich für Kirche die Frage, ob man in dieser Situation der Vielfalt die eigene Position überzeugend vertreten könne. Sich in eine Nische zurückzuziehen, sei nicht der Weg der Kirche. Evangelisation und Verkündigung des Glaubens bedeuten, sich auf eine bestehende Kultur und Gesellschaft einzulassen. „Nur was angenommen wird, kann gerettet werden“, sagte der Kardinal.

Das vielfältige Medienengagement der katholischen Kirche spiegelt nach Marx die verschiedenen Positionen innerhalb der Kirche wider. „Dass es nur eine Sicht der Dinge gibt, war schon immer falsch.“ Dennoch müsse die Kirche mehr versuchen, im Mediengeschäft mit einer einheitlichen und starken Stimme aufzutreten. Um „im Gespräch zu bleiben“ sei entscheidend, zeitnah auf die in den Medien behandelnden Themen zu antworten. Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass in Politik und Gesellschaft viele Akteure zu schnell handeln. Reflexion und Entschleunigung sei für die Kirche ebenso wie Klarheit und Transparenz wichtig. Die Menschen würden von der Kirche ein gründliches Nachdenken erwarten.

In das Podiumsgespräch leitete der neue geistliche Direktor des ifp, der Freiburger Domdekan Wolfgang Sauer, ein. Sauer bezeichnete die am 23. Mai 1971 veröffentlichte Pastoralinstruktion „Communio et progressio“, die sich mit der Wirkung und Funktionsweise sozialer Kommunikationsmittel sowie der Rolle der Medienmacher beschäftigt, als „Magna Charta“ der katholischen Journalisten. Es handle sich auch heute noch um ein „Dokument mit überraschender Modernität“.